
Donezk-Tagebuch "Frühstück unter Bomben" ‒ Vier Jahre ohne Duschen

Von Wassilissa Sacharowa
Eine Bekannte von mir, Rita (Name geändert), erlebte im Corona-Winter einen Totalausfall der Therme in ihrer Berliner Wohnung. Vier Monate lang hatte sie weder Heizung noch Warmwasser. Als ihr Vermieter auf ihre wiederholten Bitten, die alte Anlage endlich zu reparieren, nicht reagierte, wurde sie so sauer, dass sie den Vermieter verklagte. Menschen, denen sie diese Geschichte erzählte, konnten ihre Empörung nachvollziehen: Nicht nur fror Rita in ihrer eigenen Wohnung, sie konnte sich zudem nicht mal duschen.

Rita gewann den Prozess. Der Vermieter musste ihr eine erhebliche Summe für die vier Monate entschädigen und eine neue Therme einbauen lassen.
Auch wenn Rita vier Monate lang ausharren musste, kann man ihre Geschichte am Ende doch als eine Erfolgsgeschichte bezeichnen. Warum? Weil die Gerechtigkeit gesiegt hat.
Ein Zustand, von dem die knapp 900.000 Menschen in Donezk nicht einmal zu träumen wagen. Nur die wenigsten in Deutschland können den Schmerz der Donbass-Bevölkerung nachvollziehen. Kein Wunder, denn in den Medien wurde fleißig daran gearbeitet, dass diese nicht mehr als Menschen wahrgenommen werden. Doch es sind Menschen.
Tatjana ist eine in Donezk lebende, 70 Jahre alte Rentnerin, die ihr Leben lang in den ukrainischen Rentenfonds eingezahlt hatte, nur um am Ende zu erfahren, dass sie so gut wie nichts davon bekommen wird. Das geschah, weil die ukrainische Regierung die Auszahlungen von Renten an die Anwohner von Donezk und Lugansk im Dezember 2014 einstellte. Seitdem hat sich Russland verpflichtet, diese Aufgabe zu übernehmen und die auszuzahlenden Renten zu erstatten.
Tatjana arbeitet nebenbei als Sanitäterin in einem Krankenhaus – nicht weil die Rente nicht reichen würde, sondern vor allem, um am sozialen Leben teilzuhaben. Viele Frauen dort haben im Krieg ihre Männer und Söhne verloren. Die Arbeit ist nicht besonders anstrengend, und die Beschäftigten erhalten auf diese Weise ein sicheres zusätzliches Einkommen sowie eine Krankenversicherung.
Seit Februar 2022 kommen regelmäßig verwundete Soldaten ins Krankenhaus. Tatjana sammelt deren stark verschmutzte Kleidung von der Front ein, um sie zu waschen. Eine Aufgabe, die heute ungleich mehr Aufwand erfordert als noch vor vier Jahren.
Denn die zentrale Wasserversorgung in Donezk und Lugansk ist seit dem Frühjahr 2022 weitgehend zusammengebrochen. Das zentrale Wasserkontrollzentrum "Donbass Wasser" steht unter ukrainischer Kontrolle. Seither fließt Wasser nur noch wenige Stunden pro Woche durch die Donezker Leitungen.
In dem Krankenhaus, in dem Tatjana arbeitet, gibt es im Keller einen großen Wasserbehälter, von dem aus das Wasser täglich in die Waschmaschinen gelangt. Das Krankenhaus bildet jedoch eine Ausnahme.
In den privaten Haushalten fehlen solche internen Reservoirs. Die Bewohner füllen, wenn Wasser kommt, große Plastikflaschen ab. Wer an dem angekündigten Wochentag und zur angekündigten Uhrzeit nicht zu Hause ist, hat Pech gehabt. Doch nicht jeder kann beispielsweise an einem Mittwoch um 14 Uhr daheim sein.
Wasser ist zu einem knappen Gut geworden. Im Gegensatz zu dem, was in proukrainischen Medien oft behauptet wird – nämlich, dass korrupte lokale Machthaber sich nicht um Wartung und Kläranlagen gekümmert hätten –, war das Wasser in Donezk und Lugansk bis 2022 stets vorhanden. Dass es in Donezk wegen des angeblich trockenen Klimas schon immer knapp gewesen sein soll, ist mir neu – und das, obwohl ich dort aufgewachsen bin. Ich frage mich, ob manche Journalisten und ihre Leser Donezk mit Syrien oder dem Irak verwechseln.
Vermutlich gehen diese Journalisten stillschweigend davon aus, dass ihre Leser zu einer der beiden folgenden Kategorien gehören:
- Kategorie 1: Menschen, die nicht gern denken.
- Kategorie 2: Menschen, die nur Nachrichten konsumieren, die ihren bestehenden Glauben bestätigen, statt aufgeklärt zu werden.
Nichtsdestotrotz muss ich einräumen: Kaum ein Bewohner von Donezk würde bestreiten, dass die dort Regierenden korrupt sind. Auch ich bin überzeugt, dass die Wasserleitungen nicht angemessen saniert und gewartet wurden. Dennoch floss das Wasser all die Jahre durch die Leitungen. Es nachhaltig und umfassend zu stoppen, kann nur vom zentralen Kontrollzentrum ausgehen – und das liegt in den Händen der ukrainischen Seite.
Berichte, die das Wasserproblem ausschließlich der Korruption der lokalen Machthaber zuschreiben, schieben damit lediglich die Verantwortung von der ukrainischen Seite weg. Umgekehrt versuchen die Donezker Behörden, ihre eigene Schuld dem Gegner anzulasten.
An dieser Stelle liegt die Wahrheit nicht irgendwo in der Mitte, sondern bei beiden: Die Donezker haben sich (aufgrund von Korruption) nicht ausreichend um die Wartung gekümmert, und die ukrainische Seite hat das Kontrollzentrum gekappt (ebenfalls aus politischen und korrupten Motiven). Der Krieg kommt beiden Seiten dabei gelegen – er bietet eine bequeme Ausrede, um eigene Fehler dem Feind in die Schuhe zu schieben.
Die eigentliche bittere Wahrheit für die Menschen in den umkämpften Gebieten lautet jedoch: Es ist ihnen herzlich egal, welche Seite schuld ist. Sie wollen einfach wieder normal duschen, Geschirr spülen und die Toilette benutzen können.
Stattdessen nimmt die 70-jährige Tatjana ihren Handkarren und läuft zur nächsten Straße, wo es einen Wasserkiosk gibt. Dort lädt sie mehrere 7-Liter-Flaschen auf und schiebt den Karren zurück in ihre Wohnung. Dieses Wasser dient zum Kochen, Trinken und zur Körperhygiene. An einem "Wassertag", an dem sie zu Hause ist, füllt sie zusätzlich Eimer und Behälter mit dem "technischen" Leitungswasser – für die Wäsche und die Toilettenspülung.
Wenn es wieder "kracht", würde Tatjana niemals in den Keller rennen. "Warum nicht?", frage ich sie. "Weil ich keine Lust habe, unter dem eingestürzten Haus lebendig begraben zu werden." Sicherer sei es, in den Flur zwischen den Wohnungen zu gehen – dort werde man wenigstens nicht von Glasscherben getroffen.
"Warum bleiben diese Menschen dort?", werde ich in Deutschland und Russland oft gefragt. Die kurze Antwort lautet: Weil das Leben als Flüchtling mit 70 nicht wirklich besser ist als das Leben im Kriegsgebiet.
Rentnerinnen wie Tatjana wägen die Vor- und Nachteile sorgfältig ab: Entweder eine Rente dort erhalten, wo man Menschen kennt, die einen auf Augenhöhe behandeln und verstehen – mit dem Risiko, von einem Geschoss getroffen zu werden. Oder vor dem Beschuss geschützt sein – mit dem Preis, die abbezahlte Wohnung und alle Habseligkeiten zurücklassen zu müssen und sich mit 70 in einer fremden Stadt, in der man niemanden kennt, noch einmal völlig neu behaupten zu müssen.
Die Menschen, die in Donezk bleiben, haben sich für die erste Variante entschieden.
Das Tagebuch "Frühstück unter Bomben" ist eine Reihe von Berichten aus Donezk. Das Ziel dieser Reihe ist es, der jahrelangen einseitigen Darstellung in der deutschen Öffentlichkeit entgegenzuwirken, die die Menschen in Donezk und Lugansk pauschal als "Separatisten" abtut. Stattdessen sollen die Bewohner dieser Region als das gezeigt werden, was sie vor allem sind: ganz normale Menschen, die in einem brutalen und langanhaltenden Krieg ihren Alltag zu meistern versuchen.
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