Europa

Seeblockade verschärft Krise: Ukraine droht Einbruch des Getreideexports

Der ukrainische Getreideexport droht massiv einzubrechen. Blockierte Schwarzmeerhäfen, teure Landrouten und Beschränkungen der Nachbarländer setzen die Landwirtschaft unter Druck. Kiew warnt zudem vor steigenden Weltmarktpreisen.
Seeblockade verschärft Krise: Ukraine droht Einbruch des Getreideexports© Urheberrechtlich geschützt

Der Getreideexport aus der Ukraine steht aufgrund zunehmender Behinderungen des Schiffsverkehrs über das Schwarze Meer unter massivem Druck. Dadurch wird eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes gefährdet, und die Probleme der ukrainischen Landwirtschaft werden zugleich verschärft.

Laut einer Prognose des ukrainischen Landwirtschaftsministeriums, über die Bloomberg berichtet, könnten die ukrainischen Exporte landwirtschaftlicher Erzeugnisse im Wirtschaftsjahr 2026/27 auf rund 29,6 Millionen Tonnen sinken. Das wäre ein Rückgang um 54 Prozent gegenüber den zuvor erwarteten 64,4 Millionen Tonnen. Beim Weizen könnte der Export demnach um 53 Prozent auf 8,3 Millionen Tonnen zurückgehen.

Eine später veröffentlichte offizielle Prognose fiel etwas weniger pessimistisch aus. So erklärte Landwirtschaftsminister Taras Wyssozki Reuters, Kiew rechne inzwischen mit einem Getreideexport von 38 bis 40 Millionen Tonnen im Wirtschaftsjahr 2026/27, zuvor waren 43 Millionen Tonnen erwartet worden. Auch diese Prognose bedeutet einen deutlichen Rückgang.

Häfen als entscheidender Engpass

Der Grund für den Einbruch liegt vor allem in den Problemen an der ukrainischen Schwarzmeerküste. Normalerweise werden mehr als 90 Prozent der ukrainischen Getreideexporte über Seehäfen abgewickelt. Dabei spielen die Häfen von Odessa, Tschernomorsk und Juschny eine zentrale Rolle. Seit Ende Juli ist der Schiffsverkehr infolge der Angriffe auf die Hafenregion jedoch erheblich eingeschränkt. Laut ukrainischen Angaben laufen Schiffe mit Agrarprodukten die Häfen nicht mehr an. Wyssozki erklärte dazu am 23. Juli:

"Das ist eine Entscheidung der Reeder – der Staat hat seinerseits nichts eingeschränkt."

Auch ausländische Reedereien reagierten auf die Sicherheitslage. So hatte die dänische Maersk am 22. Juli angekündigt, die Entladung ihrer Schiffe vom ukrainischen Tschernomorsk in den rumänischen Hafen Constanța zu verlegen. Laut der ukrainischen Zeitung Ekonomitscheskaja Prawda entstehen durch jeden Tag des Stillstands in den Häfen von Odessa, Tschernomorsk und Juschny rund 70 Millionen US-Dollar entgangene Exporterlöse.

Exporte brechen ein

Die Auswirkungen zeigen sich bereits in den aktuellen Exportzahlen. So ging der Weizenexport in den ersten zwölf Augusttagen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum laut dem ukrainischen Portal Strana.ua um das 4,3-Fache auf 175.000 Tonnen zurück. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es noch 759.000 Tonnen gewesen. Der Gerstenexport sank demnach um das 5,6-Fache auf 37.000 Tonnen und der Maisexport um das 2,7-Fache auf 68.000 Tonnen. Insgesamt wurden für die ersten Augusttage lediglich 463.000 Tonnen Getreideexporte gemeldet. Landwirtschaftsminister Wyssozki warnte vor möglichen Folgen für den Weltmarkt:

"Wenn es so weitergeht, werden wir erneut einen weltweiten Preisanstieg von mindestens 25 bis 30 Prozent erleben – mit all den Folgen, die wir 2022 bei der globalen Lebensmittelinflation hatten."

Lagerkapazitäten werden knapp

Die Exportprobleme treffen die Ukraine ausgerechnet während der laufenden Ernte. Weil große Mengen Getreide nicht wie gewohnt ausgeführt werden können, füllen sich die ukrainischen Lagerhäuser. Nach den Angaben aus Kiew könnten sich bis Anfang November rund 59 Millionen Tonnen Getreide in den Speichern befinden. Bis zum Ende des Herbstes könnte dadurch ein Fehlbedarf bei den Lagerkapazitäten von rund elf Millionen Tonnen entstehen.

Die Situation stellt die Landwirte vor zusätzliche Probleme: Wenn die neue Ernte nicht abtransportiert werden kann, fehlen Lagerplätze für die nächste Ernte – und damit auch die Einnahmen, die für die Finanzierung der kommenden Aussaat benötigt werden. Die direkten Schäden für den ukrainischen Agrarsektor könnten sich in diesem Jahr nach Einschätzung des Landwirtschaftsministers auf 1,5 bis drei Milliarden US-Dollar belaufen.

Teure Alternativen über Land

Kiew versucht deshalb, die ausgefallenen Seewege durch alternative Transitrouten zu ersetzen. Doch diese können die bisherigen Mengen bislang nicht annähernd kompensieren. Der Transport über Land ist den vorliegenden Angaben zufolge pro Tonne um 50 bis 70 US-Dollar teurer als der Seeweg. Damit wird der Export für viele Unternehmen unwirtschaftlich.

Zusätzliche Schwierigkeiten bereiten die Beschränkungen der Nachbarländer. So halten Polen, Ungarn und die Slowakei an ihren Importbeschränkungen für ukrainische Agrarprodukte fest. Polen erlaubt zwar den Transit von Getreide, doch befürchten polnische Landwirte zugleich, dass ukrainische Ware illegal auf den heimischen Markt gelangen könnte.

Kiew vereinbarte außerdem mit Bukarest eine Ausweitung der Lieferungen über den rumänischen Hafen Constanța. Die ukrainische Eisenbahngesellschaft Ukrsalisnyzja ist auf der Suche nach weiteren Transitrouten. Zudem prüft die Ukraine einen Bahntransport über Moldau nach Constanța. Die geplante Route könnte nach bisherigen Angaben bis zu 4,5 Millionen Tonnen Getreide pro Jahr befördern. Auch die Donau als alternative Transportader stößt an ihre Grenzen. Eine Dürre hat den Wasserstand teilweise stark reduziert und damit den Transport von Agrargütern erschwert.

Kiew bittet EU um Unterstützung

Um die Folgen der Krise abzufedern, hat die ukrainische Regierung verschiedene Unterstützungsmaßnahmen für die Landwirtschaft beschlossen. Unter anderem wurden zinsverbilligte Kredite für Agrarbetriebe genehmigt. Darüber hinaus bat Kiew die EU-Kommission um Zuschüsse in Höhe von 220 Millionen Euro. Mit diesen Mitteln sollen unter anderem die Zinsen für Kredite an kleine und mittlere Landwirtschaftsbetriebe subventioniert werden.

Der ukrainische Agrarsektor ist für die Wirtschaft des Landes von herausragender Bedeutung. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete er mehr als die Hälfte der ukrainischen Exporterlöse. Ein anhaltender Einbruch der Ausfuhren würde deshalb nicht nur die Landwirte, sondern auch die Deviseneinnahmen und die wirtschaftliche Stabilität des Landes erheblich belasten.

Gefahr für den Weltmarkt

Die Entwicklungen in der Ukraine könnten auch internationale Auswirkungen haben. Das Land zählt zu den weltweit bedeutendsten Exporteuren von Weizen, Mais und anderen Agrarprodukten. Länger andauernde Lieferunterbrechungen könnten die Preise auf den Weltmärkten in die Höhe treiben. Die ukrainische Regierung warnt bereits vor einem möglichen Preisanstieg von 25 bis 30 Prozent. Besonders betroffen wären Länder, die traditionell auf Getreidelieferungen aus dem Schwarzmeerraum angewiesen sind.

Gleichzeitig versucht Russland, seine eigenen Getreideexporte über alternative Routen aufrechtzuerhalten. Auch die russische Seite warnt jedoch vor möglichen Folgen für die weltweite Versorgung, nachdem es zuletzt ebenfalls zu Angriffen auf Infrastruktur und Handelsschiffe im Schwarzmeerraum gekommen ist.

Damit entwickelt sich die Blockade der ukrainischen Seeexporte zu einem Problem, das weit über die Landwirtschaft hinausgeht. Für Kiew stehen Exporterlöse, Lagerkapazitäten und die Finanzierung der nächsten Ernte auf dem Spiel. Auf den internationalen Märkten stellt sich dagegen die Frage, wie lange die fehlenden Lieferungen aus dem Schwarzmeerraum durch andere Exportwege und Anbieter ausgeglichen werden können.

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