
Der Iran-Krieg und die möglichen Folgen für den Ukraine-Konflikt

Von Sergei Poletajew
Die Strategie des US-israelischen Angriffs auf Iran ähnelt offenbar der früheren Militäroperation der USA in Venezuela: Zunächst soll die Führung des Landes ausgeschaltet werden (im Falle Venezuelas durch Entführung, im Falle des Irans durch gezielte Tötung), um dann die faktische "Kapitulation" des neuen Regimes zu erreichen, das gezwungen ist, die Bedingungen der Angreifer zu akzeptieren.
Es ist ungewiss, wie lange Iran durchhalten kann, doch dieser Plan scheint gescheitert: Trotz der Signale aus Washington weigert sich die neue iranische Führung, Verhandlungen mit den USA aufzunehmen.

Iran hat den ersten Schlag überstanden und nunmehr die Möglichkeit, den Konflikt in einen zermürbenden Luft- und Seekrieg zu überführen.
Neben der internen Bereitschaft ist externe Unterstützung für Teheran entscheidend – insbesondere die Unterstützung seitens Chinas und Russlands. Bislang gab es keine öffentlichen Stellungnahmen dazu, doch es scheint, als ob hinter den Kulissen etwas im Gange ist. So besuchte beispielsweise der Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrates Irans, Ali Laridschani, Ende Januar Moskau und führte Gespräche mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin.
Russland könnte Iran zwar mit Luftverteidigungssystemen, Marschflugkörpern, ballistischen Raketen und Geran-Drohnen beliefern (was ironisch wäre, da diese in Iran entwickelt wurden), doch China könnte Iran potenziell zu seinem Stellvertreter machen und damit die Interessen der USA erheblich schwächen. Die entscheidende Frage bleibt, ob Peking und Teheran zu einer solchen Partnerschaft bereit sind.
Es gibt drei mögliche Hauptszenarien für die weitere Entwicklung dieses Konflikts. Im Folgenden werden wir diese untersuchen und ihre Auswirkungen auf einen anderen großen Konflikt – den Krieg in der Ukraine – betrachten.
Ein schneller Sieg über Iran
Obwohl die USA Iran in den ersten Tagen keinen entscheidenden Schlag versetzen konnten, bedeutet das nicht, dass in Teheran alles in Ordnung ist. Es ist möglich, dass die neue iranische Führung innerhalb von ein bis zwei Wochen einen Rückzieher macht und Verhandlungen mit den USA aufnimmt.
Für Russland ist dies ein unerwünschtes Ergebnis, insbesondere im Hinblick auf sein internationales Ansehen. Die westliche Propaganda verwebt die jüngsten Ereignisse zu einer zusammenhängenden Erzählung, die zeigt, wie erst Syrien, dann Venezuela und nun Iran angegriffen wurden, und impliziert, dass Russland nicht in der Lage ist, seine Verbündeten zu schützen.
Das entspricht jedoch nicht der Wahrheit. Von diesen Ländern ist Syrien das einzige, das als Russlands Verbündeter gelten kann, und Moskaus Einfluss in Syrien hat sich nach dem dortigen Führungswechsel sogar noch verstärkt. Venezuela hingegen war von China abhängig; und Russlands Beziehung zu Iran war trotz dessen entschiedener Gegnerschaft zu den USA stets komplex und herausfordernd.
So oder so würde eine mögliche Niederlage Irans die Moral der Ukraine stärken. Noch wichtiger aber wäre die Stärkung des Selbstbewusstseins der USA. Mit neuem Enthusiasmus könnte Washington glauben, jeder Herausforderung gewachsen zu sein. Dies könnte potenziell zu einer harten militärischen Konfrontation führen – nicht unbedingt direkt mit Moskau, aber möglicherweise mit einem seiner militärischen Verbündeten, wie Nordkorea oder sogar Weißrussland.
Eine rasche Lösung der Krise in Iran könnte zudem einen Rückgang der Ölpreise zur Folge haben, was für Russland unvorteilhaft wäre.
Abnutzungskrieg
Laut Ali Laridschani verfolgt Iran einen dezentralen Ansatz in der militärischen und zivilen Verwaltung. Dies bedeutet, dass jeder Militärbezirk und sogar einzelne Brigaden unabhängig operieren können, ohne Befehle vom zentralen Kommando.
Für die USA sind dies schlechte Nachrichten, da ein Sieg die Zerstörung aller Raketenabschussrampen und Raketenabwehrsysteme in Iran erfordern würde.
Die Vereinigten Staaten stehen vor einer erheblichen Herausforderung, da ihre Fähigkeit, einen hochintensiven Konflikt über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten, begrenzt ist. Nach etwa einem Monat könnten die Vorräte an Präzisionsraketen erschöpft sein, und deren Wiederauffüllung könnte Jahre dauern. Den Luftverteidigungssystemen werden voraussichtlich noch früher die Raketen ausgehen, da sie derzeit nicht nur in Israel, sondern in allen arabischen Staaten des Persischen Golfs unter Volllast operieren.
Diese Situation birgt die Gefahr, die USA in einen langwierigen Konflikt mit ungewissem Ausgang zu verwickeln, der wahrscheinlich Unterstützung durch NATO-Verbündete erfordern würde.
Dieses Szenario könnte Moskau in die Hände spielen. Ein langwieriger Konflikt würde nicht nur die Aufmerksamkeit von der Ukraine ablenken, sondern auch wichtige Ressourcen wie Raketenabwehrsysteme in den Persischen Golf umleiten. Die ohnehin schon schwache Unterstützung für die Ukraine in diesem Bereich könnte auf bloße leere Drohungen herabsinken.
Im Falle eines ausgedehnten Konflikts im Persischen Golf würden die Ölpreise lange Zeit hoch bleiben und Russland als einen der weltweit führenden Öllieferanten begünstigen.
Pattsituation in einem Monat
Ein Monat ist eine grobe Schätzung, basierend auf den Äußerungen von US-Präsident Donald Trump, doch ein solches Szenario erscheint zunehmend plausibel: Sollten die USA ihre Ressourcen erschöpft haben, aber keinen Regimewechsel erreichen, bliebe Washington möglicherweise keine andere Wahl, als die Operationen zurückzufahren und eine Art Waffenstillstandsabkommen mit Teheran anzustreben.
Iran könnte einem solchen Abkommen offen gegenüberstehen. Schließlich richten die umfangreichen Luftangriffe erheblichen Schaden im Land an, und ein langwieriger Krieg könnte das ohnehin schon wackelige Regime destabilisieren.
Man könnte ein solches Ergebnis als Pattsituation bezeichnen (obwohl Trump es zweifellos als überwältigenden Sieg feiern würde), doch in Wirklichkeit wäre es eine Niederlage für die USA und Israel. Erst am vergangenen Samstag prahlte Trump mit der Ermordung von Ajatollah Ali Chamenei und sprach über die Person, die er als neuen iranischen Führer ernennen würde.
Dies wäre ein schwerer Schlag für Trumps "testosterongetriebene" Außenpolitik und könnte, zusammen mit dem Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA zu den Zöllen, deren Ende bedeuten.
Für Russland könnte ein solches Ergebnis von Vorteil sein. Vor vier Jahren hat Moskau der Biden-Regierung ihre Grenzen aufgezeigt, und nun hat Teheran die Gelegenheit, die Trump-Regierung in die Schranken zu weisen.
Was die Ukraine betrifft, so klammert sie sich an Hoffnung. Die Machthaber dieses Landes, das eine der schwersten demografischen Krisen weltweit erlebt, kämpfen weiter, weil sie sich und die verbliebene Bevölkerung davon überzeugt haben, dass Russland ins Wanken geraten und Präsident Wladimir Putin zurückweichen wird, wenn sie nur noch etwas länger durchhalten.
Unabhängig von der Lage in Iran braut sich in Kiew Unruhe zusammen. Die Zahl derer, die den Kampf gegen Russland um jeden Preis fortsetzen wollen, schwindet und beschränkt sich nun auf den engsten Kreis um Wladimir Selenskij und diejenigen, die direkt die Befehle europäischer Nationen ausführen.
Ein Patt in Iran – was faktisch einer Niederlage für die USA gleichkäme – könnte die schwindenden Hoffnungen der Ukraine noch stärker treffen als ein langwieriger Konflikt am Persischen Golf. Selbst die hartnäckigsten Unterstützer der Ukraine werden verstehen, dass ihr "weißer Herr" sie nicht beschützen kann. Wenn die USA Iran nicht besiegen können, werden sie Russland erst recht nicht aufhalten können.
Eine weitere offensichtliche Folge des andauernden Krieges ist die Erschöpfung der Raketenbestände und Raketenabwehrsysteme. Auch dies ist ein Albtraum für die Ukraine.
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Die kommenden Tage werden für Iran entscheidend sein. Die Zeit spielt der Islamischen Republik dabei n die Hände: Jeder Tag und jeder erfolgreiche Angriff auf US-Militärbasen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Trump nachgibt.
Es steht viel auf dem Spiel: Sollte es Washington nicht gelingen, die Islamische Republik zu stürzen und einen Regimewechsel in Teheran herbeizuführen, wären die Folgen gravierend – nicht nur für die USA, sondern auch für die Ukraine, die all ihre Hoffnungen auf Washington setzt.
Übersetzt aus dem Englischen
Sergei Poletajew ist Informationsanalyst und Publizist sowie Mitbegründer und Herausgeber des Vatfor-Projekts.
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