Europa

Kroatien, Corona und Touristen: Augen zu und durch

Virologen in Kroatien schlagen Alarm, die Situation könnte in zehn Tagen bereits außer Kontrolle geraten. Die Ursachen dafür sehen sie insbesondere im verantwortungslosen Verhalten junger Menschen. Diese weisen aber jede Schuld von sich.
Kroatien, Corona und Touristen: Augen zu und durchQuelle: www.globallookpress.com © Sven Simon / Frank Hoermann

Man hat mit großem Aufwand versucht, während der Corona-Krise das Image eines sicheren Reiselandes aufzubauen. Für ein Land, das so sehr vom Tourismus abhängig ist wie Kroatien, wäre eine ausgefallene Saison ein Desaster gewesen. Bereits die im Frühling getroffenen sehr strengen Maßnahmen wurden unter anderem mit Hinblick auf dieses Ziel geplant. 

Umso größer war die Erleichterung, als im Juli dann doch plötzlich die Touristen ankamen und jede Woche besser als die vergangene wurde. Die Gesundheitsbehörden verschärften die Maßnahmen erneut, nachdem es zu erster Kritik aus dem Ausland gekommen war, dass sich die Urlauber mit einer Ansteckung nach Hause kämen. Und als insbesondere deutsche Medien das Thema aufgriffen und mit negativer Berichterstattung auffielen, reagierte man in Kroatien gereizt auf die "Panikmache".

Einen Monat später neigt sich die Saison des Massentourismus dem Ende zu, ab September laufen millionenschwere Jachten mit ihren gutbetuchten Eigentümern in die Marinas der Küsten und Inseln ein. Die Bilanz der verkürzten Sommersaison 2020 kann sich vom wirtschaftlichen Standpunkt angesichts des im Frühjahr erwarteten Reinfalls durchaus sehen lassen: ein bisheriges Minus von 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr, einem absoluten Rekordjahr!

Aus epidemiologischer Sicht sieht es aber anders aus. Als Kroatien als erstes EU-Land am 10. Mai wieder die Grenzen öffnete, erklärte Tourismusminister Gari Cappelli, dass man "ab heute wieder touristisch atmet". Zu diesem Zeitpunkt wurde bei 2.196 Personen das Coronavirus nachgewiesen, 91 Menschen starben im Zusammenhang mit der Lungenkrankheit COVID-19. Ein Vierteljahr später (Stand 25. August) sind die Zahlen auf 8.530 positiv Getestete (davon 6.124 Genesene) und 175 Todesfälle gestiegen.

Das führte dazu, dass die wichtigsten Länder aus kroatischer Sicht – Deutschland, Italien, die Niederlande, Österreich und Slowenien – das kleine Balkanland an der Adria entweder ganz oder teilweise zum Risikogebiet erklärten. 

Branko Kolarić, Epidemiologe und Mitglied des Beratungsgremiums der Regierung in Zagreb, erklärte nach einer Sitzung am Dienstag:

In den vergangenen zwei Wochen verzeichnen wir eine Zunahme von Infizierten, und wir haben beschlossen, dass das ein Risiko war, das wir mit der Öffnung der Grenzen und touristischen Saison akzeptiert haben. Aber jetzt haben wir beschlossen, dass es an der Zeit ist, an Orten mit mehr Infizierten Maßnahmen zu ergreifen, um den Trend zu verlangsamen, damit es vor Schulbeginn so wenige Infizierte wie möglich gibt.  

Einen erneuten Lockdown erwarte aber niemand, und schon gar nicht landesweit wie noch im Frühjahr.

Die Frage, die sich jetzt aber so mancher Virologe und Politiker, aber auch Bewohner Kroatiens stellt, ist, ob denn die Kritik aus dem Ausland berechtigt ist, dass ihr Land ein Corona-Hot Spot sei.

Für den Vorsitzenden des kroatischen Tourismusverbandes Veljko Ostojić steht fest, dass es keinen Grund gibt, nach Schuldigen zu suchen. "Das verdanken wir uns selbst, dass wir auf der roten Liste gelandet sind", sagte er der Tageszeitung Večernji list. So sieht es auch der angesehene Molekularbiologe und Direktor des Instituts für Biochemie II an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, Prof. Dr. Ivan Đikić. Im kroatischen Fernsehen kritisierte er die Vorbereitungen im Vorfeld der Öffnung für die Tourismussaison wie etwa mangelnde Testkapazitäten oder das Versäumnis, Nachtclubs und Diskotheken zu schließen.

Ein weiterer renommierter Molekularbiologe der ETH Zürich, Prof. Dr. Nenad Ban, meinte gar, dass die Situation unausweichlich war:

Leider passt das nicht zusammen (das Virus zu bekämpfen und das Land zugleich für den Tourismus zu öffnen), weil das Ziel eines Urlaubs ist, dass sich die Leue entspannen und mit anderen treffen. So wurde unsere ganze Küste in eine Zone von Restaurants, Kaffees und Clubs verwandelt, wo es unmöglich ist, die Abstandsregeln vollständig einzuhalten.

Deswegen geht Đikić davon aus, dass sich Kroatien angesichts der epidemiologischen Entwicklung bald in einer schlechteren Situation befinden wird als die meisten Länder, aus denen die Touristen kamen. Das "interne Risiko" sei deshalb gegenwärtig größer als jenes durch den "Import" des Virus. 

Tatsächlich ging die Regierung von Ministerpräsident Andrej Plenković dieses Risiko bewusst ein, sich den SARS-CoV-2-Erreger unkontrolliert ins Land zu holen, wie Kolarić ja bestätigte. Die Clubs und Bars, die noch bis vor Kurzem randvoll waren und in denen die meisten jungen Menschen auf keinerlei Schutzmaßnahmen achteten, wirkten anschließend wie Brandbeschleuniger und verbreiteten das Virus in die Familien. 

Dabei fiel insbesondere die Gespanschaft Split-Dalmatien auf, wo neben der Hauptstadt Zagreb (1.997 positiv getestete Personen) mit 1.864 positiv getesteten Personen die meisten Corona-Fälle zu verzeichnen sind. Das führte dazu, dass Krunoslav Capak, der Vorsitzende des nationalen Gesundheitsamts, die "mediterrane Gelassenheit" der Bewohner Dalmatiens für die steigenden Zahlen verantwortlich machte. Dabei muss ihm aber entgangen sein, dass Dalmatien nicht aus nur aus dieser einen Gespanschaft besteht und die restlichen zusammen nicht annähernd an die Hälfte der Zahlen der Gespanschaft Split-Dalmatien heranreichen. Es muss also mit der Stadt Split selbst zu tun haben. 

Die zweitgrößte Stadt Kroatiens vibriert tatsächlich voller Leben, als ob es nie eine Pandemie gegeben hätte. Sie ist voll mit Touristen. Tagsüber sind die Strände überfüllt, abends die Flanierstraßen um den Diokletianpalast. Aber auch die einheimische Bevölkerung lässt es sich nicht nehmen, ihren alten Gewohnheiten nachzugehen und abends in Gruppen zusammenzukommen. Das gilt für Jung und Alt gleichermaßen.

Dass nun ausgerechnet die jungen Menschen schuld an der erneuten Misere sein sollen, wollen diese in Split nicht einfach so hinnehmen. Ein Student der städtischen Universität beschwerte sich über die praktische Unsinnigkeit mancher Regelungen, wie beispielsweise der Maskenpflicht in Geschäften, während gleichzeitig aber in den Restaurants, Cafés und Bars keine Maskenpflicht besteht, obwohl die Menschen dort dicht an dicht stehen:

Die Stadt brennt einfach. Schauen Sie sich die Restaurants an, die Touristen stehen dort vor dem Eingang Schlange. Aber Hauptsache uns wird gesagt, dass wir Mörder sind, weil wir jung sind und abends an der Mauer am Meer ein Bierchen trinken wollen.

Es gehe nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Verantwortungsbewusstsein, erwiderte Prof. Dr. Ban auf solche Berichte. Er appellierte erneut insbesondere an die jungen Menschen, sich an die Abstandsregelungen zu halten und nach Möglichkeit zu Hause zu bleiben. Die gestiegenen Zahlen der vergangenen Tagen führten zu einer exponentiellen Entwicklung, die man nicht mehr kontrollieren könne. Die nächsten zehn Tage würden entscheidend sein, ob man dieses Szenario doch noch abwenden könne, meinte er. 

Freiwillig werden aber weder die Jungen noch die Alten im Sommer zu Hause bleiben, das dürfte allen bewusst sein. Deshalb stellte der Epidemiologe Kolarić bereits in Aussicht, dass man "lokale, auf die epidemiologische Situation" entsprechende Maßnahmen ergreifen werde, um der Lage Herr zu werden. Den Menschen in Split droht also möglicherweise ein Lockdown, um sie in die eigenen vier Wände zu zwingen.

Für die Regierung in Zagreb ist dieses kalkulierte Risiko ein Tanz auf der Rasierklinge. Man nahm die Sommersaison so gut es eben ging mit, um einen freien Fall der Wirtschaft zu verhindern. Und während die Menschen nun möglicherweise die Rechnung dafür erhalten, wird die Regierung noch gerne die Nachsaison mit den Luxusjachten in den Marinas mitnehmen. 

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