Gesellschaft

Epidemiologe Dr. Tom Jefferson zu PCR-Breitentestungen: "Irgendetwas läuft hier gewaltig schief"

Die Zweifel an der medizinischen Evidenz von PCR-Breitentestungen scheinen sich zu erhärten. Der Epidemiologe Dr. Tom Jefferson hat viele Fallbeispiele untersucht und glaubt, dass PCR-Tests kein geeignetes Mittel sind, um eine COVID-19-Erkrankung festzustellen.
Epidemiologe Dr. Tom Jefferson zu PCR-Breitentestungen: "Irgendetwas läuft hier gewaltig schief"Quelle: Reuters © LUCY NICHOLSON

Der britische Epidemiologe Dr. Tom Jefferson ist Dozent für Evidenzbasierte Medizin an der Universität Oxford. Im Juli dieses Jahres machte er von sich reden, als er in einem Interview mit der Zeitung The Telegraph sagte, dass das aktuelle Coronavirus schon vor seinem Auftauchen in China auf der ganzen Welt "geschlummert" haben könnte – und zwar vor allem in Abwässern. Spuren des Erregers seien möglicherweise "immer da". Und irgendetwas, vielleicht Menschenansammlungen oder Umweltbedingungen, "entzünde" sie, und dies gelte es zu erforschen. Zudem könne es ein Hinweis darauf sein, dass Viren dieser Art so schnell auch wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht waren.

Dies hatte damals für eine gewisse Aufregung gesorgt. In einem aktuellen Beitrag für die britische MailOnline äußerte sich Jefferson nun zur Frage der Verlässlichkeit von PCR-Tests. Darin berichtet der Epidemiologe zunächst von einem "Strom beunruhigender Briefe und E-Mails", die er erhalten habe. Diese seien von "normalen Leuten" gekommen, die ihm "aus Verzweiflung" geschrieben hätten. Was sie gemein haben: Alle waren bei einem PCR-Test positiv getestet worden. Einige waren damals tatsächlich an COVID-19 erkrankt, andere blieben völlig symptomlos. Und wieder andere hatten nur einzelne Symptome gezeigt. Doch auch jetzt, Wochen oder gar Monate nach der ersten Positiv-Testung würde der PCR-Test immer noch ein positives Ergebnis zeigen.

Jefferson berichtet beispielsweise von einer Frau, die im Oktober im Krankenhaus positiv getestet wurde. Die bis heute andauernden Positiv-Ergebnisse würden nun Probleme für die Fortsetzung ihrer Krebsbehandlung verursachen. Denn im Krankenhaus ginge man davon aus, dass sie auch infektiös sei. Ein anderer Mann klagt über den Verlust seines Geruchssinns vor zwei Monaten – sein einziges Symptom. Doch auch seine Testergebnisse bleiben bis heute positiv. Jefferson geht daher davon aus, dass die Testergebnisse in den konkreten Fällen keine Evidenz für eine tatsächliche Erkrankung – und damit auch für Infektiosität – darstellen.

Der SPD-Gesundheitspolitiker Dr. Karl Lauterbach ließ sich vor einiger Zeit bei Markus Lanz noch zu der Aussage hinreißen: "Wenn der PCR-Test positiv ist, dann sind Sie auch infiziert. So einfach ist das." Doch es gibt Fälle wie die von Jefferson untersuchten auch hierzulande, und falsch positive Testergebnisse führten im Sport beispielsweise bereits dazu, dass Fußballspiele nicht stattfinden konnten oder einzelne Spieler ausfielen. Dies blieb auch medial nicht völlig unbemerkt. Jefferson schlussfolgert aus seinen Untersuchungen und den vielen konkreten ihm bekannten Fallbeispielen:

"Irgendetwas läuft hier gewaltig schief, aber weder die Politiker noch die Wissenschaftler, die sie beraten, geben das zu."

Seine Forschung habe dagegen ergeben, dass PCR-Tests "routinemäßig ungenau" sind. Den Fehler sieht Jefferson dabei in der Art, wie sie eingesetzt werden. Ein positives Ergebnis zeige zwar, dass jemand mit dem Virus in Kontakt gekommen ist und "wahrscheinlich irgendwann infiziert war". Doch ließe sich daraus nicht ableiten, wie lange der Kontakt zurückliegt, ob die Person (immer noch) erkrankt ist oder ob sie in der Lage ist, andere infizieren zu können.

In einigen Fällen könne die Virus-RNA beispielsweise in so geringen Mengen vorhanden sein, dass eine Person überhaupt nicht infektiös ist und keine Gefahr darstellt. In anderen Fällen könnten die Abstriche RNA aufnehmen, die so alt ist, dass sie völlig tot ist. Jefferson zieht daraus den Schluss, dass ein PCR-Ergebnis allein somit nicht für die Entscheidung maßgeblich sein könne, ob man sich selbst isolieren müsse oder eine Behandlung benötige. Zudem könne man nicht mit Sicherheit sagen, welcher Anteil der Ergebnisse unsicher ist. Und weiter:

"Wenn das in irgendeiner Weise repräsentativ wäre, müsste ich zu dem Schluss kommen, dass die offiziellen Coronavirus-Zahlen grob überschätzt wurden, mit all dem Schaden, den das mit sich bringt. (…) Jegliche Präzision wurde geopfert, und stattdessen stümpern wir vor uns hin – und sperren Menschen in ihren Häusern ein, was die Wirtschaft lähmt, noch lange nachdem die Infektion verschwunden ist."

Stattdessen sei entscheidend, jeden Fall aus allen Blickwinkeln zu betrachten, "so wie es uns im Medizinstudium beigebracht wurde". Das "verschwenderische Testsystem" könne dies gerade nicht. Jefferson beruft sich hier auch auf die Professorin Allyson Pollock von der Universität Newcastle. Nach deren Aussage seien die PCR-Tests ohnehin nie dafür ausgelegt gewesen, in der gesamten Bevölkerung eingesetzt zu werden. Die Anweisungen des Herstellers machten zudem deutlich, dass sie nicht mehr als ein Hilfsmittel für die Diagnose seien und dass sie "nicht bei gesunden Menschen ohne Symptome verwendet werden sollen". Jefferson selbst äußert sich dann so:

"Ich glaube, dass [die] neu entdeckte Testmanie ein Rückzug von der ordnungsgemäß durchgeführten klinischen Medizin ist, ebenso wie vom gesunden Menschenverstand. Und dass wir Zeugen eines Triumphs des Herdenverhaltens sind – eines teuren noch dazu."

Vielmehr sollte man sich auf verbindliche Laborstandards einigen, wie mit Test-Abstrichen umzugehen sei, damit ein Ergebnis überhaupt erst einmal sinnvoll mit einem anderen verglichen werden kann. Zudem müsse man die Breitentestungen stoppen und sich stattdessen auf diejenigen Menschen konzentrieren, bei denen Grund zu der Annahme besteht, dass sie auch tatsächlich erkrankt sind. Die Alternative dazu sei dagegen noch mehr quälende Konfusion und Verzögerung, mehr unnötiger Schaden für Leben und Lebensgrundlagen und mehr sinnloses Leiden.

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