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Ermordeter Lehrer: Französischer Inlandsgeheimdienst unterschätzte offenbar Gefahrenlage

Im Zusammenhang mit der Ermordung eines Lehrers bei Paris sind neue Details aufgetaucht, die den französischen Inlandsgeheimdienst in keinem guten Licht dastehen lassen. Offenbar wurde die Gefahrenlage an der Schule als "beruhigt" eingestuft – ein fataler Trugschluss.
Ermordeter Lehrer: Französischer Inlandsgeheimdienst unterschätzte offenbar GefahrenlageQuelle: AFP © Bertrand Guay

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Laut Notizen des französischen Inlandsgeheimdienstes Service central du renseignement territorial (SCRT), in die RT France Einblick erhielt, wurden die Spannungen an der Hochschule Bois d'Aulne noch bis zum 12. Oktober als "beruhigt" eingeschätzt. Nur vier Tage später, am 16. Oktober, wurde der Geschichtslehrer Samuel Paty im Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine unweit des Colleges, an dem er unterrichtete, vom mutmaßlichen Islamisten Abdullah A. ermordet. In den Notizen des Inlandsgeheimdienstes soll es unter anderem heißen:

Die Kommunikation zwischen der Leitung [der Schule] und den Familien hat eindeutig dazu beigetragen, die Spannungen abzubauen (...) Innerhalb der Schule sind keine größeren Spannungen zu spüren, weder vonseiten der Bildungsgemeinschaft noch vonseiten der Elternvereinigungen, die 'eine gewisse Ungeschicklichkeit des Lehrers' (der von seinen Vorgesetzten sehr geschätzt wird) anerkennen.

Die Notizen sollen die Vorgeschichte des grausamen Mordes Tag für Tag dokumentieren. Ausgelöst wurden die Spannungen an der Schule, als Paty als Teil seines Unterrichts Karikaturen des islamischen Propheten Mohammed zeigte, die in der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo erschienen waren. In den Notizen soll sich auch der Name eines islamistischen Predigers, Abdelhakim Sefrioui, finden, der in dem Konflikt eine undurchsichtige Rolle gespielt habe. Sefrioui ist offenbar bei den französischen Sicherheitsdiensten aktenkundig und wurde im Rahmen der Ermittlungen nach dem brutalen Mord verhaftet.

In einem Bericht vom 7. Oktober soll der Geheimdienst darauf hingewiesen haben, dass der Schulleiter "anonyme Protestschreiben über den Briefkasten der Schule" erhalten habe. Eine Nachricht an die Schulleitung soll gelautet haben:

Warum versuchen Sie im derzeitigen Klima in Frankreich, wo sich ein Klima der Islamophobie durchgesetzt hat, die Menschen von klein auf zu spalten?

Samuel Paty soll sich entschuldigt haben

Darüber hinaus soll sich ein Elternteil über die "Diskriminierung" seiner "muslimischen Tochter" beschwert haben, nachdem der Lehrer die Karikaturen der Klasse gezeigt hatte. Offenbar wurde Paty daraufhin in das Haus der Familie eingeladen, um sich zu erklären. Bei dieser Gelegenheit soll sich der Lehrer entschuldigt haben, falls er "ungeschickt gewesen sei".

Die Notizen des Inlandsgeheimdienstes erwähnen auch ein YouTube-Video, das von einem Vater eines weiteren Schülers, Brahim C., gemacht worden sein soll. Das Video habe die Spannungen innerhalb der Hochschule weiter angeheizt. Spannungen, die "hauptsächlich der Familie C. zuzuschreiben seien", so die Notizen weiter. Der Staatsanwalt Jean-François Ricard erklärte während einer Pressekonferenz, dass die Halbschwester von Brahim C. 2014 ausgezogen sei, um dem IS in Syrien beizutreten. Es gäbe jedoch keine direkte Verbindung zwischen dem Vater, der Familie und dem Täter.

Das französische Online-Investigativmedium Mediapart berichtete im Zusammenhang mit der Ermordung des Lehrers von einer Fotomontage auf Twitter, die die Enthauptung einer nicht identifizierten Person gezeigt haben soll. Die Fotomontage soll schon am 30. August von Abdullah A. unter dem Accountnamen "@Tchetchene_270" online gestellt worden sein. Doch der Tweet sei schnell wieder gelöscht worden.

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