Der Geist aus der Parfumflasche - Täglich mehr Ungereimtheiten zur Nowitschok-Vergiftung in Amesbury

Nachdem der Überlebende von Amesbury, Charlie Rowley, aus dem Koma erwacht ist, werfen seine Hinweise ein neues Licht auf den Fall. Seine Aussage gibt Anlass zu Skepsis, denn sie scheint, wie aus einem schlechten Agentenkrimi entnommen.

Die Ereignisse um die angebliche Nowitschok-Vergiftung des Paars Dawn Sturgess, 44, und Charlie Rowley, 45, in Amesbury nehmen immer absurdere Züge an. Nachdem der überlebende Rowley aufgewacht ist, konnten Polizei und Medien aus Befragungen weitere Details des Falles ans Tageslicht bringen. Die machen den ganzen Vorfall wahrlich erst zu einer Verschwörungstheorie.

In einem kürzlich veröffentlichem Interview spricht Rowley erstmals darüber, wie es zu der Kontamination mit Nowitschok gekommen sein soll. Das Gift soll sich in einer Parfumflasche befunden haben. Rowley habe sie gefunden, aber an den Fundort erinnere er sich nicht. Er sei sich nur sicher, dass er sie in Salisbury gefunden habe. Er habe die Flasche einige Tage im Haus aufbewahrt, bevor er sie seiner Partnerin zum Geschenk machte. Die Flasche befand sich in einer Verpackung aus Pappe und war mit Cellophan versiegelt. Sie sah teuer aus, und Dawn kannte die Marke, so Rowley.

Sollte man diese Version glauben, dann muss man leider denken, dass die Polizei nach wochenlanger kleinschrittigster Arbeit eine versiegelte Parfumflasche, kein winziges Objekt also, nicht hat finden können. Das würde in der Tat ein schlechtes Licht auf die Polizeiarbeit werfen.

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Fragen um die Vergiftung

Zweimal fuhren Rettungswagen an 30. Juni zum Haus in der Muggleton Road in Amesbury, um Dawn Sturgess und Charlie Rowley zu behandeln. Zuerst am Morgen, als Sturgess kollabierte. Rowley beschreibt dem Sender itv, wie er zuerst die Cellophanversiegelung entfernen musste, da die Box versiegelt gewesen war. Rupert Evelyn von itv, der das Interview führte, sagte, Rowley habe ihm gesagt, die Verpackung musste mit einem Messer geöffnet werden. Dann habe er den Sprühaufsatz, der anscheinend nicht auf der Flasche angebracht war, draufschrauben müssen. Dabei habe er einige Tropfen auf die Hände bekommen.

Rowley sagte über das "Parfum": "Es war eine ölige Substanz mit sehr wenig Geruch. [...] Es roch gar nicht nach Parfum. Also habe ich es abgewaschen." Dennoch habe er seiner Partnerin die Flasche als Geschenk überreicht. Er habe sich nichts dabei gedacht.

Die Daily Mail will jedoch durch ein Telefongespräch mit seinem Bruder Matthew erfahren haben, Rowley habe einen leichten Ammoniakgeruch festgestellt.

Sturgess habe sich das Parfum auf die Handgelenke gesprüht und verrieben. Innerhalb von 15 Minuten habe sich ihr Gesundheitszustand rapide verschlechtert, und sie habe das Bewusstsein verloren.

Rowley schien der Kontakt mit dem vermeintlichen Gift erst weniger geschadet zu haben. Er ist nach dem Kollaps seiner Freundin noch zu einer Apotheke gegangen, um sein Methadonrezept abzuholen. Erst um 18:20 Uhr, fast acht Stunden später, kamen Rettungskräfte ein zweites Mal, um Rowley abzuholen und zu seiner Partnerin ins Salisbury District Hospital zu bringen, wo auch schon die Skripals behandelt wurden. Die Polizei des Distrikts Witshire ordnete den Fall erst als unkritisch ein, da beide über eine Drogenvergangenheit verfügten.

Diverse britische Medien haben eine andere Version der Geschichte. Danach soll sich Rowley erst vergiftet haben, nachdem Sturgess ihm die Flasche zurückgegeben habe. Dabei sei die Flasche zerbrochen, und der Inhalt habe sich auf Rowleys Hände ergossen. Dies soll zur Vergiftung Rowleys geführt haben.

Auffällig ist an diesem Hergang, dass Rowley das Gift an Sturgess weitergab, obwohl es sich offensichtlich nicht um Parfum handelte. Die von Rowley beobachtete ölige Konsistenz widerspricht auch der offiziellen Darstellung, bei den Skripals habe es sich um Gel gehandelt.

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Ein später Fund

Sturgess und Rowley lagen im Koma. Erst, als beide nicht auf die üblichen Behandlungsmethoden reagierten, zogen Sicherheitskräfte eine Verbindung mit dem Vorfall in Salisbury. Die Behörden gingen mit dem Fall an die Öffentlichkeit. Der stellvertretende Beauftragte für Spezialoperationen, Neil Basu, sagte, Tests in Porton Down hätten die Befürchtungen bestätigt, dass es sich um eine Vergiftung mit Nowitschok handelt. Aber noch sei nicht klar, ob es dasselbe Gift wie in Salisbury war.

Dawn Sturgess erlag am 8. Juli im Krankenhaus der Vergiftung. Damit ist sie die einzige von fünf Personen, die angeblich durch Nowitschok von Wiltshire getötet wurde. Das ergibt einen "Erfolgsquote" von 20 Prozent für das angeblich tödlichste Nervengift der Welt.

Die Polizei sagte am 13. Juli, sie habe eine kleine Flasche im Haus von Charlie Rowley gefunden, die Nowitschok enthalte. Also erst volle neun Tage nachdem die Behörden auf eine Nowitschokvergiftung hingewiesen hatten, wurde das Haus der Opfer untersucht und das Gift gefunden. Sehr seltsam ist, dass die Polizei anscheinend das Haus Rowleys nicht oder so oberflächlich durchsucht hat, dass die Flasche mit dem Gift erst so spät entdeckt wurde. Insbesondere dann, wenn sie nahe an dem Ort gelegen hat, wo Dawn Sturgess zusammengebrochen war.

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Der Überlebende wird abgeschottet

Charlie Rowley wurde nach 20 Tagen Aufenthalt aus dem Krankenhaus entlassen. Momentan befindet er sich nach britischen Medienberichten an einem geheimen Ort. Sein Bruder Matthew machte sich große Sorgen: "Er sagte, die Polizei sei bei ihm. Ich stelle mir vor, dass sie seine Anrufe abhören." Matthew fügte hinzu: "Das Telefon, das er hat, ist so einfach, dass es nicht einmal eine Kamera hat, geschweige denn Internet.

Er habe noch keinen Fernseher, kann aber manchmal mit seinem Bruder telefonieren. Charlie sagte: "Ich würde wirklich gerne eine Flasche Wein trinken gehen. Ich bin sehr froh, aus dem Krankenhaus raus zu sein, aber ich bin in einem Zimmer gefangen und habe viele Medikamente genommen. Ich wurde für eine Zigarette rausgelassen, aber ich bin sehr gelangweilt."

Da es sich bei Rowley wie auch Sturgess nur um zufällige Opfer der "Giftrussen" handelt, warum soll Rowley weiter Polizeischutz erhalten? Ausplaudern kann er nichts.

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Wo sind die anderen Opfer?

Der ehemalige russische Spion Sergei Skripal und seine Tochter Yulia erkrankten, nachdem sie in Salisbury mit Nowitschok vergiftet worden waren. Frau Skripal wurde im April aus dem Salisbury District Hospital entlassen, ihr Vater im Mai. Der Polizist Nick Bailey wurde nach dem Angriff auf die Skripals ebenfalls schwer krank und verbrachte fast drei Wochen im Krankenhaus.

Alle haben eine fast wundersame Heilung hinter sich, nachdem die Zustände immer als sehr kritisch beschrieben worden waren. Wichtiger als die Genesung ist jedoch die Frage, wo die Überlebenden abgeblieben sind. Von allen fehlt bis heute jede Spur. Scotland Yard erklärte, die Skripals sollen gegen erneute mögliche Angriffe geschützt werden. Aber Nick Bailey ist immer noch nicht zum Dienst erschienen und wird auch nicht von Medien besucht.

Es ist nicht zum ersten Mal vorgekommen, dass die Behörden ihre Version des Hergangs anpassen, um einen kohärenten zu erschaffen. Auch im Fall von Rowley und Sturgess wird mit Sicherheit noch das ein oder andere Detail abgeändert. Innenminister Sajid Javid warf dem russischen Staat vor, Großbritannien als "Abladeplatz für Gift" zu nutzen, und forderte vom Kreml eine Erklärung für die beiden Vorfälle.

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