Nahost

Die USA sehen den Krieg gegen Iran auch als Willen Gottes

Es ist üblich, anzunehmen, dass hinter der Aggression der USA und Israels gegen den Iran rein wirtschaftliche Interessen stecken. Doch in beiden Staaten gibt es einflussreiche und mächtige Gruppen, die diesem Konflikt einen tiefen religiösen Sinn zumessen. Sie glauben, einen in der Bibel vorhergesagten Krieg zu führen.
Die USA sehen den Krieg gegen Iran auch als Willen Gottes© Pressedienst des Weißen Hauses

Von Geworg Mirsajan

Die US-Propaganda hat sich in einer schwierigen Lage wiedergefunden. Nach dem Scheitern des Blitzkriegs gegen den Iran, als es klar wurde, dass sich der Konflikt in die Länge zieht, musste sie der US-amerikanischen Gesellschaft den Grund für diesen Krieg erklären. Und zu welchem Zweck alle damit einhergehenden Einbußen – bisher vor allem wirtschaftlicher Natur – zu tragen wären.

Zum Einsatz kommen bewährte Mantras. Die Rede ist davon, dass es notwendig sei, in Iran die "religiösen Fanatiker" zu entmachten, die angeblich Frauen unterdrücken und Protestierende auf den Straßen hängen würden. Iran sei einen Schritt vom Bau einer Atombombe entfernt, heißt es. Pete Hegseth, Kriegsminister der USA, behauptet:

"Wahnsinnige Regimes wie Iran, die vom prophetischen islamischen Irrglauben besessen sind, dürfen nicht über Nuklearwaffen verfügen."

Doch in den USA gibt es eine beträchtliche Gruppe von Personen, die davon gar nicht erst überzeugt werden müssen. Sie betrachten den Krieg gegen Iran nicht durch die Linse der Verteidigung der USA oder der Befreiung des iranischen Volkes, sondern als einen regelrechten Willen Gottes. Oder, um die lateinische Losung der Kreuzritter beziehungsweise die Tätowierung am Arm von Pete Hegseth zu zitieren: Deus Vult.

Für sie alle ist der Krieg gegen Iran regelrecht ein Heiliger Krieg. Er sei buchstäblich von Gott vorherbestimmt. Die Rede ist von zahlreichen evangelikalen Strömungen, Kirchen und Sekten, deren Dutzende Millionen Mitglieder zu den leidenschaftlichsten Anhängern der Republikanischen Partei und Donald Trump persönlich zählen.

Ihre Ansichten sind nicht nur auf der Straße oder in Kirchen vertreten, sondern auch im Senat sowie im Weißen Haus. So war etwa Mike Pence, der während Trumps erster Amtszeit den Posten des Vizepräsidenten bekleidete, ein radikaler Evangelikaler. Der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, behauptete, dass es gut wäre, wenn Israel den gesamten Nahen Osten vom Nil bis zum Euphrat erobern würde, denn dieses Land sei ihm in der Bibel versprochen worden. Somit gibt es solche Menschen sowohl unter jenen, die die Entscheidung über den Angriff gegen den Iran getroffen haben, als auch unter ihren Wählern.

Diese Menschen glauben, dass der Bund zwischen Gott und Israel unverbrüchlich sei, und ihn zu bestreiten, bedeutet, den heiligen Text der Bibel selbst zu bestreiten. Sie glauben daran, dass die Eroberung des gesamten "gelobten Landes" vom Nil bis Euphrat durch Juden eines der Ereignisse sei, die die zweite Ankunft Christi verkünden.

Einfacher gesprochen, sei die Rückgabe des "gelobten Landes" an Juden das Ziel eines jeden gläubigen Christen. Gerade deswegen unterstützen diese Personen den Bau von Siedlungen im Westjordanland, die Annexion beliebiger Gebiete durch Israel und dementsprechend Trumps sämtliche Aktionen in Israels Interesse. Dazu zählt auch der Krieg gegen den Iran, denn es heiße in den heiligen Texten, dass Juden ihre Feinde vernichten würden.

So werden unter den US-Truppen Behauptungen verbreitet, wonach Trump von Jesus gesalbt worden sei, das Signalfeuer in Iran zu entfachen, das zum Armageddon führen und die Rückkehr Christi auf die Erde kennzeichnen werde. Indessen versammelte Präsident Trump selbst im Oval Office zwei Dutzend Priester, die ihm die Hand auflegen und für seinen Sieg beten sollten.

Im Übrigen stand bei diesem kollektiven Gebet zu Trumps Linken Paula White-Cain, oberste Beraterin des Weißen Hauses für Glaubensfragen. Gerade sie sorgte für eine Renaissance der Praxis von Ablassbriefen, indem sie persönliche "Schutzengel" für 1.000 US-Dollar verkauft. Und gerade sie rief in einer religiösen Trance Trump auf, zu "schlagen, schlagen, schlagen, schlagen, schlagen, so lange Ihr nicht jeden Feind besiegt, der sich gegen Euch auflehnt".

Und diese Menschen, die manchmal auch als "christliche Zionisten" bezeichnet werden, sind ein wahrer Fund für Benjamin Netanjahu. Freilich geht es den Evangelikalen weniger um eine Liebe zu Juden, als vielmehr darum, Juden für eigene religiöse Zwecke zu instrumentalisieren. Im Rahmen des evangelikalen Glaubens werden vor der zweiten Ankunft Christi alle Juden mit Ausnahme derer, die zum Christentum konvertieren, beim Armageddon sterben.

Doch Israels Führung achtet nicht auf solche Details, sie arbeitet eng mit Evangelikalen zusammen, um Israels Interessen in den USA zu fördern. Ron Dermer, ehemaliger Botschafter Israels in den USA, empfahl Tel Aviv direkt, mehr Fördermittel für den Lobbyismus in den USA für die Arbeit mit "begeisterten US-amerikanischen Evangelisten" zu gewähren, als für US-amerikanische Juden, die Israel "unverhältnismäßig oft" kritisieren würden.

Und nun, im Rahmen des Kriegs gegen Iran, umschmeichelt Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nicht nur eigene religiöse Fundamentalisten, sondern auch US-amerikanische Evangelikale:

"In der Tora lesen wir: 'Bedenkt, was Amalek euch angetan hat'. Wir erinnern uns und handeln."

Dabei vergleicht Netanjahu Israels Gegner mit den biblischen Amalekitern, die die Juden nach deren Auszug aus Ägypten als Erste überfallen haben sollen und daher eine völlige Vernichtung verdienten.

Insgesamt positionieren sowohl die USA als auch Israel den Krieg gegen Iran auf allen Ebenen als einen Glaubenskrieg, der stattfinden solle, um biblische Prophezeiungen zu erfüllen.

Das Problem besteht nur darin, dass der Wert dieses Arguments für die US-amerikanische Wählerschaft nachlässt. Evangelikale der älteren Generation bleiben proisraelisch, doch die Unterstützung des jüdischen Staates unter ihrer jüngeren Generation fiel von 75 Prozent im Jahr 2018 auf nur 34 Prozent im Jahr 2021 herab.

Dafür gibt es viele Gründe, vor allem natürlich den allgemeinen Rückgang von eifrigen Gläubigern unter den US-Bürgern. Der Anteil von Menschen, die glauben, dass die Bibel das Wort Gottes sei, ist von 40 Prozent im Jahr 1980 auf 20 Prozent im Jahr 2022 gesunken, während der Anteil jener, die glauben, dass sie lediglich eine Sammlung von durch Menschenhand verfassten Geschichten sei, von etwa zehn auf 29 Prozent angestiegen ist. Darüber hinaus schalten sich inzwischen ganze Richtungen des Evangelismus auf die Verbreitung der Ideen der sozialen Gerechtigkeit um – und Aktionen sowohl der USA, als auch Israels hören für sie auf, "gottgewollt" zu sein. Somit wird der Krieg gegen den Iran möglicherweise zum letzten "US-amerikanischen heiligen Krieg" in der Geschichte.

Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei der Zeitung Wsgljad am 10. März.

Geworg Mirsajan ist außerordentlicher Professor an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, Politikwissenschaftler und eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Geboren im Jahr 1984 in Taschkent, erwarb er seinen Abschluss an der Staatlichen Universität des Kubangebiets und promovierte in Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt USA. Er war in der Zeit von 2005 bis 2016 Forscher am Institut für die Vereinigten Staaten und Kanada an der Russischen Akademie der Wissenschaften.

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