Europa

Bundeswehr will "Karten" von Russland – die für Verteidigungszwecke unnütz sind

Wozu braucht die Bundeswehr detailgenaue geografische Informationen über Russland? Und nicht simple Karten – nein, es geht um ein Geoinformationssystem. Das wurde mit Datum vom 1. September veröffentlicht, also passgenau zum Jahrestag des Überfalls auf Polen im Jahr 1939.
Bundeswehr will "Karten" von Russland – die für Verteidigungszwecke unnütz sindQuelle: AFP © EUROPEAN SPACE AGENCY / AFP

Von Dagmar Henn

Vor einigen Tagen berichtete die Welt von einer Ausschreibung der Bundeswehr, in der es um geografische Informationen über Russland geht. Diese etwas eigenartige Formulierung ist nötig, weil es eben nicht schlichte Karten sind. Es geht um ein Geoinformationssystem.

Während einem schon die schlichte Vorstellung, es handele sich um einen Stapel aktueller Karten, wie man sie im Alltag gewöhnt ist, leise Schauer über den Rücken jagen kann, da die Bundeswehr, deren verfassungsgemäßer Auftrag die Verteidigung ist, in Russland weniger als nichts verloren hat, ist ein Geoinformationssystem weit unheimlicher.

Die Ausschreibung verrät dieses Ziel mit der Formulierung "Vektordaten hohe Auflösung". Dazu muss man wissen, dass Grafiken und Bilder auf Computern in zwei völlig unterschiedlichen Arten erstellt und gespeichert werden können.

Die eine, die die meisten Computernutzer kennen, setzt sich aus Bildpunkten zusammen, wie ein klassischer Rasterdruck einer Fotografie. Die andere, eben die vektorbasierte Form, besteht aus mathematischen Formeln und zusätzlichen Eigenschaften. Eine gebogene rote Linie ist dann eine Abfolge verschiedener Kurvenformeln mit den zusätzlichen Eigenschaften Strichstärke und Farbe. Mit dieser Art Daten arbeiten Grafikprogramme, aber auch CAD-Systeme.

Im Gegensatz zu Dateien aus Bildpunkten haben die vektorbasierten Grafiken ein wesentlich geringeres Volumen und sind leichter zu verändern (was in diesem Fall wenig Bedeutung hat) oder eben mit zusätzlichen Daten zu kombinieren. Im Ergebnis ist es beispielsweise möglich, aus diesen Daten dreidimensionale Modelle errechnen zu lassen.

Nun reden wir hier allerdings von einem militärischen Projekt, das auf den Aufnahmen militärischer Satelliten beruht. Dazu muss man zwei Dinge anmerken. Zuerst, dass die in der Ausschreibung angegebene Auflösung (1:50.000) geruhsam ins Reich der Fantasie verwiesen werden kann. "Militärische Satellitensysteme wie z. B. das KH-8 (Key-Hole) erreichten dagegen bereits Anfang der 80er-Jahre eine Auflösung von zehn Zentimeter am Boden, um militärisches Gerät am Boden zu identifizieren", hieß es in einem Vortrag auf dem Hamburger Forum für Geomatik im Jahr 2002. Zwischen dieser Auflösung und der Gegenwart liegen fast 40 Jahre Weiterentwicklung, in denen Fotozellen empfindlicher und Datenmengen leichter transferierbar geworden sind. Die gegenwärtige Auflösung von Aufnahmen aus Militärsatelliten dürfte im Millimeterbereich liegen, sofern diese Auflösung gewünscht ist.

Der zweite Punkt, den man dabei nicht übersehen darf, ist, dass militärische Satelliten nicht nur Bildchen von der Erdoberfläche knipsen. Zumindest nicht in dem Sinne, dass sie nur im Spektrum des sichtbaren Lichts Aufnahmen erstellen. Sie können das Ganze durchaus auch im Infrarot- oder Radiowellenbereich. Damit allerdings erschließen sich noch ganz andere Informationen.

Ein Geoinformationssystem verknüpft nun derart gewonnene Daten mit weiteren Informationen. Zu dem geografischen Abbild einer Stadt beispielsweise Daten über Verwaltungszentren und Versorgungsinfrastruktur. Wo liegen die Krankenhäuser, wo ist die Wasserversorgung, das Stromwerk, der Fernsehsender … Das sind Daten, die zum einen auch aus den zusätzlichen Spektralbereichen gewonnen werden, zum anderen aber unmittelbar mit dem Abbild verknüpft werden können.

Die Firma, die bei der Ausschreibung den Zuschlag erhielt ("aus technischen Gründen" ohne Konkurrenz), heißt ARGE VEHA; das steht für Arbeitsgemeinschaft Vektordatenerfassung Hohe Auflösung. Dabei handelt es sich um eine Gründung aus der IABG in Dresden, der GAF AG in München und der Infoterra GmbH in Friedrichshafen.

In der Selbstbeschreibung von Infoterra steht: "einer der weltweit führenden Anbieter von Radarsatellitendaten und -diensten. Das Unternehmen hält die exklusiven kommerziellen Nutzungsrechte am deutschen Radarsatelliten TerraSAR-X, der seit 2008 im operativen Betrieb Aufnahmen mit einzigartiger Genauigkeit und hoher Auflösung liefert, sowie an TanDEM-X, der am 21. Juni 2010 erfolgreich gestartet wurde." Es handelt sich um eine Enkeltochter von EADS.

Die IABG beschrieb ihre Aufgaben im Jahr 2007 zur Eröffnung ihrer Dresdner "Geodaten-Factory" wie folgt:

"Satellitenbilder alleine reichen nicht aus, um unsere Truppen im Auslandseinsatz mit den für den Auftrag und den Selbstschutz nötigen Informationen zu versorgen. Um die Satellitenfotos in Geoinformationssystemen optimal nutzen zu können, müssen diese vektorisiert und attributisiert werden. Den Vektordaten werden Eigenschaften zugeordnet wie z. B. Klima, Bewuchs, Befahrbarkeit des Geländes, Gebäudenutzung etc."

Wird das Bild schon etwas konkreter, worum es sich hier handelt? Wohlgemerkt, wir reden hier von Geodaten nicht über Deutschland oder eines seiner unmittelbaren Nachbarländer, wir reden hier von Russland.

In der konkreten Anwendung muss man sich das so vorstellen: Im Stab besteht Zugriff auf alle Datenebenen, also neben Geländestruktur und anderen topografischen Informationen auch auf die sozialen und technischen Informationen, die mit der vektorisierten Karte verknüpft sind. Sollten gedruckte Karten benötigt werden, laufen diese mit der gewünschten Kombination an Informationen aus dem Plotter. Truppenteile, die bestimmte Aufgaben gestellt bekommen, erhalten die jeweils relevanten Kartenteile in digitaler oder notfalls analoger Form. Der Panzerfahrer wüsste also vorher genau, wo ein Sumpfloch ist oder wie jeweilige Hindernisse umgangen werden können.

Interessant sind Karten mit einer solchen Informationsdichte nur dann, wenn man in dem dargestellten Gebiet tatsächlich militärisch handeln will. Es ist kaum anzunehmen, dass sich die Bundeswehr Karten der Zentralafrikanischen Republik erstellen lässt.

Aber sie sollte und dürfte diese Art "Karten" auch nicht von Russland benötigen. Denn wenn an der von der NATO beständig geäußerten russischen Bedrohung etwas dran wäre, dann bräuchte sie eher Karten von Polen; das liegt bekanntlich zwischen Deutschland und der russischen Grenze. Karten von Russland, die über das hinausgehen, was noch der Unschuldigste käuflich erwerben oder bei Google Maps einsehen kann, würden nur benötigt, wenn es eben nicht um Verteidigung geht, sondern um Angriff.

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