Europa

Wir sind die Guten: Geschichtsklitterung rund ums D-Day-Gedenken

Angela Merkel nimmt am D-Day-Gedenken teil und wird von den Briten als Vertreter einer damals alliierten Nation präsentiert. Ein Fauxpas, sicher, aber irgendwie auch nicht. Ebensowenig wie das Fehlen von Vertretern der Länder, die die Hauptlast des Krieges trugen.
Wir sind die Guten: Geschichtsklitterung rund ums D-Day-Gedenken© Twitter / The Royal Family

von Andreas Richter

Dieser Tage wird vor allem in Frankreich und England der Landung der West-Alliierten in der Normandie gedacht. Dieser 75. Jahrestag bietet einige Besonderheiten. Die alljährliche Frage, wer denn den Zweiten Weltkrieg entschieden und das faschistische Deutschland besiegt habe, wird implizit mit immer lauterer Vollmundigkeit beantwortet: Natürlich die West-Alliierten, allen voran die USA-Amerikaner und die Briten.

Ein Blick auf die historischen Tatsachen entlarvt diese Darstellung als Märchenstunde für die Nachkriegsgenerationen. Nur zur Erinnerung: Der Großteil der Divisionen der Wehrmacht kämpfte an der Ostfront, vier von fünf gefallenen deutschen Soldaten starben im Osten. In entgegengesetzter Richtung trugen bei der Verteidigung ihrer Heimat und letztendlich der Befreiung Europas die Völker der Sowjetunion die Hauptlast des Krieges, was sich auch an der Zahl ihrer Todesopfer zeigt, der militärischen wie der zivilen.

Es schmälert nicht die Anerkennung des Einsatzes und der Opfer der westalliierten Soldaten, darauf hinzuweisen, dass der Krieg vor Moskau, in Stalingrad und am Kursker Bogen seine entscheidenden Wendungen nahm, weder in Nordafrika noch auf Sizilien oder in der Normandie. Dass also die Zerschlagung der Heeresgruppe Mitte durch die Rote Armee der Wehrmacht das Rückgrat brach und nicht die Landung der Westalliierten in Frankreich.

Der großen Mehrheit der Europäer waren diese Tatsachen unmittelbar nach dem Krieg vollkommen bewusst. Jahrzehntelange Indoktrination führte zu einem Wandel in dieser Wahrnehmung, wie diese Grafik am Beispiel Frankreichs zeigt:

Einen wichtigen Teil dieser Indoktrination leisteten und leisten bis heute die Medien, auch die deutschen, auch wieder in diesen Tagen. Veranstaltungen, wie sie dieser Tage in Südengland und in der Normandie abgehalten werden, sind aber ebenso wichtig. In Portsmouth empfing die britische Königin Staatsoberhäupter und Regierungschefs der verbündeten Nationen, die am sogenannten D-Day beteiligt waren.

Nicht dabei waren Vertreter Russlands, Weißrusslands und der Ukraine, also der Nachfolgestaaten der Sowjetunion, deren Völker mit ihren Opfern die Landung an der französischen Atlantikküste überhaupt erst ermöglicht hatten. Selbst vor fünf Jahren war das noch anders. 

Interessanter noch: Zu den Vertretern der Alliierten gesellte sich diesmal die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Den ehemaligen Gegner zum Gedenken einzuladen, ist erst einmal nicht verwerflich, ihn aber als damaligen Verbündeten zu präsentieren, entbehrt nicht eines gewissen Zynismus.

Das britische Königshaus veröffentlichte einen Tweet, in dem die Begrüßung Merkels durch Königin Elisabeth zu sehen war. Die Beschreibung stellte sie als Führerin einer am D-Day beteiligten alliierten Nation dar. Der Tweet wurde später gelöscht.

Der Regierungssprecher der Kanzelerin postete später ein kurzes Video, in dem die Bundeskanzlerin erklärte:

Dass ich als deutsche Bundeskanzlerin heute dabei sein kann und dass wir heute gemeinsam für den Frieden und die Freiheit eintreten, das ist ein Geschenk der Geschichte, das es zu schützen und zu pflegen gilt.

Inszenierungen wie die am Mittwoch dienen letztlich dazu, gegenwärtige politische Allianzen zu rechtfertigen und zu legitimieren. Das ist nicht weiter ungewöhnlich. Problematisch wird es, wenn die Geschichte für derartige Zwecke schamlos verbogen wird und der wichtigste frühere Hauptverbündete der Anti-Hitler-Koalition aus heute politisch opportunen Gründen aus der Geschichte quasi wegretuschiert werden soll.

Man könnte fast den Eindruck bekommen, die Welt solle glauben, dass die tapferen Deutschen damals die Normandie an der Seite ihrer Alliierten von den bösen Russen befreit hätten. Und man wird an den britischen Premierminister Winston Churchill erinnert, dem nach dem Krieg der Ausspruch untergeschoben wurde: "Wir haben das falsche Schwein geschlachtet."

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