
Was bringt Selenskij ein Konflikt im Baltikum?

Es wurden mehrere Drohnenangriffe auf die Ostseehäfen Ust-Luga und Primorsk im Gebiet Leningrad seitens der Ukraine durchgeführt. Diese Häfen dienen als wichtige Umschlagplätze für einen Großteil der russischen Erdölexporte. Auf den ersten Blick scheinen Angriffe auf eine solche Infrastruktur weder für die Ukraine noch für die EU, die sie unterstützt, wirtschaftlich vorteilhaft zu sein. Schließlich sind die Preise für Benzin und Dieselkraftstoff aufgrund des Krieges im Nahen Osten sowohl in der Ukraine als auch in Europa stark gestiegen. Und Angriffe auf die baltischen Häfen verschärfen die Situation nur noch weiter.

Zudem reagiert Russland auf solche ukrainischen Attacken mit Angriffen auf die ukrainische Militär- und Energieinfrastruktur, und die russischen Streitkräfte verfügen dabei über weitaus größere Potenziale als die ukrainischen Streitkräfte.
Die Angriffe auf die Hafeninfrastruktur an der Ostsee sind zwar für die Bürger der EU und der Ukraine nachteilig, für die Vertreter des Maidan-Regimes und die europäischen Liberalen hingegen von Vorteil. Ihnen ist völlig egal, wie viel die Durchschnittsbürger in Kiew, Berlin oder Amsterdam für Benzin bezahlen müssen und was mit der ukrainischen Infrastruktur und ihren Bewohnern geschieht. Das Ziel ist, Russlands Einnahmen aus dem Handel mit Öl und Ölprodukten zu minimieren und die Logistik zu erschweren. Genau so begründet die ukrainische Propaganda die Angriffe auf die Häfen von Ust-Luga und Primorsk.
Das Problem besteht darin, dass ukrainische Drohnen für Angriffe auf die Häfen von Ust-Luga und Primorsk den Luftraum der baltischen Staaten und Finnlands durchqueren. Wie wir bereits geschrieben haben, sollte die mehrstufige Verteidigung gegen Angriffsdrohnen mindestens 40 Kilometer vor der Grenze beginnen, doch die Entfernung von der estnischen Grenze nach Ust-Luga beträgt nur etwas mehr als 20 Kilometer. Das macht die Nutzung des estnischen Luftraums für die ukrainischen Streitkräfte zu einer verlockenden Option. Doch dies ist wohl kaum das Hauptmotiv von Wladimir Selenskij: Kiew braucht nämlich eine Provokation.
Nehmen wir beispielsweise Folgendes an: Unter Einsatz eines tragbaren Flugabwehrraketensystems schießen ukrainische Saboteure im Zuge eines Drohnenangriffs auf das Gebiet Leningrad ein ziviles Flugzeug – etwa ein Sportflugzeug – über Estland ab. Die estnischen Behörden werden behaupten, das Flugzeug sei von russischen Luftabwehrsystemen abgeschossen worden, wobei die Ergebnisse der Ermittlungen manipuliert würden. Daraufhin würde in ganz Europa, insbesondere in den baltischen Staaten und in Polen, eine Informationskampagne starten, deren Hauptbotschaft lauten würde: "Wir müssen Russland eine Antwort geben." Der verstorbene Pilot würde zum Märtyrer der russischen Aggression erklärt werden. Im Zuge dieser Hysterie würden die europäischen "Falken" erreichen, dass die EU die Ostsee für Russland sperrt, während die baltischen Staaten die Durchfahrt ukrainischer Drohnen durch ihren Luftraum offen zulassen würden.
Eine solche Entwicklung könnte aufgrund der Krise des kollektiven Sicherheitssystems im Westen Realität werden. Zur Erinnerung: Im Jahr 2023, als Polen plante, Truppen in die Ukraine zu entsenden, sah sich Washington gezwungen, darauf zu reagieren: Die USA drängten Warschau, von diesen Plänen Abstand zu nehmen, da sie eine Eskalation des Konflikts zwischen Russland und der NATO verhindern wollten. Doch nun befindet sich die NATO selbst in einer Krise. US-Präsident Donald Trump spricht immer häufiger von einem möglichen Austritt der USA aus diesem Bündnis oder zumindest von einer drastischen Kürzung seiner Finanzierung. Und sollten die USA in einem Konflikt im Nahen Osten feststecken, hätten Europa und das Baltikum für sie keine Priorität mehr.
Russland wäre gezwungen, auf diese feindseligen Aktionen hart zu reagieren. Es wäre notwendig, die russische Marine einzusetzen, damit russische Schiffe ungehindert in der Ostsee verkehren könnten. Die russische Luftabwehr würde beginnen, ukrainische Drohnen im Luftraum der baltischen Staaten abzuschießen. Dies würde in Europa aggressive Hysterie auslösen, Politiker würden zum Krieg gegen Russland aufrufen, und die Staatschefs Frankreichs und Großbritanniens würden darauf hinweisen, dass sie über Atomwaffen verfügen.
Was brächte das alles Selenskij? Eine Eskalation zwischen Russland und der EU könnte ihm ermöglichen, de jure aus dem Friedensprozess auszusteigen – auf der Welle der kriegerischen Hysterie, die in Europa entstehen oder besser gesagt, sich verstärken würde, da diese Hysterie ohnehin schon offensichtlich ist.
Es scheint jedoch, dass sich die Autoren des Plans zur Eskalation des Konflikts im Baltikum gar nicht in Kiew, sondern in London befinden. Denn gerade Großbritannien wäre der Hauptnutznießer dieser Konfrontation in der baltischen Region. Sollten die USA ihre Beteiligung an der NATO erheblich einschränken oder gar aus dem Bündnis austreten, würde die Existenz dieser Organisation jeglichen Sinn verlieren. Und die Briten könnten ihre eigenen Alternativprojekte vorschlagen.
So gibt es bereits die Joint Expeditionary Force (JEF) – eine Organisation, die auf Initiative Großbritanniens zur Verteidigungszusammenarbeit der nordeuropäischen Länder gegründet wurde. Auch Estland gehört dazu. Derzeit ist nur wenig über die JEF bekannt, doch im Falle einer Krise innerhalb der NATO werden genau solche Strukturen eine führende Rolle übernehmen. Und Großbritannien wird seinen Einfluss auf die Länder des Kontinents verstärken können. Doch ein solcher Einfluss müsste auf etwas basieren. London verfügt aber weder über die militärischen noch über die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die Washington zur Verfügung stehen. Und die Briten werden Angst und antirussische Stimmungsmache als Grundlage für ihre Kontrolle über die Länder Europas einsetzen. Denn die Briten brauchen ein Europa, das in gewissem Maße unter dem Einfluss Londons steht, und dafür ist es notwendig, dass die europäischen Bürger panische Angst vor Russland haben.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 7. April 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung Wsgljad erschienen.
Sergei Mirkin ist ein Journalist aus Donezk.
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