Europa

Lebenszeichen von mutmaßlichem Nowitschok-Opfer Julia Skripal: "Mir und meinem Vater geht es gut"

im April bzw. Mai 2018 wurden Julia und Sergei Skripal aus der Klinik im englischen Salisbury entlassen. Sie sollen Opfer eines Nowitschok-Anschlags gewesen sein. Seitdem gab es von Sergei Skripal und seiner Tochter so gut wie kein Lebenszeichen mehr – nun meldete sich Julia bei der in Russland lebenden Nichte ihres Vaters.
Lebenszeichen von mutmaßlichem Nowitschok-Opfer Julia Skripal: "Mir und meinem Vater geht es gut"Quelle: www.globallookpress.com

Es dauerte im Jahr 2018 viele Monate, bis Sergei und Julia Skripal aus den Schlagzeilen verschwanden. Laut der Version, die britische Behörden in die Welt setzten, waren der damals 66-jährige ehemalige russisch-britische Ex-Doppelagent Sergei Skripal und seine Tochter Julia Opfer eines russischen Giftanschlags geworden. Der russische  Militärgeheimdienst GRU hätte den Anschlag ausgeführt, die Tatwaffe wäre ein noch in der Sowjetunion entwickeltes Nervengift mit dem klangvollen Namen "Nowitschok" gewesen.

Beide haben den mutmaßlichen Anschlag erstaunlicherweise nicht nur überlebt, sondern sich auch bald davon erholt. Die behandelnden Ärzte rechneten dies einem "Wunder" an. Denn sie hatten mit dem Überleben der Patienten eigentlich nicht gerechnet, als sie erfuhren, dass die Skripals mit einem Nervenkampfstoff kontaminiert worden sein sollen.

Etwas merkwürdig war damals auch das völlige Verschwinden von Sergei und Julia Skripal aus der Öffentlichkeit – auch mit Polizeischutz hätte man noch gut Interviews geben können. Wie das heute geht, zeigte ein anderer angeblicher Nowitschok-Überlebender, der russische Oppositionelle Alexei Nawalny in Deutschland. Nach seinem Aufwecken aus dem künstlichen Koma in der Berliner Universitäts-Klinik Charité berichtet er täglich auf Instagram aus seinem Leben, gibt darüber hinaus gern auch Interviews und tritt in Videokonferenzen auf.

Mehr als zwei Jahre blieb der Aufenthaltsort von Sergei Skripal und seiner Tochter Gegenstand von Mutmaßungen und Gerüchten – so war etwa in der britischen Boulevardpresse von der Übersiedelung der Skripals nach Neuseeland die Rede. Diesen Gerüchten wurde erst mit einem Telefonat in das russische Jaroslawl – wo Wiktoria, die Nichte von Sergei Skripal wohnt – ein Ende gesetzt.

Mehr zum Thema - Sind immer noch in Porton Down": Skripals Nichte hält Umzug nach Neuseeland für erfunden

Das letzte Telefonat zuvor hatte Wiktoria mit Julia Skripal im Juni letzten Jahres. Damals war bekannt geworden, dass Julia ihre Wohnung in Moskau verkaufen ließ. Sergei Skripal selbst rief Wiktoria am 9. Mai 2019 zum letzten Mal an, um seinen Verwandten zum Tag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg zu beglückwünschen.

Am 21. November nun rief Julia neuerlich ihre Cousine an und sprach insgesamt etwa eine Stunde mit ihr. Die Rufnummer war durch die SIPS-Technik unkenntlich gemacht, wie Wiktoria später berichtete. Sie stellte allerdings einen Audiomitschnitt des Telefonats der Zeitung Moskowski Komsomolez zur Verfügung, die das Gespräch am Montag abdruckte. Die Echtheit des Gesprächs versicherte Wiktoria auch gegenüber anderen Medien.

Obwohl Julia Skripal nichts über ihren Aufenthaltsort sagte, könnte man jedoch aus dem Gespräch schließen, dass beide nach wie vor auf dem Territorium Großbritanniens leben. Sie wohne getrennt von ihrem Vater in einer Mietwohnung, die aus der Rente ihres Vaters finanziert wird, den Rest verdiene sich Julia von Zuhause als Projektmanagerin. Auch Sergei Skripal wohne zur Miete, möchte aber ein neues Eigenheim kaufen – sein altes Haus in Salisbury wurde durch die Stadt verkauft.

Julia zufolge habe sie sich von der mutmaßlichen Vergiftung vollständig erholt. Sie habe nur einige Probleme mit der Sehschärfe ihrer Augen. Sie treibe viel Sport, wofür sie täglich ein Fitness-Studio besucht, und sie sei viel unterwegs. Wie Wiktoria sagte, hätte Julia von draußen telefoniert, dafür sprächen die hörbaren Straßengeräusche. Julia habe nach wie vor die russische Staatsbürgerschaft und lebt in Großbritannien mit ihrem alten Aufenthaltstitel.

"Ich lebe in Ruhe, kein Luxus natürlich, aber ich beschwere mich nicht", sagte sie.

Im Unterscheid zu ihr habe ihr Vater Einschränkungen in seinem Alltag – aus Sicherheitsgründen. Bis auf einen bleibenden Schaden fühle er sich gut, sagte sie über seinen Gesundheitszustand. Wegen Muskelproblemen im Nasen-Rachen-Raum atme er durch eine Kanüle, die täglich gereinigt werden müsse. Dies schränke ihn beim Sport ein und behindere ihn auch beim Autofahren. Deshalb werde er von einer medizinischen Pflegekraft betreut, die auch für ihn einkauft und im Haushalt hilft. Dennoch schafft er es, alle zwei Tage Sport zu treiben:

"Zum Glück hat sich meine Gesundheit vollständig erholt. Papa hätte, wenn nicht diese Kanüle wäre, auch keine Probleme, er hat schon lange täglich weitertrainiert. Sonst fängt er auf dem Laufband zu husten an."

Aus dem Gespräch geht auch hervor, dass Sergei Skripal in seinem Alltag unerkannt bleibt. Um spazieren zu gehen, müsse er die Stadt verlassen. Beide Frauen kamen auch auf die "Bekanntheit" ihres Familiennamens zu sprechen. Die damit verbundenen Alltagsprobleme nehmen sie offenbar gelassen. Obwohl ihr jugendlicher Sohn einen anderen Namen trägt, wäre er einmal in einem Konzert als Trommler unter dem Namen "Skripal" aufgetreten – aber es wäre "nichts" passiert, erzählte Wiktoria.

Mehr zum Thema - Russland-Bericht des britischen Parlaments neuer Tiefpunkt der highly likely "Beweisführung"