Nahost

Raketen auf Stützpunkt Diego Garcia: Iran-Konflikt wird zu gesamteuropäischem Problem

Iran hat zwei ballistische Raketen gegen den britisch-amerikanischen Stützpunkt auf der Insel Diego Garcia im Indischen Ozean abgefeuert. Experten halten den Angriff nicht nur für ein Signal gegenüber den USA, sondern auch für einen Präzedenzfall, der die Bedrohungslage für ganz Europa sowie die Ukraine verändert.
Raketen auf Stützpunkt Diego Garcia: Iran-Konflikt wird zu gesamteuropäischem Problem© Urheberrechtlich geschützt

Von Andrei Restschikow

Am 21. März hat Irans Regierung bekannt gegeben, zwei ballistische Raketen gegen den gemeinsamen britisch-amerikanischen Stützpunkt auf der Insel Diego Garcia im Indischen Ozean abgefeuert zu haben. Die iranische Nachrichtenagentur Mehr bezeichnete diesen Angriff als einen "bedeutenden Schritt" in der laufenden Konfrontation mit den USA.

Später erschienen in US-Medien Meldungen, wonach eine der Raketen im Flug zerfallen und die zweite durch ein US-amerikanisches Schiff mithilfe des Raketenabwehrsystems SM-3 abgefangen worden sei. Angaben über Beschädigungen der Infrastruktur des Stützpunktes oder über Opfer unter dessen Personal lagen in den ersten Stunden nach dem Angriff nicht vor.

Dennoch sprach Großbritanniens Verteidigungsministerium von einer "Bedrohung der nationalen Interessen" und räumte damit ein, dass das Objekt für Militäreinsätze der USA genutzt werde. Dies gab der Pressesprecher des britischen Militärressorts bekannt. Demnach würde die britische Luftwaffe "unser Volk und Personal in der Region" schützen. Der Pressesprecher des Ministeriums räumte ein, dass London den USA erlaubt habe, britische Basen für "eingeschränkte Verteidigungseinsätze" zu nutzen.

Der Stützpunkt besteht seit dem Jahr 1973. In den USA ist er als "Fußspur der Freiheit" bekannt und dient als wichtigstes Zentrum für Einsätze im Nahen Osten, im Indopazifik und in Afrika. Dort sind etwa 2.500 Mann stationiert, hauptsächlich US-amerikanische Militärangehörige und Angestellte. Das Objekt beinhaltet einen Tiefseehafen, der Flugzeugträger und Atom-U-Boote aufnehmen kann, sowie einen Flugplatz. Ebenso ist hier eine Beobachtungsstation der Weltraumkräfte der USA zur Kommunikation mit Satelliten in entfernten Regionen stationiert.

Die von der Zeitung The Wall Street Journal befragten Waffenexperten gaben an, dass der Angriff die Bedrohung aus einer theoretischen in eine praktische Ebene überführt habe. Dies könnte Europa dazu zwingen, dringend in Raketenabwehrsysteme der neuen Generation wie Aegis Ashore und THAAD zu investieren.

Nach Einschätzung arabischer Medien zeuge der Angriff gegen ein solch entferntes Objekt davon, dass Iran über Raketen verfügt, deren "Reichweite die Vorstellungen ihrer Gegner übersteigt". Die Luftstrecke von Iran bis Diego Garcia beträgt etwa 3.800 Kilometer. Dabei übersteigt die Flugstrecke von Teheran bis zu der Insel 5.200 Kilometer. Dieser Angriff widerlegt faktisch Teherans offizielle Ankündigungen über die freiwillige Beschränkung der Reichweite der eigenen Raketen auf 2.000 Kilometer.

Expertenmeinungen zufolge war der Angriff ein klares Signal nicht nur für Washington, sondern auch für Europa, selbst wenn iranische Raketen ihr Ziel nicht getroffen haben. Damit liegt jeder Militärstützpunkt in Rumänien, Polen oder im Süden Europas in Irans Reichweite.

Der Orientalist Kirill Semjonow, Experte des Russischen Rats für internationale Angelegenheiten, erklärte:

"Zweifellos hat die Wahl des Ziels eine besondere symbolische und strategische Bedeutung. Die Einzigartigkeit des Stützpunkts Diego Garcia besteht darin, dass er von den USA lange als größter strategischer Flugplatz im Indischen Ozean genutzt wurde. Gerade von hier flogen strategische B-52-Bomber während des Unternehmens Desert Storm und bei späteren Kampagnen im Nahen Osten. Im Grunde war dies ein 'unsinkbarer Flugzeugträger' für strategische Bomber der US-Luftwaffe, ein sicherer Platz außerhalb der Reichweite der gewöhnlichen regionalen Bedrohungen."

Der Militärexperte Juri Knutow fügt hinzu:

"Der Stützpunkt Diego Garcia ist ein strategisches Objekt: Dort sind Bomber vom Typ B-1B Lancer, die betonbrechende Bomben tragen, sowie strategische B-52-Bomber stationiert. Beim Angriff gegen Diego Garcia handelt es sich weniger um einen Versuch, physischen Schaden anzurichten, obwohl der Stützpunkt im Glücksfall getroffen werden könnte, als vielmehr um ein symbolisches, doch äußerst bedeutendes Signal. Dies ist eine Antwort an den US-Präsidenten auf seine Ankündigungen eines baldigen Sieges über Iran. Teheran gibt zu verstehen: Die Raketenvorräte werden sich nicht erschöpfen, und die Möglichkeit, US-amerikanische Infrastruktur anzugreifen, bleibt bestehen und wird zunehmen."

Dabei ist es nach Semjonows Ansicht wichtig, bei iranischen Meldungen über den Raketenangriff die politische Demonstration und den realen militärischen Aspekt auseinanderzuhalten. Der Orientalist vermutet:

"Gegenwärtig haben wir keine gesicherten Angaben, dass der Stützpunkt getroffen wurde oder die Raketen das Luftabwehrsystem überwunden haben. Meldungen über den Einsatz von SM-3-Raketen und fehlende Aufnahmen von Zerstörungen auf dem Stützpunkt zeugen eher davon, dass die Angriffe eher demonstrativen Charakter hatten oder abgefangen wurden."

Daher sei es noch verfrüht, darüber zu sprechen, dass Teheran auf ein "neues Niveau" übergehe oder die Strategie wechsele. Der Spezialist betonte:

"Iran hat US-amerikanische Militärobjekte im Persischen Golf – in Bahrain und Katar – schon zuvor angegriffen. Hier sehen wir die Ausweitung der gleichen Logik auf eine größere Reichweite. Teheran demonstriert, dass es über Raketen verfügt, die 3.000 bis 4.000 Kilometer zurücklegen können. Doch der Besitz einer solchen Rakete und die Fähigkeit, unhaltbaren Schaden damit anzurichten, sind verschiedene Sachen."

Um den Stützpunkt auf eine Entfernung von etwa 3.800 Kilometern wirklich zu bedrohen, werden nicht nur Reichweite, sondern auch eine hohe Präzision und die Möglichkeit eines massiven Angriffs benötigt. Semjonow weiter:

"Zwei oder drei Raketen selbst mit einer hohen Reichweite werden vom US-amerikanischen Aegis-Raketenabwehrsystem abgefangen werden, wenn es kein massiver Angriff von 20 bis 30 Raketen ist, die die Raketenabwehr überlasten können. Solange wir von einzelnen Angriffen sprechen, ist es eher ein Absichtssignal, als ein Versuch, das militärische Kräfteverhältnis zu ändern."

Was "rote Linien" für die USA und Londons Reaktionen angeht, sei hier keine Dramatisierung notwendig:

"Auch wenn der Stützpunkt formal ein britisch-amerikanischer ist, gilt der Angriff in erster Linie der US-amerikanischen Militärpräsenz. Für Großbritannien ist es weniger ein kritischer Schlag gegen seinen Status als überregionale Macht als vielmehr eine Episode im Rahmen der allgemeinen Eskalation. Die USA fliegen ihrerseits ohnehin Bombenangriffe, und dieser Zwischenfall wird ihre Strategie kaum verändern, solange kein erfolgreicher Treffer eines strategischen Objekts belegt wird."

Dennoch sehen wir einen "beträchtlichen Wandel in der Rhetorik und bei der technologischen Demonstration der Raketenreichweite". Semjonow vermutet:

"Im Hinblick auf militärische Logistik und eine Änderung des Kräfteverhältnisses ist es noch zu früh, von einem Durchbruch zu sprechen. Wir sollten zunächst gesicherte Angaben über den Typ der Raketen, die Treffergenauigkeit und vor allem darüber, ob es Iran gelang, die gestaffelte Raketenabwehr auf einer solchen Entfernung zu überwinden, abwarten."

Dennoch könnte sich in den europäischen Hauptstädten inzwischen das Bewusstsein verbreiten, dass der Konflikt im Nahen Osten kein "entferntes Problem" mehr sei und die Sicherheit des Kontinents unmittelbar bedrohe. London, Paris, Amsterdam, Athen, Berlin, Brüssel, Bukarest, Warschau, Kopenhagen, Prag, Rom und sonstige Städte könnten sich in Angriffsreichweite befinden. Knutow meint:

"Wenn wir von diesem Angriff sprechen, wäre es ein ernsthafter Fehler, ihn ausschließlich im Kontext der Konfrontation zwischen Iran und den USA zu betrachten. In Wirklichkeit ist das Zielpublikum viel breiter. Wenn die Reichweite der eingesetzten Raketen, bei der es sich anscheinend um eine Modifikation der Ghadr-Rakete handelt, die einen Gefechtskopf von einer bis eineinhalb Tonnen auf eine Entfernung von bis zu 5.500 Kilometern transportieren kann, tatsächlich etwa 4.000 Kilometer beträgt, richtet sich das Signal nicht mehr nur an Washington."

Nach Knutows Ansicht sei dies ein "Wink mit dem Zaunpfahl" gegenüber Europa und insbesondere gegenüber der Ukraine:

"Erinnern wir uns an die Chronologie: Buchstäblich vor wenigen Tagen verkündete Selenskij die Absicht, seine Drohnenpiloten und Drohnen zur Abwehr von Angriffen gegen militärische Basen im Nahen Osten zu schicken. Iran reagierte damals harsch und erklärte die Ukraine faktisch zu einem Land, das sich im Konflikt mit Iran befindet. Nun sehen wir eine Bestätigung dessen, dass Teheran über Mittel verfügt, um Ziele in der Ukraine sowie US-amerikanische Basen in Rumänien, Polen und im Süden Europas anzugreifen."

Der Militärexperte Wassili Dandykin stimmt dieser Ansicht zu:

"Wir haben eine Machtdemonstration vor uns, die sich gleich an mehrere Adressaten richtet: Washington, London, und, was wichtig ist, andere europäische Hauptstädte."

Die Reichweite der eingesetzten Rakete geht über das hinaus, was viele Analytiker in Bezug auf das iranische Arsenal vermutet hatten, betont der Experte:

"Im Grunde ist es eine Mittelstreckenrakete, die nach ihrer Klasse mit der russischen Oreschnik oder Pioner vergleichbar ist. Und auch wenn die Raketen in diesem Fall ihr Ziel verfehlt haben, bleibt die Tatsache bestehen: Iran verfügt über Waffen, die Europas Territorium, etwa Frankreich, erreichen können."

Dies ist nicht nur ein Signal an Trump, der vor Kurzem Militärschiffe fast schon aus China und Japan verlangte. Dandykin fügt hinzu:

"Das ist eine Antwort auf einen Zynismus, der schon jegliche Grenzen überschreitet. Erinnern wir uns an die Geschichte um die Übergabe von Treibstoff an die US-Botschaft in Havanna. Das ist eben jener Fall, bei dem politischer Zynismus keine Grenzen kennt. Nun, das ist die Antwort. Doch es gibt noch einen weiteren Adressaten. Das ist ein Signal an England, das den USA erlaubt, eigene Flugplätze für Angriffe zu nutzen. Jetzt wird ihm gezeigt, dass seine militärische Infrastruktur ebenfalls in Angriffsreichweite liegen könnte. Wir sahen bereits Angriffe gegen britische Basen auf Zypern. Hier ist es die gleiche Logik."

Was den technischen Ursprung dieser Raketen angeht, ist dieser wohl auf eine "Zusammenarbeit" zurückzuführen. Dandykin vermutet:

"Berücksichtigt man, dass Iran und Nordkorea lange unter harten Sanktionen standen, war ihr Kontakt unvermeidlich. Die DVRK verfügt über Raketen solcher Klasse. Auch Teheran, das sich jahrzehntelang auf eine Konfrontation vorbereitet hatte, gelang es, entsprechende Systeme zu erwerben oder zu entwickeln. Zuvor hatte ich Zweifel, ob Iran über Hyperschallwaffen verfügt. Nun sehen wir, dass sie da sind. Beim nächsten Mal wird es möglicherweise auch einen Treffer geben."

Somit handelt es sich bei dem Angriff nach Knutows Ansicht vorrangig um eine Demonstration der Möglichkeiten Irans. Dadurch entsteht das Schlüsselproblem der gesamten Nordatlantischen Allianz:

"Sollten iranische Raketen auch US-Stützpunkte in Europa erreichen können, stellt sich die Frage, wie diese zu schützen sind. Die USA haben bereits Patriot-Komplexe aus Südkorea in den Nahen Osten verlegt. Israel mangelt es laut öffentlichen Ankündigungen aus Tel Aviv an Abfangsystemen. Woher sollen neue Patriots kommen, woher neue THAAD-Raketen, um die europäische Flanke zu decken? Die Luftabwehrressourcen der Alliierten sind nicht unerschöpflich."

In diesem Kontext findet sich das Kiewer Regime in einer äußerst schlechten Lage wieder. Denn je mehr Luftabwehrsysteme die USA zur Deckung ihrer Basen in Europa vor der iranischen Bedrohung verlegen müssen, desto weniger davon wird für die Ukraine übrig bleiben. Knutow fügt hinzu:

"Sicher hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron versprochen, verbesserte Raketen zu liefern, doch Frankreich wird die Kapazitäten der USA nicht ersetzen können. Deswegen ist dieser Angriff ein äußerst negatives Signal, gerade für das Kiewer Regime."

Iran demonstriert damit faktisch eine neue Doktrin: Länder, die die USA unterstützen und Stützpunkte des Aggressors auf eigenem Territorium stationieren, werden zu Zielen:

"Dies wirft die Frage der strategischen Stabilität in Europa auf. Wurde der iranische Faktor zuvor als regionales Problem des Nahen Ostens aufgefasst, wird er nun zu einem gesamteuropäischen Problem. Europäische Hauptstädte werden sich für US-amerikanische Basen vor Teheran ebenso verantworten müssen, wie sie es zuvor vor Moskau taten."

Nach Ansicht des Experten zeigt Irans Erfahrung, dass Angriffe gegen die militärische Infrastruktur, von der die Aggression ausgeht, möglich und wirksam sind:

"Wir sehen, dass Dutzende europäische Länder Produktionswerkstätten für Drohnen eröffnen, die daraufhin russisches Territorium angreifen. Die Frage, ob Irans Erfahrung, um die Menge an Drohnen, die das Kiewer Regime gegen uns einsetzt, zu vermindern, zu nutzen sei, wird immer aktueller. Das ist keine bloße Episode des Nahost-Konflikts, sondern ein Präzedenzfall, der die Bedrohungslage für ganz Europa ändert."

Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen am 22. März bei der Zeitung Wsgljad.

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