Nahost

Jemen: Heftige Überschwemmungen mit mehr als 170 Toten und zerstörter Infrastruktur

Neben jahrelangem Krieg, Hunger und Krankheiten trifft die Menschen im Jemen in diesem Jahr noch besonders starker Regen, dem weitere Menschenleben sowie UNESCO-Welterbestätten zum Opfer gefallen sind. Derweil bereitet sich Saudi-Arabien auf den G20-Gipfel vor.
Jemen: Heftige Überschwemmungen mit mehr als 170 Toten und zerstörter InfrastrukturQuelle: AFP © Mohammed Huwais

Den Regenfällen, die in diesem Jahr besonders stark sind, sind bereits mehr als 170 Menschen zum Opfer gefallen, zahlreiche verloren ihre Unterkünfte.

Außerdem sind Hunderte von Gebäuden, darunter alte UNESCO-Weltkulturerbestätten, im ganzen Land beschädigt oder komplett eingestürzt.

Viele Notbehelfsunterkünfte der zahlreichen Binnenflüchtlinge im Land wurden teils samt dem Wenigen, was die Menschen besitzen, weggeschwemmt, wie Betroffene dem Sender Al Jazeeraschildern.

Die Verwüstung trifft vor allem Kinder und Kranke. In der Provinz Ma'arib östlich der Hauptstadt Sanaa seien unter den 30 Menschen, die durch die Überschwemmungen getötet wurden, 19 Kinder, wie ein Regierungsbeamter sagte. Laut der jemenitischen Nachrichtenagentur Saba teilte das Notfallkomitee im Gouvernement Ma'rib bereits früher in diesem Monat mit, dass die Überschwemmungen des Ma'rib-Staudamms 16.885 Familien in sieben Distrikten betroffen haben, Tausende wurden obdachlos. Viele andere Distrikte im Süden sind ebenfalls stark überschwemmt und zerstört, auch dort kamen Menschen ums Leben.

Die Unwetter haben außerdem Schäden an der Infrastruktur sowie an Wasserquellen und sanitären Einrichtungen hinterlassen, zudem sind viele der knappen Lebensmittel verdorben.

Zerstörung vom Unesco-Welterbe auch durch Bomben

Die unwiderbringliche Zerstörung des alten Unesco-Welterbe-Gebäudes führen Experten auch auf die Vernachlässigung durch den Krieg zurück. Mehrere Jemeniten verweisen zudem auf Luftangriffe, wie in den nahe gelegenen Orten Nuqum und Faj Attan, die in den vergangenen Jahren auch den Weltkulturstätten zugesetzt haben, mit tragischem Schaden, für einen der "ältesten Juwelen der islamischen Stadtlandschaft der Welt", wie Unesco-Generaldirektorin Irina Bokowa sagte.

Die Verantwortung dafür hatte Saudi-Arabien bereits im Jahr 2015 von sich gewiesen. Die Luftangriffe der von Saudi-Arabien und den Emiraten geführten Kriegskoalition treffen immer wieder zivile Ziele wie Kliniken, Märkte, Beerdigungen, Agrarflächen. Erst im Juli wurden bei einem Luftangriff mindestens elf Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, durch Luftangriffe getötet, fünf weitere wurden verletzt – nur drei Tage nach einem Luftangriff, bei dem sechs Kinder und zwei Frauen getötet wurden.

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Doch Saudi-Arabien arbeitet eifrig an seinem Image und kann auch dabei auf die Unterstützung zahlreicher Staatschefs zählen. Derzeit bereitet sich das Land auf den G20-Gipfel vor, den die autoritäre Golfmonarchie am 21. und 22. November in Riad ausrichten will. Trotz internationaler Bedenken und der Ankündigung von Menschenrechtlern, das Treffen boykottieren zu wollen, dürfte Kronprinz Mohammed sich Schulter an Schulter mit den "Chefs" der führenden Wirtschaftsmächte, die knapp zwei Drittel der Weltbevölkerung und 85 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung repräsentieren, zeigen.

Mit seinem einjährigen Vorsitz in der G20-Gruppe will ausgerechnet Saudi-Arabien unter anderem auf die Themen Frauen und Klimaschutz setzen. Dabei sind die Rechte für Frauen weltweit fast nirgendwo so stark eingeschränkt wie in dem Wüstenstaat auf der Arabischen Halbinsel. Während Frauen erst vor Kurzem ein Auto lenken dürfen, benötigen sie für viele Entscheidungen immer noch die Zustimmung eines männlichen Vormunds, mehrere Frauenrechtlerinnen wurden inhaftiert.

Die wohl prominenteste Kritik an dem Treffen – und am Kronprinzen selbst – kommt von der UN-Menschenrechtsexpertin Agnès Callamard. Der in Riad geplante Gipfel müsse abgesagt oder verlegt werden, um Druck im Fall Khashoggi aufzubauen, forderte die Sonderberichterstatterin für außergerichtliche, standrechtliche oder willkürliche Hinrichtungen. Den saudischen Prozess zu Khashoggi, der am 2. Oktober 2018 von einem Sonderkommando aus Riad im saudischen Konsulat in Istanbul brutal getötet worden war, hatte sie als "Farce" bezeichnet. Ein Prozess in Istanbul gegen 20 saudische Verdächtige läuft derzeit in deren Abwesenheit.

Auch milliardenschwere Rüstungsdeals zeigen, dass die internationale Gemeinschaft langsam wieder einen normalen Umgang mit Riad pflegt. Deutschland verhängte zwar einen Exportstopp von Rüstungsgütern. Großbritannien etwa will aber wieder Waffen liefern – trotz Kritik, dass saudische Bombenangriffe den benachbarten Jemen in die schwerste humanitäre Krise weltweit gestürzt haben. Von 2015 bis 2019 war Riad dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri zufolge Top-Abnehmer im Rüstungsmarkt – mit einem Anteil von zwölf Prozent der weltweiten Gesamtimporte. Drei Viertel der Waffen werden aus den USA importiert.

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