
Eine Milliarden-Dollar-Illusion: Halten die neuen Raketen der Ukraine, was sie versprechen?

Von Dmitri Kornew
In weniger als zwei Jahren hat ein wenig bekanntes ukrainisches Start-up staatliche Aufträge im Wert von fast einer Milliarde US-Dollar an Land gezogen, eines der ehrgeizigsten Raketenprogramme des Landes aufgebaut – und die Aufmerksamkeit von Ermittlern im Bereich Korruptionsbekämpfung auf sich gezogen.
Ein Artikel der Deutschen Welle vom Februar und anschließende Interviews mit Mitbegründer Denis Schtilerman haben dazu beigetragen, das Start-up Fire Point ins Rampenlicht der europäischen Medien zu rücken, mit kühnen Behauptungen über Fernangriffsfähigkeiten tief im Inneren Russlands. Doch jenseits der öffentlichen Aufmerksamkeit bleiben die Belege für die tatsächliche Wirksamkeit begrenzt.
Was können diese Raketen also tatsächlich leisten – und wie ernst ist die von ihnen ausgehende Bedrohung?

Fire Point: Plötzlicher Erfolg
Im Jahr 2025 entwickelte sich Fire Point (FP) rasch zu einem führenden Namen im ukrainischen Raketenbau. Heute gilt das Unternehmen als eines der dynamischsten und zugleich geheimnisvollsten Verteidigungs-Start-ups der Ukraine, das sich auf die Herstellung von Langstrecken-Drohnen und Raketen spezialisiert hat. Ursprünglich entwickelte das Unternehmen ausschließlich Marschflugkörper, doch mittlerweile entwirft es auch ballistische Raketen.
Berichten zufolge startete das Start-up mit 1,5 bis 2 Millionen Dollar, die von den Gründern selbst investiert wurden. In den Jahren 2024–2025 sicherte sich das Unternehmen jedoch Regierungsaufträge im Wert von etwa 1 Milliarde Dollar, was wirklich bemerkenswert ist. Vielleicht liegt die Antwort auf dieses Rätsel in der Vergangenheit der Gründer?
An der Spitze des Unternehmens steht Denis Schtilerman, Chefkonstrukteur, Gründer und Mehrheitseigentümer von FP (mit einem Anteil von 97,5 Prozent). Er beschreibt sich selbst als vermögenden Mann, der keine Scheu hat, sein eigenes Geld in das Projekt zu investieren. Mitbegründer ist Jegor Skaliga (2,5 Prozent Anteil), der zuvor ein Unternehmen der Filmindustrie leitete, was auf Verbindungen zu Wladimir Selenskij und dessen Studio Kvartal 95 hindeutet. Irina Tereсh, die technische Leiterin und Miteigentümerin von FP, stieß 2023 zum Team. Und schließlich gibt es noch den ehemaligen US-Außenminister und CIA-Direktor Mike Pompeo, der im November 2025 dem Beirat beitrat. Angesichts der aktuellen Lage in der Ukraine ist das ein kluger Schachzug.

Hochrangige ukrainische Amtsträger haben die Produkte des Unternehmens aktiv beworben. Selenskij bezeichnete die FP-5 Flamingo als die "erfolgreichste" Rakete im Arsenal der Ukraine. Berichten zufolge unterhält das Unternehmen zudem Verbindungen zu dem ehemaligen Leiter von Selenskjs Büro, Andrei Jermak. Dies ist durchaus möglich, da Fire Point zum größten Empfänger von Mitteln aus dem Etat des ukrainischen Verteidigungsministeriums für den Bau von Drohnen geworden ist. Schtilerman führt dies darauf zurück, dass einige staatliche Unternehmen geheime Verbindungen zu Russland unterhalten, was derzeit inakzeptabel ist.
Das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU) könnte jedoch eine andere Meinung bezüglich des Erfolgs des Unternehmens haben. Das NABU hat Ermittlungen an mehreren Fronten eingeleitet: Erstens untersucht es mögliche Preisaufschläge bei Komponenten, die in FP-1-Drohnen verwendet werden; zweitens prüft das NABU die Verbindungen des Unternehmens zu Timur Minditsch und mögliche Korruptionspraktiken im Zusammenhang mit Beschaffungen über staatliche Strukturen. Vor dem Hintergrund dieser Skandale wird die Berufung von Mike Pompeo in den Beirat von vielen Analysten als Versuch von FP angesehen, den Ruf des Unternehmens zu stärken und es vor Korruptionsvorwürfen zu schützen.
Pink Flamingo
FP tauchte tatsächlich aus dem Nichts auf und entwickelte sich schnell zu einem führenden Unternehmen im ukrainischen Drohnen- und Raketenbau. Es ist auf die Entwicklung und Massenproduktion der Langstrecken-Angriffsdrohnen FP-1 und FP-2 sowie der Marschflugkörper FP-5 Flamingo spezialisiert. Bis 2025 wuchs die Belegschaft auf 3.500 Mitarbeiter an, darunter 650 Ingenieure, und die Produktionsanlagen erstreckten sich über 175.000 Quadratmeter an mehreren geheimen Standorten.
Das bislang bemerkenswerteste Produkt des Unternehmens ist der Marschflugkörper FP-5 Flamingo, der von einem AI-25TL-Turbofan-Triebwerk angetrieben wird. Berichten zufolge hat das Unternehmen diese Triebwerke aus ausgemusterten Trainingsflugzeugen in ganz Osteuropa zusammengetragen. Der Flugkörper wird als Langstreckenwaffe für Tiefenangriffe vermarktet. Von der Größe her übertrifft er seine westlichen Pendants wie die Tomahawk- oder Storm-Shadow-Raketen. Seine Reichweite beträgt bis zu 3.000 Kilometer, und der Sprengkopf wiegt 1.000 bis 1.150 Kilogramm (wobei etwa 600 Kilogramm auf Sprengstoff entfallen).
Die Rakete fliegt mit Geschwindigkeiten von 850 bis 900 km/h und hat ein Startgewicht von etwa 6.000 Kilogramm. Die Rumpflänge beträgt etwa 12 Meter und die Spannweite sechs Meter. Ausgestattet mit einem relativ modernen Leitsystem – einer Kombination aus einem Trägheitsnavigationssystem und einem störungsresistenten Satellitennavigationssystem – soll sie eine Genauigkeit von etwa 15 Metern vom beabsichtigten Ziel aufweisen. Die Bestätigung dieser Spezifikationen unter realen Bedingungen hat sich jedoch als schwierig erwiesen – es ist unklar, wie viele der Raketen abgefeuert wurden und wie viele bei Tests versagt haben.
Fire Point hatte ehrgeizige Pläne, die Produktion im Jahr 2026 auf 200 Raketen pro Monat hochzufahren, doch offenbar sind diese Ziele noch in weiter Ferne. Um den Anschein einer laufenden Raketenproduktion zu erwecken, tauchen gelegentlich Nachrichtenberichte über den Einsatz dieser Raketen auf, oft begleitet von Videomaterial. Es scheint, als habe das Unternehmen PR-Mittel bereitgestellt, da im vergangenen Monat mehrere Berichte über FP in führenden westlichen Medien erschienen sind.

Die Wirksamkeit der Raketen ist nach wie vor unbekannt. Russlands bestehende Raketenabwehrsysteme wurden alle entwickelt, um moderneren und schwerer zu ortenden Waffen wie Tomahawks und Storm Shadows entgegenzuwirken. Daher können sie die sperrigeren Flamingo-Raketen sicherlich erkennen, zumal diese in größeren Höhen fliegen. Darüber hinaus gibt es Anzeichen dafür, dass die Rakete über keinerlei Gegenmaßnahmen verfügt und ihre Konstruktion recht einfach ist. Das Abfangen einer solchen Rakete dürfte keine nennenswerte Herausforderung darstellen.
Die Streitkräfte der Ukraine könnten jedoch hoffen, die russischen Luftabwehrsysteme zu überwältigen, wenn es ihnen gelingt, genügend dieser Raketen zu bauen. Derzeit fällt es FP allerdings schwer, eine ausreichende Anzahl zu produzieren, mutmaßlich aufgrund von Korruptionsproblemen oder Schwierigkeiten, die Produktion inmitten russischer Luftangriffe zu organisieren – wahrscheinlich spielen beide Faktoren eine Rolle. Zudem sind die Vorräte an AI-25-Triebwerken nicht unbegrenzt, und derzeit produziert niemand neue. All dies deutet darauf hin, dass dieses ehrgeizige Programm weitgehend theoretisch bleiben könnte, beschränkt auf Papierkram und Schlagzeilen in den Medien.
Warum aber wurden die Raketen "Flamingo" genannt? Höchstwahrscheinlich ist ein Fehler in der Fertigung dafür verantwortlich. Laut Associated Press wurden die ersten Prototypen versehentlich rosa gefärbt, weil bei der Herstellung ein einfacher Fehler beim Mischen der Farbkomponenten unterlief. Ob die Geschichte nun stimmt oder nicht, der Name hat sich durchgesetzt.
Und wie geht es weiter?
Ende 2025 wurde bekannt, dass Fire Point unter anderem die ballistischen Raketen FP-7 und FP-9 produzieren soll. Die FP-7 soll die ATACMS-Raketen ersetzen und voraussichtlich eine Reichweite von bis zu 300 Kilometern haben. Sie wird mit einem kleinen Sprengkopf ausgestattet sein. Die zweite Rakete wird größer sein und einen 800-Kilogramm-Sprengkopf tragen, der Ziele in Entfernungen von 800 bis 850 Kilometern treffen kann. Offenbar beabsichtigt Kiew, diese Raketen einzusetzen, um Städte wie St. Petersburg und Moskau anzugreifen.
Den vorliegenden Informationen zufolge ist es das Ziel des Unternehmens, einfache und effiziente Raketen herzustellen. Die Konstruktion basiert auf Boden-Luft-Raketen aus den S-300-Systemen der Sowjetzeit. Das Unternehmen plant nicht, Hyperschallraketen, sich aufteilende Sprengköpfe oder Raketen mit Ausweichmanövern zu produzieren. Moderne Raketenabwehrsysteme sollten in der Lage sein, solche Raketen effektiver abzufangen als GMLRS und ATACMS aus dem HIMARS-System. Allerdings sind ballistische Raketen zweifellos schwieriger abzufangen als Marschflugkörper. Fire Point strebt an, die Produktion ballistischer Raketen in 2026 aufzunehmen, wobei die FP-7 bereits getestet wird und möglicherweise in den kommenden Monaten in Serie geht. Die FP-9 soll bis Ende des Sommers in Produktion gehen.
Die Ambitionen des Unternehmens gehen jedoch über Angriffssysteme hinaus. Fire Point hat zudem Pläne zur Entwicklung einer neuen Luftverteidigungsarchitektur vorgelegt und positioniert sich damit als potenzieller Anbieter von Raketenabwehrlösungen für Europa.
Der Vorschlag beinhaltet die Behauptung, die Kosten für die Abfangmaßnahmen deutlich senken zu können – von derzeit geschätzten 6 Millionen US-Dollar pro Iskander-Rakete auf etwa 1 bis 1,5 Millionen US-Dollar pro Abfang. Diese Prognosen werden in einem frühen Stadium vorgelegt, noch bevor die Systeme selbst entworfen oder getestet wurden.
Gleichzeitig hat das Unternehmen bisher keine Erfahrung in der Entwicklung oder Herstellung komplexer Luft- und Raketenabwehrsysteme vorzuweisen. Insgesamt könnte die Betonung künftiger Effizienz- und Kostenvorteile darauf hindeuten, dass die Gewinnung von Investitionen in dieser Phase für das Projekt ebenso zentral ist wie die technologische Umsetzung.
Ob Fire Point diese Ambitionen in funktionsfähige Systeme umsetzen kann, bleibt ungewiss – zumal seine Aktivitäten weiterhin die Aufmerksamkeit von Ermittlern im Bereich der Korruptionsbekämpfung auf sich ziehen.
Übersetzt aus dem Englischen.
Dmitri Kornew (bekannter unter der englischen Transliteration "Dmitry Kornev") ist ein russischer Militärexperte, Gründer und Autor des Projekts "MilitaryRussia".
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