Nahost

Vorläufiger Untersuchungsbericht zu Flugzeugabschuss im Iran: Menschliches Versagen auf allen Ebenen

Der militärische Schlagabtausch zwischen dem Iran und den USA wurde durch den tragischen Abschuss eines ukrainischen Passagierflugzeugs am 8. Januar überschattet. Nach einem halben Jahr veröffentlichten die iranischen Behörden nun die vorläufigen Untersuchungsergebnisse.
Vorläufiger Untersuchungsbericht zu Flugzeugabschuss im Iran: Menschliches Versagen auf allen EbenenQuelle: AFP © Atta Kenare

Der Mittlere Osten stand Anfang Januar vor dem Abgrund eines Krieges zwischen den USA und dem Iran, als die US-Armee den iranischen Generalmajor Qassem Soleimani am 3. Januar mit einer Drohne in der irakischen Hauptstadt Bagdad ermordete. Erst vergangene Woche wurde in einem UN-Untersuchungsbericht der Drohnenangriff als völkerrechtswidrig eingestuft, weil die Regierung in Washington nicht überzeugend darlegen konnte, dass von Soleimani eine unmittelbare Bedrohung ausging, wie es anfänglich behauptet wurde.

In den frühen Morgenstunden des 8. Januar folgte schließlich die militärische Antwort des Irans, als ballistische Raketen auf zwei US-Stützpunkte im Irak abgefeuert wurden, die mit überraschender Präzision ihre Ziele trafen. Nur wenige Stunden später, schoss die iranische Luftabwehr ein ukrainisches Passagierflugzeug ab, alle 176 Menschen an Bord kamen dabei ums Leben.

Wie kam es zu dieser Katastrophe, für die der Kommandeur der Luftstreitkräfte der Revolutionsgarde, Brigadegeneral Amir Ali Hadschizadeh, die volle Verantwortung übernehmen sollte? Der vorläufige Untersuchungsbericht der iranischen Luftfahrtbehörde liefert erste Antworten auf diese Frage, die zur Aufklärung dieser Katastrophe beitragen soll. Außerdem soll der Flugzeugschreiber von Flug UIA 752 demnächst nach Paris gebracht werden, dessen Daten eine internationale Expertenkommission untersuchen wird. 

Die Tragödie nahm ihren Lauf, als in Vorbereitung auf den iranischen Vergeltungsschlag eine zusätzliche Luftabwehreinheit nach Teheran verlegt wurde, die die Hauptstadt vor möglichen US-Luftangriffen schützen sollte. Allerdings wurde der Radar der Raketenstellung mit einer Abweichung von 107 Grad falsch eingestellt, heißt es in dem Untersuchungsbericht. Als dann in der Nacht vom 7. auf den 8. Januar die normale zivile Flugverkehrskontrolle suspendiert und die Armee die Kontrolle übernahm, kam auch die falsch eingestellte Radaranlage der Luftabwehrstellung in Betrieb.

Die verantwortliche Einheit erfasste nach dem Start von Flug 752 das Flugzeug, konnte es aber nicht als ziviles Passagierflugzeug identifizieren. Durch die fehlerhafte Einstellung interpretierte der diensthabende Offizier zudem die Flugroute falsch. Er ging davon aus, dass sich das Flugzeug aus südwestlicher Richtung Teheran nähert, was als Bedrohung eingestuft wurde, nachdem die Maschine weder identifiziert, noch auf einer Flugliste aus dieser Richtung kommend registriert war. Tatsächlich flog die Maschine aber in nordwestliche Richtung, von Teheran abgehend.  

An diesem Punkt folgte dann der nächste Fehler. Wie der Bericht der Luftfahrtbehörde anmerkt, hätte nach Feststellung dieser – vermeintlichen – Bedrohungslage umgehend Meldung an die Befehlskette erfolgen sollen, die wiederum diese Erkenntnis an das Koordinationszentrum weitergeleitet hätte, in der zu diesem Zeitpunkt selbst Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei saß. Aber die Meldung wurde nicht weitergegeben. 

Stattdessen brach in der besagten Einheit Panik aus. Der Offizier, der die Raketenstation des Luftabwehrsystems in jener Nacht bediente, konnte aus bisher noch unbekannten Gründen nicht das Kommandozentrum erreichen, sodass er sich ohne Erlaubnis des Befehlshabers entschloss, die vermeintliche Gefahr selbst auszuschalten. Zwei Raketen wurden abgefeuert. Die Explosion einer Rakete soll zum Ausfall der Kommunikationsanlage des Flugzeugs geführt haben, die zweite traf die Maschine direkt, heißt es in dem Bericht weiter.

Bisher wurden sechs Personen verhaftet, die im Zusammenhang mit dem Abschuss von Flug 752 in Verbindung stehen, gab der Sprecher des Justizministeriums vergangenen Monat bekannt. Drei von ihnen wurden auf Kaution freigelassen, die anderen sitzen weiterhin in Untersuchungshaft.

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