Gesellschaft

Co-Regisseurin von Matrix: Es ist eine Transgender-Geschichte

Als der erste Matrix-Film 1999 erschien, reihte er sich umgehend in die Reihe großer Science-Fiction wie Blade Runner oder Krieg der Welten ein. Vor allem auch deswegen, weil er sehr viel Interpretationsspielraum ließ. Nun kommt eine neue Lesart der Matrix-Trilogie hinzu.
Co-Regisseurin von Matrix: Es ist eine Transgender-GeschichteQuelle: Reuters

Kaum ein Science-Fiction-Film der letzten Jahrzehnte hat derart Eingang in die Popkultur gefunden wie Matrix aus dem Jahr 1999. Zitate wie "Dies ist Deine letzte Chance. Danach gibt es kein Zurück mehr. Nimmst Du die blaue Pille – endet die Geschichte, Du wachst in Deinem Bett auf und glaubst, was immer Du glauben willst. Nimmst Du die rote Pille – bleibst Du im Wunderland und ich zeige Dir, wie tief der Kaninchenbau geht", gehören mittlerweile fast zur Allgemeinbildung.

Auch die Kritiker überschlugen sich seinerzeit bei der Besprechung des Films. So schrieb der Medienwissenschaftler Tilman Baumgärtel 1999 auf Spiegel Online "mit den opulenten Bildern" solle das Publikum "scheinbar erschlagen" werden – die "postmoderne Melange" spiele auf Gedanken der postmodernen Philosophie, Nietzsches und des Taoismus an und zitiere Cyberpunk-Filme wie Blade Runner, Total Recall und Brazil, aber auch Klassiker wie Cocteaus Orphée.

Diese "disparaten" Elemente würden verbunden zu einem Film, "der unterhaltsam und gleichzeitig intellektuell herausfordernd" sei. Natürlich sahen das nicht alle so. Der filmbegeistert slowenische Philosoph Slavoj Žižek zum Beispiel, äußerte sich ebenfalls 1999 weniger enthusiastisch:

"Als ich Matrix in einem lokalen Kino in Slowenien sah, hatte ich die einmalige Gelegenheit, nahe beim idealen Zuschauer des Films zu sitzen – nämlich bei einem Idioten. Ein Mann in den späten 20er-Jahren zu meiner Rechten war so in den Film vertieft, dass er die anderen Zuschauer ständig mit lauten Ausrufen wie 'Mein Gott, wow, also gibt es keine Realität!', störte. Ich ziehe ein solch naives Eintauchen definitiv den pseudo-intellektualistischen Lesarten vor, die die raffinierten philosophischen oder psychoanalytischen konzeptuellen Unterscheidungen in den Film projizieren."

Doch offenbar muss man gar nicht mit so massivem Kaliber bei der Interpretation des Films aufwarten. Die Co-Regisseurin Lilly Wachowski erklärte höchstpersönlich in einem Interview, dass die Matrix-Trilogie als "Transgender-Metapher" zu verstehen sei. Lilly Wachowski hatte die Filmreihe von 1999 bis 2003 gemeinsam mit ihrer Schwester Lana geschrieben und realisiert. Beide Schwestern haben sich in den Jahren danach als Transfrauen geoutet.

Lana Wachowski bezeichnete sich im Juli 2012 in einem Promotion-Video für den Film Cloud Atlas erstmals öffentlich als trans Frau. Lilly Wachowski gab 2016 eine Presseerklärung über ihr Coming-out heraus, in der sie erklärte, ebenfalls Transgender zu sein. Sie merkte darin spaßhaft an, die "Wachowski-Brüder" seien jetzt Schwestern.

In einem YouTube-Video für den Kanal Netflix Film Club blickt Lilly Wachoswki nun auf die Matrix-Filme zurück und beschreibt sie als Geschichte einer Transgender-Person. Die Filme handeln vom "Verlangen nach Transformation", allerdings sei die Geschichte aus dem Blickwinkel entstanden, als die Geschwister selbst noch gar nicht offen als Frauen lebten. "Ich bin froh, dass endlich rausgekommen ist, was unsere ursprüngliche Absicht war", so Lilly Wachowski. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Filme sei die Welt dafür noch nicht bereit gewesen, erklärte die Regisseurin.

In dem Film gibt es einzelne Hinweise für eine derartige Lesart – vor allem die Figur Switch. Im Originaldrehbuch des Matrix-Films wechselte Switch beim Eintritt in die Matrix das Geschlecht, was den Namen Switch prägte. In der realen Welt war Switch männlich, und in der Matrix weiblich. Die Produktionsfirma Warner Brothers entschied sich jedoch gegen diese Verwandlung. Die beiden Regisseurinnen gestalteten die Figur deswegen bewusst androgyn, um die ursprüngliche Idee nicht ganz zu verlieren.

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