Europa

Corona-Krise in Frankreich: Vier Millionen Menschen rutschen in Prekarität

Die Prekarität in Frankreich ist auf dem Vormarsch und betrifft vor allem junge Stadtbewohner. Zu diesem und weiteren Ergebnissen kommt eine Studie des Forschungsunternehmens Crédoc. Paradox: Im gleichen Zeitraum stiegen die Ersparnisse der Franzosen an.
Corona-Krise in Frankreich: Vier Millionen Menschen rutschen in PrekaritätQuelle: AFP © Nicolas Tucat

Laut einer Studie des Centre de recherche pour l'étude et l'observation des conditions de vie (Crédoc), die am 11. Oktober von der Zeitung Le Monde veröffentlicht wurde, sind vier Millionen Franzosen durch die Pandemie in eine prekäre Lage geraten. Die Umfrage, die sich auf eine repräsentative Stichprobe von 3.202 Personen stützt, zeigt, dass für einen Teil der Bevölkerung diese zwei Jahre der gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sozialen Krise mit einem sozialen Abstieg verbunden war.

So erklärten 31 Prozent der befragten Personen, dass sie sich heute in einer prekären Situation befinden, ein Anstieg um zehn Punkte im Vergleich zu 2018, wobei ein Viertel von ihnen diese Situation auf die Corona-Krise zurückführt. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung sind seit Beginn der Pandemie acht Prozent der über 15-Jährigen, das heißt vier Millionen Franzosen, in eine prekäre Situation geraten.

Nach der Analyse von Crédoc sind die Ursachen für diese neue Form der Prekarität vielfältig. Zunächst die berufliche Situation: 42 Prozent der Befragten haben Schwierigkeiten, einen Arbeitsplatz zu finden. 34 Prozent haben einen befristeten Arbeitsvertrag, 14 Prozent sind arbeitslos. Die Umfrage zeigt auch, dass sich die finanzielle Situation dieser Bevölkerungsgruppe während der Krise verschlechtert hat, obwohl der Staat sie unterstützt hat.

Nur die Reichen profitieren

Paradox erscheint vor allem, dass die Ersparnisse der Franzosen in den letzten zwei Jahren stark angestiegen sind. Für Sandra Hoibian, Leiterin der Abteilung Gesellschaft bei Crédoc und Mitverfasserin der Studie, muss man dies Feststellung differenziert betrachten. Le Monde zitiert sie mit den Worten:

"Die Bankenstatistiken zeigen zwar, dass während der Krise beträchtliche Ersparnisse angehäuft wurden, bis zu 157 Milliarden Euro für die Banque de France, aber 70 Prozent dieses Überschusses wurde von den 20 Prozent der reichsten Haushalte angehäuft."

Was die Gesundheit betrifft, so war diese "neu gefährdete" Bevölkerungsgruppe stärker von der Corona-Krise betroffen (13 Prozent gegenüber sieben Prozent) als die übrige Bevölkerung und musste aus finanziellen Gründen eine Behandlung aufschieben oder darauf verzichten (46 Prozent gegenüber 23 Prozent). Es überrascht nicht, dass sich die psychische Gesundheit dieser Bevölkerungsgruppe während der Krise verschlechtert hat. Nur 32 Prozent von ihnen halten sich für glücklich, verglichen mit 73 Prozent der nicht "gefährdeten Personen".

Sylvie Ullmann, Generaldirektorin des Espace psychanalytique d'orientation et de consultation, einer Vereinigung, die in Paris eine wöchentliche psychologische Betreuung für fast 600 Personen und 16.000 Gespräche pro Jahr anbietet, wird in dem Artikel in Le Monde zitiert:

"An diesem Ende der Krise beobachten wir Phänomene der Depression, des Verlusts von Bezugspunkten, der Desorganisation, des Schwebens und des Rückzugs, als ob die Pandemie und die Enge das Verhältnis zur Zeit dereguliert hätten."

Prekarität geht Hand in Hand mit sozialer Isolation. Wie eine weitere, in Zusammenarbeit mit der Fondation de France durchgeführte Studie des Crédoc zeigt, sind die Lebensbedingungen isolierter Menschen prekärer als die des Durchschnittsfranzosen und sie verfügen häufiger über ein geringes Einkommen. Die Crédoc-Studie zeigt ein typisches Profil der "neuen Prekären" auf, das heißt "junge Menschen, die hauptsächlich im privaten Sektor arbeiten (74 Prozent), vor allem im Einzelhandel, im Gastgewerbe, im Kulturbereich und bei den Haushaltsdienstleistungen, die wenig qualifiziert sind (jeder Zweite hat kein Abitur) und die in den meisten Fällen Familie haben. Diese Prekarität betrifft vor allem die Menschen in der Region Paris (21 Prozent) und in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern (34 Prozent).

Für Sandra Hoibian unterstreicht die Studie die Tatsache, dass "65 Prozent der neuen Prekären keine Hilfe erhalten haben, da es offensichtlich Lücken im Sozialschutzsystem gibt, was sie so pessimistisch macht, dass sie Verständnis für gewalttätige Aktionen gegen eine Gesellschaft zeigen, die sie radikal verändern wollen".

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