Europa

Ukrainische Neonazis: Einflussreich und doch von Medien kaum beachtet

Bei einem kürzlich stattgefundenen Festival in der ukrainischen Hauptstadt Kiew wurden Nazi-Symbole gezeigt und sogar von "Weißer Macht" gesprochen. Westliche Medien berichteten hierüber kaum und behaupten felsenfest, in der Ukraine gebe es keine Nazis.
Ukrainische Neonazis: Einflussreich und doch von Medien kaum beachtet© Screenshot / YouTube / Національний Корпус

Offiziell war das Festival "Young Flame" (dt.: Junge Flamme) ukrainischen Traditionen gewidmet, wie Kampfkünsten, Schießen und Reiten. Die Webseite des Festivals, die inzwischen gelöscht wurde, sprach aber von ganz anderen, düsteren Sachen, als der Popularisierung einer gesunden Lebensweise.

In einem Promo-Video marschierten Männer mit Fackeln, aus denen "die Flamme des gerechten Zornes entstehen wird, die bis zum Morgengrauen brennt". Während des Festivals selbst zeigte ein großer Bildschirm die Worte "Sieg" und "Ehre" auf Deutsch sowie eine eindeutige Phrase auf Englisch "White Power" (dt.: Weiße Macht).

Die Veranstaltung wurde vom Regiment Asow organisiert, einem "Freiwilligenbataillon", das während des Konflikts in der Ostukraine berüchtigt wurde und jetzt Teil der ukrainischen Nationalgarde ist. Das Abzeichen des rechtsextremen und nationalistischen Regiments ist die Rune "Wolfsangel" auf blau-gelben Grund, die auch die SS-Verfügungsdivision kennzeichnete.

Der Anführer der Organisation Andrej Bilezkij habe laut des britischen The Telegraph behauptet: "Die historische Mission unserer Nation in diesem kritischen Moment ist, die weißen Rassen der Welt in einem finalen Kreuzzug für ihr Überleben zu führen". Er meinte einen "Kreuzzug gegen von Semiten angeführte Untermenschen".

Wo ist die Regierung?

Dies wirft die Frage auf, warum die Regierung in Kiew nichts unternommen hat, um diesem offenkundigen Nazi-Auftritt ein Ende zu setzen. Die Ultranationalisten brachten nach der Maidan-Revolution im Februar 2014 Petro Poroschenko an die Macht, und er war nicht geneigt, sich gegen sie zu stellen. Tatsächlich unterstützte er ihren Kult um Stepan Bandera, dem Anführer der ukrainischen Nationalisten im Zweiten Weltkrieg.

Ungeachtet dessen, dass Banderas Anhänger mit Nazi-Deutschland kollaborierten und Zehntausende Polen und Juden ermordeten, vertreten moderne ukrainische Nationalisten die Meinung, diese Zusammenarbeit sei "erzwungen" gewesen und Bandera habe in erster Linie gegen Kommunisten gekämpft – was aus ihm einen Nationalhelden macht. Der Geburtstag von Bandera, der 1. Januar, wurde in diesem Jahr in der Ukraine ein Staatsfeiertag. Seit dem Jahr 2015 wird der Tag mit Fackelzügen durch das Stadtzentrum von Kiew gefeiert.

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Auch ukrainische Gerichte haben sich für die Extremisten eingesetzt. Als der Kiewer Fernsehsender Hromadske die ultranationalistische Gruppe S14, auch bekannt als Sitsch (ukr.: Січ), als Neonazis bezeichnete, wurde er von der S14 verklagt. Das Gericht fällte das Urteil zu Gunsten von S14. Hromadske musste eine Geldstrafe zahlen – obwohl der Sender selbst ein wichtiger Akteur in den Protesten von 2013 und 2014 war, die zum Staatsstreich im Jahr 2014 führten. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch ficht die Entscheidung an, aber das Urteil blieb unverändert.

Die Gruppierung S14 wurde bekannt, als deren Mitglieder an Hitlers Geburtstag im Jahr 2018 ein Roma-Lager in Kiew zerstörten und die verängstigten Bewohner, auch Kinder, durch die Straßen jagten.

Was haben die Behörden getan? Sie gaben der S14 öffentliche Finanzierung für "national-patriotische Projekte" in Sommerlagern für junge Leute.

Die Medien schauen weg

Westliche Medien haben überwiegend über die Rolle von Nazis und Neo-Nazis in der Maidan-Revolution und im Krieg in der Ostukraine geschwiegen. Stattdessen vertuschten sie Erwähnungen über die Neonazis und sprachen von der von ihnen selbst erfundenen "russischen Aggression". Erst neulich, vor etwa einem Jahr, begannen die westlichen Medien, einschließlich Reuters, NBC, The Guardian, RFE/RL und andere, ihre Berichterstattung umzugestalten und ihre Besorgnis zum Ausdruck zu bringen.

Die Ukraine hat wirklich ein Problem mit Rechtsextremen, und das ist keine Erfindung der Kreml-Propaganda. Und es ist Zeit darüber zu sprechen.

Dies schrieb im Dezember 2018 der Journalist Michael Colborne in der jüdischen Zeitung Forward. Außerdem schrieb er über das Nazi-Festival in Kiew und das Regiment Asow, das Mixed Martial Arts (MMA) als Anwerbungsinstrument nutzt.

Neuer Präsident, alte Politik?

Der erstaunliche landesweite Wahlsieg von Wladimir Selenskij bedeutete einen Hoffnungsschimmer, dass die Regierung in Kiew ihre Denkweise und Stimmung ändern könnte. Selenskij hat, im Unterschied zu seinem Vorgänger, nicht Neonazis für seinen Amtsantritt zu danken, weil er von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung unterstützt wird. Trotzdem zögert er bislang noch mit der Kursänderung und bevorzugt stattdessen, sich zum Teil derselben Rhetorik zu bedienen, um alles für alle gleichzeitig zu sein.

Inzwischen marschieren die Neonazis weiter mit Fackeln, geben Konzerte, propagieren "Weiße Macht" und vergiften die Ukraine mit ihrer Ideologie der rassistischen und nationalistischen Feindseligkeit.

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