Nahost

Hamas-Mitbegründer: "Es ist eine Lüge, dass wir Terroristen sind. Wir sind Freiheitskämpfer"

Hamas-Mitbegründer Mahmud az-Zahar spricht über einen möglichen Gefangenenaustausch, über die feindseligen Zusammenstöße zwischen Gaza und Israel vom vergangenen Mai, über den derzeit wackeligen Waffenstillstand und die Wahrscheinlichkeit weiterer Konflikte und bekräftigt, dass die Bewegung die Freilassung des Fatah-Führers Marwan Barghuthi wünscht.
Hamas-Mitbegründer: "Es ist eine Lüge, dass wir Terroristen sind. Wir sind Freiheitskämpfer"Quelle: Reuters © Suhaib Salem

Das Gespräch führte Robert Inlakesh

Im vergangenen Mai fochten das israelische Militär und die bewaffneten Gruppen im Gazastreifen einen elftägigen brutalen Konflikt aus, bei dem 270 Palästinenser und 13 Israelis ums Leben kamen. Seitdem gilt weitgehend ein beiderseitiger Waffenstillstand, doch viele spekulieren, dass sich dies bald ändern könne. Um die anhaltenden Spannungen zwischen den beiden Seiten besser zu verstehen, habe ich mit Mahmud az-Zahar gesprochen, einem Mitbegründer der Hamas-Bewegung, um etwas über die Perspektive der Organisation zu erfahren, die derzeit in den meisten westlichen Hauptstädten als terroristische Gruppe betrachtet wird.

Mahmud az-Zahar wurde am 6. Mai 1945 in der Nähe von Gaza-Stadt geboren und ist – mit seinen 76 Jahren – somit älter als der Staat Israel selbst. Für die einen ist er ein Mitbegründer einer bewaffneten Befreiungsbewegung, für die anderen gilt er als internationaler Terroristenführer und konservativer Islamist. Zuvor diente er als Teil der demokratisch gewählten Regierung der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), nach einem Erdrutschsieg der Hamas bei den Parlamentswahlen 2006 in Palästina als palästinensischer Außenminister. Im Jahre 1988, also ein Jahr nach der Gründung der Hamas, wurde er von den israelischen Behörden festgenommen und 1992 in die Verbannung nach Südlibanon geschickt. Er hat mehrere Attentate überlebt und lebt derzeit im belagerten Gazastreifen, wo er nach wie vor ein hochrangiger Anführer der Hamas-Organisation ist.

Az-Zahar hat derzeit eine Zielscheibe auf seinem Kopf aufgemalt, was bedeutet, dass er jederzeit mit einem gezielten israelischen Luftschlag ermordet werden könnte, da man ihn in Tel Aviv als einen wichtigen Terroristenführer betrachten. Als ich über eine Live-Verbindung aus London mit ihm sprach, sagte er mir, dass das Gebäude, von dem aus er gerade spricht, bereits viermal bombardiert worden wäre.

Eines der Hauptthemen, nach denen ich ihn fragte, waren die laufenden Gespräche über den Austausch von Gefangenen, die über Ägypten als Vermittler geführt werden. Die Hamas hält derzeit vier israelische Soldaten gefangen: Hisham al-Sayed, Avner Mengistu, Hadar Goldin und Oron Shaul. Es ist allerdings unklar, ob sie noch leben oder bereits tot sind, aber laut Hamas würden sie nur im Rahmen eines Abkommens über einen Gefangenenaustausch an Israel zurückgegeben, ähnlich dem zwischen beiden Seiten geschlossenen Abkommen von 2011, bei dem 1.027 palästinensische Gefangene im Gegenzug für die Freilassung eines einzigen israelischen Soldaten freigelassen wurden.

Ich fragte az-Zahar, was die wichtigsten Überlegungen für die Hamas seien und was in ihren Augen ein faires Abkommen beim Austausch von Gefangenen darstellen würde. Er bezeichnete einen Gefangenenaustausch als einen auf "humanitären Prinzipien" beruhenden Akt und antwortete:

"Wir halten uns an die Grundsätze, dass man die älteren Gefangenen freilassen sollte, sowie jene, die an chronischen Krankheiten leiden. Menschen, die alle Gebiete Palästinas repräsentieren, nicht nur den Gazastreifen, sondern auch das Westjordanland. Ziel ist es, jene Gefangene, die dringend ihre Freiheit brauchen, freizubekommen, um deren Leben zu retten, um sie medizinisch zu versorgen, sowie um diesen Menschen zu ermöglichen, ihr Leben fortzusetzen und ihren Familien beizustehen."

Auf die Frage, wie seine Organisation auf die Bezeichnung "terroristischen Akt krimineller Natur" für die Festnahme und Inhaftierung der vier israelischen Soldaten reagieren wird, erklärte er:

"Sie kamen und besetzten unser Land. Es war eine katastrophale Entscheidung von Europa – aber besonders von den USA –  Ausländer in unser Land zu bringen, um damit unser Volk auszublenden und die Palästinenser dazu zu zwingen, in Flüchtlingslagern zu leben – ohne jeglichen Grund, ohne dass von den Palästinensern irgendein Verbrechen begangen worden war. Nur weil sie sich als Juden als das heilige Volk betrachten und unserem Volk, als Eigentümer des Landes, keine Chance lassen, im eigenen Land zu leben, halte ich es aus diesem Grund für eine erfundene Geschichte, dass wir Kriminelle sein sollen, dass wir Terroristen sind – wir sind ganz einfach Freiheitskämpfer, die um die Befreiung unseres Landes kämpfen."

Zuvor war behauptet worden, dass der inhaftierte Führer der Fatah-Partei, Marwan Barghuthi, bei jedem allfälligen Gefangenenaustausch oberste Priorität haben soll. Az-Zahar bestätigte dies und erklärte: "Wir unterscheiden nicht zwischen den einzelnen palästinensischen Fraktionen. Die letzte Freilassung von Gefangenen umfasste viele Leute, die nicht alle politisch auf derselben Seite standen. Wir haben unsere Kriterien festgehalten darüber, wer – wie ich Ihnen bereits sagte – freigelassen werden sollte: Das sind das Alter, der Gesundheitszustand, Menschen aus jedem Bereich, jeder Fraktion, jeder Organisation und vor allem jene Menschen, die dringend freigelassen werden müssen – und einer von ihnen ist Marwan Barghuthi."

Ich wollte wissen, was er davon hält, dass in vielen westlichen Medien behauptet wurde, der Konflikt vom vergangenen Mai wäre von der Hamas inszeniert worden, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen, ohne die Ziele der breiteren palästinensischen Gesellschaft zu berücksichtigen.

"Es war nicht nur die Hamas daran beteiligt, sondern jede Organisation, jedermann, aus jeder Familie", erklärte er und machte Israels Angriffe auf palästinensische Gläubige in der al-Aqsa-Moschee in Jerusalem für den Konflikt verantwortlich, der die Menschen zum Aufstand aufstachelte. "Israel hat ihnen das Recht verwehrt, in diesen wichtigen, nach Mekka und Medina drittheiligsten Schrein des Islam zu gehen, um dort zu beten, zu feiern und die islamische Tradition zu leben."

Az-Zahar sprach auch über die israelischen Morde an seinen eigenen Kindern und sagte, er habe die Überreste der Leiche eines seiner Kinder nach einem Panzerbeschuss gesehen.

"Ich persönlich habe zwei meiner Söhne verloren", sagte er. "Ein Sohn namens Khaled, nachdem er erst eine Woche zuvor aus Europa zurückgekehrt war, wo er seinen Master-Abschluss an der Universität Salford (in Manchester) gemacht hatte. Sie töteten ihn in diesem Haus und sie töteten meinen jüngsten Sohn Hussam. Sie töteten ihn mit einer Panzergranate."

Die Ernsthaftigkeit, in die sich sein Tonfall änderte, als er dies berichtete, war ein starkes Zeichen für seine Überzeugung vom Kampf der Hamas gegen die Israelis. Es war leicht zu erkennen, dass seine Überzeugungen, trotz dieser persönlichen Opfer, nicht ins Wanken geraten sind, tatsächlich schien es, als ob seine Verluste seine Ansichten weiter gefestigt haben.

Nach dem Grund gefragt, weshalb seine Gruppe Gewalt einsetzt, um ihre Ziele zu erreichen, antwortete er nachdrücklich:

"Das Prinzip eines jeden Landes – ein Prinzip, das sogar in der Tierwelt gilt – heißt Selbstverteidigung. [Benjamin] Netanjahu, dessen Vater immer noch in Amerika lebt, [Avigdor] Lieberman, dessen Vater immer noch in Russland lebt; wodurch wird es gerechtfertigt, dass diese Leute aus allen Weltgegenden hierher kommen, um unser Land zu besetzen und es als Israel zu bezeichnen? Wir sind seit Jahrhunderten die wahren Besitzer dieses Landes. Geben Sie mir nur ein Beispiel aus der Geschichte, aus der Geschichte eines jeden Landes, eines jeden Gebietes, aus jeder Epoche, in der Menschen, die unter einer Besatzung zu leiden hatten, den Besatzern erlaubt hätten, ihre Existenz in ihrem besetzten Land fortzusetzen. Jeder sucht nach Freiheit, jedes Land, das unter einer Besatzung zu leiden hat. Es ist ein Recht, sich gegen eine Besatzung zu verteidigen."

Auf die Bitte, Stellung zu nehmen zu den jüngsten Spannungen in israelischen Militärgefängnissen und zu den Vorwürfen von Menschenrechtsverletzungen gegenüber Häftlingen, fragte er zurück: "Was sagt das Völkerrecht dazu?" Und er verurteilte die Europäer für ihr Schweigen zu diesem Thema.

Sieht die Hamas es als Israels Verantwortung an, nach dem Krieg bei den Wiederaufbaubemühungen in Gaza zu helfen? Az-Zahar zuckte mit den Achseln und erklärte, Israel werde nicht helfen und die Hamas wolle daher, dass internationale Geldgeber ihnen das Geld für den Wiederaufbau geben. Er machte auch deutlich, dass er Israels Blockade jeglicher Wiederaufbaubemühungen als kriminell betrachtet.

Az-Zahar sagte mir zudem, dass Tel Aviv – im Gegenzug für einen langfristigen Waffenstillstand mit Israel – den Palästinensern im Westjordanland und im Gazastreifen Bewegungsfreiheit und Grundrechte gewähren und die seit 2007 bestehende Belagerung des Gazastreifens beenden muss. Zu keinem Zeitpunkt deutete er an, dass seine Organisation beiseitetreten und einem langfristigen Waffenstillstand zustimmen oder ihren bewaffneten Kampf gegen die Israelis beenden würde, wenn diese Forderungen nicht erfüllt werden. Auch unterstrich er entschieden die Entschlossenheit der Gruppe:

"Wir haben unser Land zu verteidigen, unser Volk zu verteidigen, um unseren nachfolgenden Generationen zu ermöglichen, in Zukunft als Menschen zu leben."

Übersetzt aus dem Englischen

Robert Inlakesh ist politischer Analyst, Journalist und Dokumentarfilmer und lebt derzeit in London. Er hat aus den besetzten palästinensischen Gebieten berichtet und dort gelebt und arbeitet derzeit für Quds News und Press TV. Er ist Regisseur des Films "Diebstahl des Jahrhunderts: Trumps Palästina-Israel-Katastrophe". Man kann ihm auf Twitter unter @falasteen47 folgen.

Mehr zum Thema - Wie der Gazakonflikt die Bruchstellen der israelischen Gesellschaft offenbart

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