Nahost

Wieder Zusammenstöße am Tempelberg: Israelische Polizei treibt muslimische Gläubige auseinander

Medienberichten zufolge stürmten jüdische Siedler am Sonntag wieder das Gelände der al-Aqsa-Moschee in Ostjerusalem. Dabei wurden sie von der Polizei unterstützt. Am Freitag kam es am Tempelberg zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Palästinensern.
Wieder Zusammenstöße am Tempelberg: Israelische Polizei treibt muslimische Gläubige auseinanderQuelle: AFP © Ahmad Gharabli

Mehrere Dutzend jüdischer Siedler strömten – flankiert von schwer bewaffneten israelischen Spezialkräften – am frühen Morgen auf das Gelände der al-Aqsa-Moschee in Ostjerusalem, berichtete der Fernsehsender Al Jazeera. Wenige Stunden zuvor sollen palästinensische Gläubige von der israelischen Polizei geschlagen und angegriffen worden sein. Das teilte laut dem Sender die islamische Aufsichtsbehörde mit, die die Tempelanlage beaufsichtigt.

Auch die palästinensische Nachrichtenagentur WAFA berichtete über den Vorfall. So habe die israelische Polizei Augenzeugen zufolge am frühen Sonntag palästinensische Gläubige angegriffen, die das Morgengebet in der Moschee verrichteten, und sie "exzessiv geschlagen", um den Weg für israelisch-jüdische Siedler zu ebnen. Diese wollten die islamische Heiligstätte angeblich stürmen. Auf Videos, die derzeit auf Twitter kursieren, ist zu sehen, wie eine Gruppe jüdischer Gläubiger in Begleitung der Polizei das Gelände passiert. 

WAFA fügte hinzu, dass mindestens sechs Palästinenser verhaftet worden seien, darunter ein Wächter der al-Aqsa-Moschee, der versuchte, den Vorfall zu filmen, und ein Angestellter der islamischen Aussichtsbehörde. Die israelische Polizei verschärfte auch die Zugangsbeschränkungen zum Gelände der al-Aqsa-Moschee und verbot Gläubigen unter 45 Jahren den Zutritt zur Moschee. Oft sind es ausgerechnet die jüngeren Gläubigen, die die Polizei mit Steinen und verbalen Parolen angreifen – wie es auch diesmal zwei Tage nach dem Freitagsgebet geschah.

Normalerweise werden die Besuchsrechte im heiligen Monat Ramadan für Nichtmuslime ausgesetzt, um Spannungen in der Anlage zu verhindern. Ab Sonntag führte die Polizei sie jedoch wieder ein. Der israelische Polizeisprecher Micky Rosenfeld sagte, dass die Stätte für "regelmäßige Besuche" wieder offen sei und die Polizei das Gebiet gesichert habe, um "Zwischenfälle" zu verhindern, berichtete Associated Press. 

Laut dem Mitglied des Sekretariats der israelisch-arabischen Hadash-Partei Hatib Samir brauche der israelische Premier Benjamin Netanjahu dies als eines der Zugeständnisse an seine rechten Wähler, um sie daran zu erinnern, dass er keinen Deal mit der Hamas über die al-Aqsa-Moschee gemacht habe. Die Ultranationalisten kritisierten ihn für den Waffenstillstand zwischen der Hamas und der israelischen Armee, der seit 21. Mai in Kraft ist, sagte Samir im Gespräch mit der russischen Zeitung Iswestija.  

Die linke Hadash-Partei tritt konsequent für eine friedliche Koexistenz zwischen Arabern und Israelis ein. Am Freitag organisierte sie eine Demonstration für die Unterstützung des vereinbarten Waffenstillstandes in Tel Aviv mit. Mehrere Tausend Menschen nahmen daran teil.

Der Tempelberg (al-haram asch-scharif) mit Felsendom und al-Aqsa-Moschee ist die drittheiligste Stätte im Islam. Sie ist aber auch im Judentum heilig, weil dort früher zwei jüdische Tempel standen. In den letzten Tagen haben israelische Siedlergruppen in den sozialen Medien dazu aufgerufen, jüdische Gläubige auf das Gelände zu lassen. Das Ziel dieser Gruppen ist es, den dritten jüdischen Tempel auf dem Gelände der al-Aqsa-Moschee wiederaufzubauen, wie sie auf ihren Webseiten schreiben.

Der Vorfall vom Sonntag erinnerte an die Konfrontationen in Jerusalem Anfang Mai. Israelische Sicherheitskräfte stürmten die al-Aqsa-Moschee, verletzten Hunderte von Gläubigen und verhafteten Dutzende von Palästinensern. Außerdem trieben sie Palästinenser auseinander, die gegen ihre Zwangsvertreibung protestiert hatten, um Platz für jüdische Siedler im besetzten Ostjerusalemer Stadtteil Scheich Dscharrah zu schaffen. Daraufhin stellte die radikalislamische Hamas in Gaza-Stadt Israel ein Ultimatum und drohte mit Raketenangriffen.

Am Freitag war es auch nach der Waffenruhe auf dem Tempelberg zu neuen Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften gekommen. Palästinensischen Rettungskräften zufolge wurden 15 Menschen durch Gummigeschosse der Polizei verletzt. Es wurden auch Blendgranaten eingesetzt.

Nach Angaben der israelischen Polizei waren Polizisten zuvor aus einer Menge von Hunderten jungen Menschen mit Steinen und einem Brandsatz beworfen worden. Beide Seiten werfen einander vor, die Eskalation provoziert zu haben. Augenzeugen berichten, dass diese erst dann begann, als bewaffnete Sicherheitskräfte auf dem Moschee-Gelände eintrafen. Nach Angaben der israelischen Polizei wurden in der Nacht zum Sonntag 33 Palästinenser festgenommen, die bei den Ausschreitungen in Ostjerusalem beteiligt gewesen seien. 

Der Waffenstillstand wurde in der Nacht zum Freitag nach einer elftägigen militärischen Auseinandersetzung zwischen Hamas und israelischer Armee eingeführt. Israel betrachtet seine Militäroperation als Erfolg. Einem Armeesprecher zufolge gelang es, bis zu 100 Kilometer Tunnel und sonstige Hamas-Infrastruktur zu zerstören und über 200 Kämpfer zu töten, darunter 20 Kommandeure. 52.000 Menschen in Gaza sind infolge der Angriffe wohnungslos geworden. Dutzende Zivilisten starben. Infolge der Raketenangriffe der Hamas starben auf der israelischen Seite zwölf Menschen. Dutzende Gebäude wurden zerstört oder beschädigt. 

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