Nahost

Türkischer Ex-Admiral: Westen ist Hauptgrund für die inneren und äußeren Probleme der Türkei

Die USA wollen keine unabhängige Türkei, die das größte Hindernis für die Neuordnung des Nahen Ostens nach US-Entwurf ist. Im Exklusiv-Interview mit RT Deutsch erklärte der türkische Admiral im Ruhezustand, welche Rolle das russische Luftabwehrsystem S-400 im Konflikt spielt.
Türkischer Ex-Admiral: Westen ist Hauptgrund für die inneren und äußeren Probleme der Türkei

von Ali Özkök

Soner Polat ist türkischer Admiral im Ruhestand. Von 2005 bis 2007 war er Chef der Geheimdienstabteilung des Generalstabs in Ankara und von 2007 bis 2009 Kommandant der Marine der Mittelmeerregion in Mersin. 2009 wurde er zum Logistikchef der Seestreitkräfte befördert. Während dieser Aufgabe wurde er am 11. Februar 2011 aufgrund des Balyoz-Falls verhaftet und 2013 wieder entlassen.

Welche sind die militärischen Gründe, warum die Türkei am russischen Luftabwehrsystem S-400 festhält und sich dabei nicht von den USA dreinreden lässt?

Bei jeder Art von Waffenbeschaffungsprojekten in der militärischen Planung geht man von der Bedrohungslage aus. Eine Investition in eine Waffe, die der Bedrohung nicht gerecht wird, ist Verschwendung. Auf diese Weise würde eine Investition als (neues) Problemfeld auf uns zurückfallen.

Versuchen wir also die Bedrohung durch Raketen östlicher und südlicher Nachbarn der Türkei zu analysieren:

Die Grenze mit unserem östlichen Nachbar Iran wurde mit dem Kasr-ı Şirin-Abkommen von 1639 festgelegt. Von diesem Tag an hat sich die Grenze zwischen dem Iran und uns nicht verändert. Wenn die Versuche des Westens, beide Staaten gegeneinander aufzuwiegeln, nicht gewesen wären, hätte das Niveau der Beziehungen zwischen beiden Staaten besser sein können. Die Problemfelder waren künstlich und gründeten vor allem auf den transatlantiktreuen Regierungen innerhalb der Türkei. Das iranische Raketenprogramm wird als Antwort auf die täglich zunehmende US-israelische Bedrohung ausgebaut. Die Behauptung einer Bedrohung für unser Land durch Raketen aus dem Iran wäre auf den ersten Blick nicht realistisch.

Allerdings gilt es hier einen Punkt zu unterstreichen: Leider wurde in Kürecik aufgrund der fehlenden strategischen Weitsicht der Führung des Landes eine US-amerikanische Abwehr-Radaranlage stationiert. Der Zweck dieser Radarstation ist es, den Iran zu beobachten und eine Frühwarnung für auf Israel gerichtete Raketen zu gewährleisten. Diese Entwicklung hat rein gar nichts mit der Verteidigung oder den Interessen der Türkei zu tun. Dieser Umstand sollte so schnell wie möglich korrigiert werden. Der Irak wurde sowohl 1999 als auch 2003 durch die USA fast dem Erdboden gleich gemacht. Aber bei beiden Kriegen wurde keine Rakete mit dem Ziel Türkei abgefeuert. Der Irak führte einen Krieg auf Leben und Tod und wurde am Ende völlig zerstückelt. Und dennoch wurden keine Raketen auf die Türkei abgefeuert. Bei dieser Sachlage kann also auch nicht von einer Raketenbedrohung für die Türkei durch den Irak die Rede sein.

Die Türkei befindet sich seit 2011 im Konflikt mit Syrien. Wäre das nicht ein Grund, sich mit US-Systemen zu bewaffnen?

Syrien führt seit 2011 einen großen Krieg, um seine territoriale Integrität und politische Souveränität zu verteidigen. Bei diesem erbarmungslosen Krieg Syriens gegen die Imperialisten hat sich die Türkei gegen die syrische Führung positioniert. Trotz dessen gab es auch keinen echten syrischen Raketenangriff in Richtung Türkei. Richtig ist zwar, dass von syrischem Boden aus Raketen abgefeuert wurden, die Grenzorte auf der türkischen Seite zum Ziel hatten; allerdings wurden diese Raketen entweder von den Terrorgruppen "Islamischer Staat" oder von der PKK abgefeuert. Hätten diese beiden Terrororganisationen eine solche Initiative ergreifen können ohne die Erlaubnis ihrer "Herren"? Mit anderen Worten: Hinter diesen Raketen standen die USA.

Wollen Sie andeuten, dass die USA der eigentliche Feind der Türkei sind?

Wenn wir eine ernsthafte Analyse durchführen, können wir leicht feststellen, dass nahezu alle inneren und äußeren Probleme, mit denen die Türkei heute konfrontiert ist, in den Aktivitäten des Westens, allen voran der USA, begründet sind. Der Westen weicht im Grunde nicht einen Millimeter von seiner alten Haltung ab. Der Westen ist nur damit beschäftigt, der Türkei Befehle zu erteilen, wie zum Beispiel im Falle des Luftabwehrsystems:

Kauft dieses System; und verzichtet auf das S-400-System!

Die USA bieten ihr Patriot-Luftabwehrsystem der Türkei zum Verkauf an. Ist das keine gute Alternative für das russische System S-400?

Die eigenen Systeme will der Westen der Türkei jetzt nur geben, um die Radaranlagen in Incirlik und Kürecik zu schützen. Da die Quellcodes und geheimen Passwörter dieses westlichen Systems in US-amerikanischer Hand sind, können wir nicht sicher sein, dass diese Systeme auf wirkungsvolle Weise für die Bedürfnisse der Türken genutzt werden würden. Das Patriot-Raketenabwehrsysten ist schließlich ein US-amerikanisches System. Wie gesagt: alle Quellcodes und Geheiminformationen dieses Systems sind in der Hand der USA, die kategorisch keinen Technologietransfer mit uns zulassen. Wie die USA reagieren würden, wenn diese Systeme gegen die Interessen des Westens genutzt werden würden, ist wohl für alle ein offenes Geheimnis.

Wo sehen Sie die Vorteile mit dem S-400-Luftabwehrsystem von russischer Seite?

Das S-400-System hingegen ist sowohl einfach in der Bedienung als auch von sehr hoher Wirkkraft. Durch seine Reichweite verfügt es über die erforderlichen Eigenschaften, um die Operationsbedürfnisse der Türkei zu decken. Es ist mobil und kann deshalb schnell und geheim von einem Operationsfeld in ein anderes verlegt werden. Dies erzeugt für Gegner ein hohes Überraschungsmoment. In Sachen Luftabwehr nimmt das System die gewünschte Abschreckungsfunktion ein.

Das S-400 wäre somit eine ernsthafte Bedrohung für jede Art von Luftoperation seitens des Westens gegen die Türkei und würde für eine gestaffelte und in die Tiefe gehende Luftabwehr sorgen.

In diesem Bereich ist das S-400-System das beste der Welt. Das S-400 Beschaffungs-Projekt erfüllt die wirklichen operativen Bedürfnisse der Türkei. Es macht unser Land sicherer gegen Bedrohungen vom Westen und von anderen Feinden. Dass der Westen die Geheimnisse dieses Systems nicht kennt, ist ein weiterer großer Vorteil. Dies erhöht den Bewegungsspielraum unseres Landes.

Es gibt in der Türkei immer noch zahlreiche Eliten in der Politik und im Militär, die an einer Partnerschaft mit den USA festhalten wollen. Wo sehen Sie das Problem bei dieser Absicht?

Ja, es ist richtig, dass in der türkischen Politik und in der türkischen Bürokratie eine starke transatlantische Ader herrscht. Allerdings haben die jüngsten Geschehnisse einen derart kritischen Zustand erreicht, dass selbst in dieser Schicht die Wahrnehmung einer vom Westen ausgehenden Bedrohungslage immer mehr Anhänger findet. Ein NATO-Mitglied oder EU-Beitrittskandidat zu sein, kann diese Bedrohung nicht mehr kaschieren.

Wir sollten uns auch nicht selbst betrügen. Wenn die Türkei eines Tages wirklich gezwungen sein sollte, in die Schlacht zu ziehen, dann wird der Gegner mit Sicherheit kein westasiatisches Land sein. Die S-400-Beschaffung ist der Ausdruck der nicht offen ausgesprochenen oder aussprechbaren, für manche im Unterbewusstsein aber verankerten Bedrohungswahrnehmung. Die Beschaffung ist das wichtigste Zeichen für einen Wechsel und für einen Wandel im Bereich der Verteidigung.

Die Beschaffung des S-400-Systems durch die Türkei ist daher aus jederlei Hinsicht eine richtige Entscheidung. Der nationale Sicherheitssektor verzeiht keine Fehler. Rüstungspolitik wird auf der Ebene der Bedrohungslage entschieden. Man kauft ein Waffensystem nicht einfach nur, um es zu haben. Für die politischen Interessen eines starken Landes darf die Landesverteidigung keinem Risiko ausgesetzt werden. Auch wenn viele verschiedene andere Faktoren noch eine Rolle gespielt haben, hat die Türkei beim Thema S-400 die Segel in Richtung sicherer Gewässer gesetzt. Die groben Bedrohungen der USA in allen Bereichen sind offensichtlich. Die Türkei analysiert das sich wandelnde, neue Gesicht des Westens mit Bedacht und verstärkt ihre Verteidigungssysteme dementsprechend. Im Falle einer Abweichung von dieser Route würde die Türkei ihre eigene Zukunft in Gefahr bringen.

Die USA führen immer wieder an, dass das S-400 einfach nicht kompatibel zu den westlichen Waffensystemen sei. Vor welchem Szenario haben die USA Angst?

Dass die USA die Geheiminformationen der F-35-Kampfflugzeuge und andere technische Abstimmungsprobleme anführen, ist reine Ablenkung. Eigentlich fürchtet Washington, dass die Türkei ernste Schritte in Richtung einer unabhängigen Luftraumsicherung unternommen hat. Alle Pläne der USA, mit dem Patriot-System sowohl Geld an der Türkei zu verdienen als auch sie zugleich zu kontrollieren, sind gescheitert. Die Türkei könnte die Patriot-Raketen lediglich gegen ihre natürlichen Verbündeten, also die Staaten Westasiens einsetzen, und dies wäre als Zukunftsperspektive für unser Land eine Katastrophe. 

Welche Konsequenzen in regionaler Hinsicht könnte die geopolitische Neuorientierung der Türkei für die USA haben?

Außer der Rüstungspolitik schadet das souveräne Handeln der Türkei in politischen, ökonomischen und strategischen Bereichen der Globalisierungspolitik der USA im allgemeinen und ihrer Nahostpolitik im Besonderen. Auch wenn die USA es aufgrund der NATO-Mitgliedschaft der Türkei nicht offen aussprechen, halten sie die Türkei für das größte Hindernis in ihrer Nahostpolitik. Die Türkei hat mit ihren Euphrat-Schild- und Olivenzweig-Operationen die US-amerikanischen Pläne eines Terrorkorridors bis ans Mittelmeer vereitelt. Washington kann aufgrund der Existenz der Türkei nicht wie gewollt in der Region agieren. Die Strategie der USA für den Nahen Osten basiert auf der Gewährleistung der Sicherheit Israels. Dasselbe Thema wurde vor kurzem vom israelischen Ministerpräsidenten, Benjamin Netanjahu, voller Offenherzigkeit zur Sprache gebracht. Die israelische Führung erklärte den Staatsoberhäuptern und wichtigen Vertretern der arabischen Staaten, mit denen sie inzwischen freundschaftliche Beziehungen aufgebaut hat:

Die größte Bedrohung in der Region sind weder Russland noch der Iran. Den eigentlichen Schaden fügt uns die Türkei zu.

Neben der Türkei fordern auch Iran und Russland die USA im Nahen Osten heraus. Wo sehen Sie Unterschiede zwischen den Astana-Garantiemächten?

Sowohl Russland als auch der Iran betreiben ihre Mühlen in der Region mit Wasser, das aus der Ferne herangebracht werden muss. Die militärische Schlagkraft beider Länder vor Ort ist nicht vergleichbar mit der Durchsetzungsfähigkeit Ankaras. Die Türkei verfügt über die Möglichkeit, eine Operation durch ihre gesamten vorhandenen Streitkräfte zu unterstützen. Und tatsächlich bedeutet in der Geopolitik Raum zugleich Schlagkraft. Die Türkei ist stark, und sie sitzt im Raum der Geschehnisse. Die Wahrscheinlichkeit der Realisierung von Entscheidungen, die ohne die Türkei getroffen werden, ist gering.  Noch einmal: die USA betrachten die Türkei als größtes Hindernis bei der Realisierung ihrer eigenen Geopolitik für diese Region.

Die türkische Armee gilt traditionell als pro-NATO eingestellt. Wie erklären sie die Haltung in der Armee und was bewegte sie, eine pro-eurasische und US-kritische Haltung zu entwickeln?

Nach den Balyoz-, Ergenekon- und weiteren inszenierten Prozessen gegen unschuldige, staatstreue Beamte, Militärs, Journalisten und Personen des öffentlichen Lebens hat sich innerhalb der türkischen Streitkräfte eine Stimmung gegen die NATO und gegen die USA ausgebreitet. Denn die NATO und die USA haben diese unrechtmäßigen Prozesse unter einem trügerischen Deckmantel der Demokratisierung unterstützt. Als sich diese Stimmung ausbreitete, wurde die Türkei auch noch von dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 erschüttert.
Dieser Putschversuch wurde definitiv von der gülenistischen FETÖ-Terrororganisation unternommen. Dieses Ereignis sensibilisierte breite Schichten des Militärs und der Zivilgesellschaft dafür, dass die USA und die CIA als die Drahtzieher hinter diesem Putschversuch einzuschätzen sind.

Beim Putschversuch 2016 wurde dann auch eine überwältigende Mehrheit des Volkes überzeugt, dass die USA die geheime Wirkmacht hinter den Umstürzlern waren. Der Zuspruch für die USA im türkischen Volk sank auf ein historisches Tief.

Vielen Dank für das Gespräch!

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