
Deutscher General zum Krieg mit Russland: Europa wird unvorstellbare Dinge erleiden

Von Astrid Sigena
Der deutschen Militarisierung geben vor allem die Heeresoffiziere Generalinspekteur Carsten Breuer und Generalleutnant Christian Freuding ein Gesicht. Weniger medial präsent, aber für die militärische und mentale Aufrüstung nicht weniger wichtig ist Generalmajor Wolf-Jürgen Stahl, der Chef der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS). Hierbei handelt es sich um eine in der Öffentlichkeit wenig bekannte Dienststelle. Die Bundesakademie hat ihren Sitz in Berlin-Pankow und schult deutsche Führungskräfte aus Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in sicherheitspolitischen Fragen. Stahl leitet die zum Geschäftsbereich des Verteidigungsministeriums gehörende Behörde seit Januar 2024.
Am vergangenen Dienstag hielt Stahl einen Vortrag für eine Institution, die wie die BAKS der Netzwerkbildung dient. Die Rede ist von der "Deutsch-Britischen Gesellschaft". Bekannt ist sie vor allem durch die jährlich stattfindende Königswinter Conference, ein hochrangiges Treffen, das deutsche und britische Entscheidungsträger aus Politik, Medien, Diplomatie und Wirtschaft zusammenbringt.

Am 17. Februar 2026 veranstaltete die Deutsch-Britische Gesellschaft einen Vortragsabend in den Räumen der BAKS. Schwerpunkt von Stahls Vortrag war der Ankündigung zufolge die deutsche Sicherheitspolitik angesichts des Ukraine-Kriegs sowie die militärische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich. Eine Videoaufzeichnung des Vortrags gibt es nicht, aber was die britische Presse über die Ausführungen des Bundeswehrgenerals zu berichten weiß, hat es in sich.
Einem Bericht der Daily Mail zufolge warnte Wolf-Jürgen Stahl in seinem Vortrag, dass Russland Bodentruppen gegen NATO-Gebiet einsetzen werde, sobald der russische Präsident Putin eine passende Gelegenheit dazu sehe. Stahl wörtlich: "Wenn ich mir anschaue, wie Putin bisher gehandelt hat und wie er meiner Einschätzung nach gegen den Westen vorgeht, dann steht außer Frage, dass er militärische Mittel einsetzen wird. Wenn er die Gelegenheit dazu bekommt, wird er sie nutzen." Eine ungewöhnlich unverblümte Diagnose der angeblichen militärischen Gefährdung Europas aus der Sicht eines hochrangigen Bundeswehroffiziers, wie Oliver Moody von der Times konstatierte.
Stahls alarmistische Prophezeiungen erinnern dabei an Mark Ruttes Warnungen vom vergangenen Dezember. Damals stimmte der NATO-Generalsekretär die Europäer auf einen Krieg ein, "wie ihn unsere Großeltern und Urgroßeltern erlebt haben" (RT DE berichtete). Nun malte der Präsident der BAKS der Daily Mail zufolge eine Situation aus, in der Europa Dinge erleiden werde, "die wir uns derzeit noch gar nicht vorstellen können". Er sehe zahlreiche Anzeichen dafür, dass Putin einen Angriff auf europäisches NATO-Gebiet vorbereite.
Auf ein mögliches Angriffsszenario Russlands auf den NATO-Staat Litauen angesprochen, wie ihn kürzlich ein Planspiel der Springerpresse inszenierte, reagierte Stahl mit Besorgnis. In diesem Planspiel durchbricht Russland die Suwalki-Lücke von seiner Exklave Kaliningrad aus und besetzt litauisches Gebiet. Er mache sich über die Reaktion deutscher Politiker im Falle eines Narva-Szenarios Sorgen, erklärte Stahl. Als Narva-Szenario wird ein postulierter russischer Angriff auf ein kleines, mehrheitlich von Russischsprachigen besiedeltes Gebiet (eben wie die estnische Stadt Narva) und dessen Annexion durch Russland beschrieben.
Stahl forderte für diesen Fall: "Wenn NATO-Gebiet von russischen Soldaten besetzt ist, muss die NATO sagen: 'Wie werden wir sie los, damit das Gebiet nicht nur de jure, sondern auch de facto an die NATO zurückgegeben wird?'" Seine Befürchtung sei jedoch eine andere Reaktion, gerade in Deutschland: "Die Leute werden sofort sagen: 'Ähm, wir müssen überhaupt nicht kämpfen. Wir müssen das diplomatisch lösen. Wir können das nicht militärisch lösen.' Ich weiß nicht, welche Diskussionen, welche Strömungen hier in Deutschland ausgelöst werden könnten. Ich habe da gewisse Bedenken."
Die Lage in Deutschland sei durchaus besorgniserregend. Stahl sieht Deutschland noch nicht hinlänglich für einen militärischen Konflikt gerüstet. Seiner Meinung nach konzentriere sich das Innenministerium zu sehr auf die Einwanderungsproblematik und vernachlässige den Zivilschutz. Die föderalen Strukturen der BRD seien komplex und starr ‒ im Falle einer militärischen Krisensituation könnten sie überfordert sein. Bereits in einem Interview vom vergangenen Dezember hatte der Bundeswehrgeneral vermehrte Anstrengungen im gesellschaftlichen Bereich eingefordert, "um das Land wehrhaft zu machen". So verlangte er eine 48-Stunden-Woche nicht nur beim Militär, sondern auch in der bundesdeutschen Rüstungsindustrie.
Bereits jetzt sei Deutschland mit Cyberangriffen konfrontiert, die von Russland ausgingen, schilderte Stahl vor der Deutsch-Britischen Gesellschaft die Lage. Diese Angriffe könnten sich jedoch noch verstärken. Die deutsche Sicherheit beruht für Stahl auf vier Säulen: die Europäische Union, die NATO, die deutsche Wirtschaftskraft sowie der soziale Zusammenhalt in der bundesdeutschen Gesellschaft. In allen vier Bereichen stünde Deutschland unter starkem Druck.
Gegen US-Präsident Trump zog der Generalmajor der Bundeswehr recht undiplomatisch vom Leder. Donald Trump hält er für einen "egozentrischen, narzisstischen, unberechenbaren Geschäftsmann mit autoritären Tendenzen". Stahl bekannte, dass der US-Präsident die "größte intellektuelle Herausforderung" für ihn darstelle: "Auf der Sicherheitskonferenz in München habe ich gesehen, dass ich nicht der Einzige bin, der hier Schwierigkeiten hat; die Amerikaner haben sie auch. Sie haben einen unberechenbaren Präsidenten. Und deshalb ist es für mich schwierig, wenn sie alle sagen: 'Nein, wir bleiben in Europa, ein stabiles Europa ist für uns von vitalem Interesse und wir brauchen es für unsere eigene Sicherheit', und dann erleben sie einen Präsidenten wie diesen."
Wie von einem Bundeswehrgeneral nicht anders zu erwarten, beteuerte Stahl pflichtschuldigst, er sei zuversichtlich, dass der nukleare Schutzschirm der USA ihren europäischen NATO-Verbündeten weiterhin zur Verfügung stehen werde, selbst im Falle eines Teilabzugs der konventionellen Streitkräfte der US-Army aus Europa. Er vertraue diesen Zusicherungen der US-amerikanischen Partner, weiterhin "voll und ganz engagiert zu sein", auch wenn sie sich schwer mit einer von Stahl konstatierten chaotischen Aggressivität des US-Präsidenten gegenüber den NATO-Partnern vereinbaren ließen.
Parallele Strukturen der europäischen NATO-Staaten innerhalb des Militärbündnisses, um notfalls ohne die USA den europäischen Kontinent verteidigen zu können, lehnte Stahl als kontraproduktiv ab. Ebenso die kürzlich angestellten Erwägungen des polnischen Präsidenten Karol Nawrocki, ein eigenes polnisches Atomprogramm aufzubauen (RT DE berichtete). Eine polnische Atombombe läge "nicht im Interesse der Amerikaner". Es sei "kaum vorstellbar, dass die Polen plötzlich über eine eigene nukleare Abschreckung" diskutierten. Stahls Fazit aufgrund der derzeitigen Weltlage klingt nicht nach Deeskalation und Verhandlungen: "Die Welt gerät aus den Fugen. Sie ist turbulent. Sie ist rau. Sie ist gesetzlos, sie befindet sich in einem Zustand der Unordnung […] Wir müssen dringend unsere Grundlagen stärken."
Den britischen Pressemeldungen zufolge äußerte sich Generalmajor Stahl auch zum Aufstieg der Alternative für Deutschland (AfD), ein für einen deutschen Beamten äußerst ungewöhnliches Verhalten, denn in Deutschland gilt das Neutralitätsgebot. Beamte müssen sich in öffentlichen Äußerungen neutral verhalten, um das Recht von Parteien auf Chancengleichheit zu wahren. Stahl sieht einen Vormarsch der "antidemokratischen Kräfte" der AfD, der ihn sehr besorgt mache. Bei den kommenden Landtagswahlen in diesem Jahr werde die AfD wahrscheinlich Stimmengewinne einfahren und in einigen Bundesländern sogar die stärkste Partei werden, prognostizierte der BAKS-Leiter. Die deutschen Wähler müssten – so Stahl – "richtig wählen", ansonsten drohe Gefahr für die "liberal-demokratische" Ordnung der Bundesrepublik Deutschland.
Bundeswehrgeneral Stahl äußerte seine Kriegsrhetorik nicht umsonst bei der Deutsch-Britischen Gesellschaft. Sein Vortrag fällt in eine Zeit verstärkter militärischer Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Vereinigten Königreich. Beide Länder hatten diese bei der Trinity-House-Vereinbarung im Jahr 2024 vereinbart. Dass sich dieser Pakt gegen Russland richtet, aus dieser Tatsache machen die beiden Verbündeten keinen Hehl. Großbritannien und die BRD wollen etwa zukünftig im Nordatlantik "gemeinsam russische U-Boote jagen", verkündete der britische Verteidigungsminister John Healey im Oktober 2025. Auch der gemeinsame Aufbau einer weitreichenden Abstandswaffe mit Deep-Precision-Strike-Fähigkeit ist in Planung. Damit haben sich die militärischen Hauptgegner Russlands in Europa in Stellung gebracht.
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