Europa

Polnischer Minister sieht "Grundfreiheiten und europäische Standards" in Deutschland bedroht

Nachdem das Amtsgericht Köln einen Strafbefehl gegen den polnischen Theologieprofessor Dariusz Oko verhängt hat, laufen nationalkonservative Politiker in Polen Sturm gegen die deutsche Justiz. Oko hatte in einer katholischen Fachzeitschrift Homosexuelle als "Krebsgeschwür" bezeichnet.
Polnischer Minister sieht "Grundfreiheiten und europäische Standards" in Deutschland bedrohtQuelle: www.globallookpress.com © Rafał Guz / Polska Agencja Prasowa

Der polnische Theologe Dariusz Oko hat in der katholischen Fachzeitschrift Theologisches homosexuell orientierte Menschen als "Krebsgeschwür" und "Parasiten" bezeichnet. Der Beitrag erschien in der ersten Ausgabe des Jahres 2021. Daraufhin hat der Priester Wolfgang Rothe aus München Strafanzeige gegen den Theologen gestellt. "Für Hass und Hetze dieser Art darf es in der katholischen Kirche keinen Platz geben", sagte Rothe zur Begründung.

Das Amtsgericht Köln hat gegen den Theologieprofessor einen Strafbefehl über 4.800 Euro verhängt. Dieser legte Einspruch ein, sodass es zu einem Prozess kommen wird. Seither laufen nationalkonservative Kreise in Polen Sturm gegen die deutsche Justiz.

Der polnische Vize-Justizminister Marcin Romanowski wettert sogar gegen "freiheitsfeindliche Tendenzen im deutschen Rechtsschutzsystem". Romanowski ist sich sicher:

"Die Verhängung von Strafen für wissenschaftliche Tätigkeiten ist eine Bedrohung der Grundfreiheiten und europäischen Standards. [...] Die willkürliche Beurteilung des wissenschaftlichen Beitrags von Professor Oko als Verbreitung von Hass wirft auch unter dem Gesichtspunkt der Meinungsfreiheit Zweifel auf."

Romanowski gehört der nationalkonservativen Partei Solidarisches Polen (SP) an und nach Medienberichten auch der erzkatholischen Organisation Opus Dei. Auch die ultrakonservative Stiftung Ordo Iuris stellte sich hinter den Theologen, der an der Päpstlichen Universität Johannes Paul II. in Krakau lehrt.

Oko hat in einem Buch mit dem Titel "Lavendel-Mafia" angebliche schwule Netzwerke innerhalb der katholischen Kirche dargestellt. Kritiker verurteilten es als offen homophob. Der 61-Jährige ist in Polen oft Gast in Fernsehsendungen.  

Priester Rothe hat sich derweil einen Shitstorm im Netz zugezogen. Nach eigenen Angaben wird er von polnischen Konservativen angefeindet und bedroht:

"Jetzt werde ich in polnischen Medien und Talkshows beschimpft und verleumdet. Als Missbrauchstäter bezeichnet, obwohl ich Missbrauchsopfer bin."

Rothe ist vernetzt mit kirchlichen Reformbewegungen wie "Maria 2.0" oder "Wir sind Kirche" und engagiert sich für Homosexuelle in der katholischen Kirche. Im Mai 2021 hatte er die Aktion #liebegewinnt mitgetragen. In einem Gottesdienst in München segnete er gleichgeschlechtliche Partnerschaften – gegen den erklärten Willen des Vatikans.

Nach einer Interpretation des Direktors des Deutschen Polen-Institutes an der TU Darmstadt, Peter Oliver Loew, drehen nationalkonservative Kreise in Polen mit ihrer Reaktion "einen Spieß um". Polen wird gegenwärtig von der Europäischen Union wegen Mängeln in der Rechtsstaatlichkeit kritisiert. Wie Ungarn muss das Land die Kürzung von Fördermitteln aus diesem Grund erwarten. Loew argumentiert:

"Es passt in ihr Narrativ, dass sie sich als letzte Verfechter angeblich wahrer Werte gegen Deutschland und die EU stellen."

Mehr zum Thema - Mehr Gerechtigkeit für Missbrauchsopfer? Katholische Kirche ändert Kirchenstrafrecht 

(rt/dpa)

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