Asien

"Friedliche Wiedervereinigung" - China zeigt USA eine Alternative zum großen Krieg

Die Chefin der Kuomintang ist zu einem Besuch in China eingetroffen. Mit diesem "Handschlag über die Meerenge" setzt Peking ein Zeichen gegen westliche Kriegsprognosen für Taiwan. Das Risiko eines großen Konflikts bleibt trotz dieser Geste realistisch.
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Von Dmitri Bawyrin

Kein großer Krieg im Jahr 2027, sondern ein großes Fest der nationalen Wiedervereinigung im Jahr 2028. Ungefähr diese Botschaft versucht die Volksrepublik China der Welt zu vermitteln, indem sie den ehemaligen Feind – die Vorsitzende der Kuomintang-Partei – mit offenen Armen empfängt. Cheng Li-wun ist auf Einladung der Führung der Kommunistischen Partei Chinas (und persönlich von Genosse Xi Jinping) auf das chinesische Festland gereist, wo sie eine Woche bleiben und Peking und Shanghai besuchen wird, als hätte sie eine Pauschalreise mit dem Titel "Zwei Hauptstädte" gebucht.

Zu anderen Zeiten wäre sie zweifellos verhaftet und vielleicht sogar wegen schwerster Verbrechen gegen das Volk und den Staat erschossen worden.      

Für die chinesischen Kommunisten ist die Kuomintang ein ebenso historischer Feind wie der Kapitalismus, man könnte sogar sagen, ein Urfeind. Als die Kommunistische Partei Chinas vor 105 Jahren unter der Schirmherrschaft der Komintern entstand, kämpfte sie gerade gegen die Herrschaft der Kuomintang. Die Rivalität beider Parteien führte zu blutigen Auseinandersetzungen, bis die Geschichte sie zwang, ein Bündnis für das Vaterland gegen die japanischen Besatzer einzugehen.

Indem er auf die Partisanentaktik der "kleinen Stiche" setzte und die besser bewaffnete Kuomintang in schwere Kämpfe mit den Japanern schickte, löste Mao Zedong das Problem des deutlichen Rückstands seiner Roten Armee in Bezug auf die Kampfkraft. Als der Zweite Weltkrieg endete und in einen Bürgerkrieg überging, verlor die Kuomintang diesen und evakuierte die Regierung unter der Führung von Chiang Kai-shek auf die Insel Taiwan, wo es auf der einen Seite Sandbänke und auf der anderen Seite Klippen gab, was eine Landung erschwerte.

So leben bis heute zwei Versionen der Republik China in einer Entfernung von 78 Seemeilen voneinander. Taiwan entging den Schrecken des "Großen Sprungs" und der "Kulturrevolution", doch auch die Diktatur der Kuomintang kann man kaum als sanft bezeichnen.

Gestützt auf US-amerikanische Gewehre wurde sie zu einem der weltweiten Zentren des Kampfes gegen den Kommunismus. Als die Sowjetunion zerfiel und das chinesische Festland sich der Welt öffnete, verlor dies an Bedeutung, und auf der Insel kam der Trend zur Demokratie auf. Dennoch hielt sich die Macht der Kuomintang länger als die Diktatur: Die Partei gewann die ersten freien Wahlen und verlor die Kontrolle über Taiwan erst zur Jahrtausendwende, nachdem sie sich vor dem Wahlkampf im Jahr 2000 gespalten hatte. Aufgrund der Teilnahme zweier prominenter Kuomintang-Vertreter an diesem Wahlkampf wurde der Kandidat der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) zum Präsidenten gewählt.

Heutzutage lautet das Programm der Demokratischen Fortschrittspartei: Unabhängigkeit Taiwans, Konfrontation mit der Volksrepublik China und ein unerschütterliches Bündnis mit den USA, fast wie zu Zeiten von Chiang Kai-shek. Doch die Kuomintang streckte am Wendepunkt der Epochen – beim Übergang vom Autoritarismus zur Demokratie im Jahr 1992 – ihren ehemaligen kommunistischen Feinden die Hand entgegen. Einen gemeinsamen Nenner fanden die kommunistische und die nationalistische Partei in der imperialen Idee eines vereinten und unteilbaren Großchinas. Die Frage ist nur, wie und in welchem Format die Wiedervereinigung stattfinden wird.

Wenn Chiang Kai-shek bis zu seinem Lebensende darauf hoffte, dass die Kuomintang mit Hilfe der USA die Macht auf dem Festland mit Feuer und Schwert zurückerobern würde, so war diese Idee gegen Ende des 20. Jahrhunderts offensichtlich unrealistisch geworden: China war unter der Führung der Kommunistischen Partei Chinas und ohne Taiwan groß genug geworden. Eine gewaltsame Lösung bedeutet nun also das Gegenteil – eine Landung der Volksbefreiungsarmee auf Taiwan.

Die heutige Kuomintang gilt als Verfechterin der Idee einer friedlichen Wiedervereinigung nach dem Modell "Ein Land – zwei Systeme", wie im Fall von Hongkong. Doch es handelt sich heute um eine Oppositionspartei auf Taiwan, die die Macht auf der Insel frühestens im Jahr 2028 zurückerobern kann. In den USA geht man hingegen davon aus, dass ein Versuch der gewaltsamen Eroberung Taiwans schon früher unternommen werden könnte – nämlich im kommenden Jahr 2027.

Dieses Kriegsdatum wird im US-Kongress und bei der CIA genannt, es wird regelmäßig in den Medien herumgereicht, wobei sogar angeblich der Monat bekannt sei – entweder März oder Oktober. Eine dritte Option gebe es nicht, da aufgrund von Monsunregen und den wechselnden Gezeiten andere Jahreszeiten für eine Landung auf der Insel weniger geeignet seien.

Um in der Bevölkerung der EU-Länder die noch verbliebene Begeisterung für die Unterstützung der Ukraine mit Geld und Waffen aufrechtzuerhalten, füttern die europäischen Eliten sie mit Propagandageschichten über die Unvermeidbarkeit eines russischen Angriffs auf die NATO. Genauso schüren die US-amerikanischen Eliten den Mythos eines baldigen Konflikts um Taiwan, um die Ausgaben für dessen Aufrüstung zu rechtfertigen.

Seit nunmehr fünf Jahren gibt es für das Datum "März/Oktober 2027" nur eine einzige Begründung – das hundertjährige Jubiläum der Gründung der Volksbefreiungsarmee. Tatsächlich ist die territoriale Wiedervereinigung das oberste Ziel der Kommunistischen Partei Chinas, auf das sie seit der Gründung der Volksrepublik China erfolgreich zusteuert. Damals zerfiel das Land, und die nationalen Provinzen lebten ihr eigenes Leben. Bis heute wurde vieles zurückgewonnen – manchmal mit Gewalt, wie im Falle Tibets, manchmal durch Diplomatie, wie im Falle Hongkongs. Und die Volksbefreiungsarmee würde ihr Jubiläum zweifellos mit größerer Freude feiern, wenn sie wüsste, dass das Hauptziel erreicht und Taiwan in den heimischen Hafen zurückgekehrt ist.

Dies ist jedoch nicht der letzte Punkt in der Chronik der Volksbefreiung – es gibt noch mindestens den Territorialkonflikt mit Indien und den Streit um die Inseln im Südchinesischen Meer. Der Kommunistischen Partei Chinas die Absicht zuzuschreiben, Taiwan zu diesem freudigen Festtag zu erobern, ist keine seriöse Analyse, sondern antichinesische Propaganda. Echte Chinesen verstehen es besser als alle anderen zu warten und denken nicht in solch primitiven Propagandakonzepten.

Der Besuch von Cheng Li-wun in Peking und Shanghai auf Einladung der Kommunistischen Partei Chinas ist bereits Gegenpropaganda. Eine Demonstration gegenüber der ganzen Welt, dass Peking nach wie vor nicht auf Krieg setzt, wie die US-Amerikaner behaupten, sondern auf Entwicklung, friedliche Wiedervereinigung und die Wahlen 2028, bei denen die Kuomintang mit einer Rückkehr an die Macht rechnet. Bereits jetzt ist sie die größte Partei im Legislativ-Yuan, dem Parlament der Insel. In zwei Jahren endet die letzte Amtszeit des Präsidenten der Demokratischen Fortschrittspartei, William Lai – eines anti-chinesischen "Falken", der versucht hat, Russland und China gegeneinander auszuspielen.

Cheng Li-wun hofft, den Platz von Lai einnehmen zu können. Hätte die Ideologieabteilung der Kommunistischen Partei Chinas jedoch die Wahl, würde dieser Platz von jemand anderem eingenommen werden: Auch wenn die Vorsitzende der Kuomintang mit demonstrativer Herzlichkeit empfangen wird, ist ihre Biografie in Peking bekannt und ruft dort kaum Begeisterung hervor.

In gewisser Weise wiederholt Cheng Li-wun den Weg der Kuomintang als ursprünglicher Feind.

Als Tochter eines Soldaten, der unter britischem Kommando für China kämpfte, kämpfte sie in ihrer Jugend gegen die Diktatur und die kommunistische Bedrohung, wechselte aber im Laufe der Jahre, als sie die Partei wechselte, auf die Seite der Freundschaft und Zusammenarbeit. Die derzeitige Vorsitzende der Kuomintang gehörte früher derselben Demokratischen Fortschrittspartei an wie Lai, und der Wechsel erfolgte unter skandalösen Umständen, die nichts mit Politik und Ideologie zu tun haben. Cheng Li-wun wurde wegen falscher Anschuldigungen gegen einen Parteigenossen wegen sexueller Belästigung ausgeschlossen. Angeblich hatte er sie am Ohr geleckt.

Kurz gesagt, ist sie für Peking nicht gerade die ideale Mitstreiterin. Aber die Kommunistischen Partei Chinas hat keine andere Wahl, wenn man von der Entscheidung zwischen Krieg und schrittweiser Vereinigung im Falle einer Rückkehr der Kuomintang an die Macht in Taiwan einmal absieht. Vorerst setzt Peking auf die friedliche Variante. Doch dass diese tatsächlich zum Tragen kommt, ist eine optimistische Sicht auf die Zukunft.

Der Kommunistischen Partei Chinas ist es gelungen, eine gemeinsame Sprache mit dem ehemaligen Feind zu finden, ohne ihn jedoch vollständig unter ihre Kontrolle zu bringen, wie die Partei von Präsident Lai behauptet. Die Kuomintang ist sich nicht einmal einig in der Frage, ob eine Vereinigung mit der Volksrepublik China unbedingt notwendig ist. Es gibt nicht wenige, die Peking nicht glauben und in der wohlwollenden Diplomatie ihrer Parteichefin eine Taktik zur Bewahrung ihres bisherigen Lebens sehen – isoliert und wohlhabend.

Cheng Li-wun versteht es gut, ihre Haltung je nach Lage anzupassen: Als Studentin bezeichnete sie ihre Vorgänger an der Spitze der Kuomintang als "die verabscheuungswürdigste Clique" und setzte sich leidenschaftlich für die Unabhängigkeit Taiwans ein. Daher gibt es keinerlei Garantien. Auch muss man zugeben, dass die Kommunistische Partei Chinas ihre Ziele nicht ändert.

Man muss Peking glauben, wenn es von der Entscheidung für den friedlichen Weg spricht. Es kann nicht sein, dass es die glorreiche taiwanesische Industrie (insbesondere die Halbleiterindustrie) in einem ruinierten Zustand übernehmen will, und genau das droht ihr im Falle eines ernsthaften Konflikts um die Insel. Doch einen Konflikt allein aufgrund der chinesischen Geduld und der Existenz einer Kuomintang-Alternative auszuschließen, ist ebenso wenig richtig.

Präsident Xi bezeichnet die Wiedervereinigung mit Taiwan als "historische Notwendigkeit". Während Peking der Insel alle möglichen Vorteile wie Energiesicherheit verspricht, deutet es gleichzeitig ganz offen an, dass es auch einen harten Weg gibt. Indem sie die pro-westliche Kapitalistin Cheng wie eine der ihren empfängt, verspricht die Kommunistischen Partei Chinas, "entschlossen gegen die Separatisten vorzugehen". 

Einfach ausgedrückt: Dass der Krieg um Taiwan im Jahr 2027 ein Schreckgespenst westlicher Propaganda und eine Werbekampagne der US-Rüstungsindustrie ist, bedeutet nicht, dass Peking alles dulden wird. Dies zu behaupten und damit den Westen dazu anzustacheln, die Separatisten ungestraft zu bewaffnen oder sich in die Wahlen in Taiwan einzumischen, bedeutet, einen Krieg zu provozieren, im Vergleich zu dem die Probleme der Weltwirtschaft aufgrund der Turbulenzen im Nahen Osten und der Sperrung der Straße von Hormus wie goldene Tage der Vorhersehbarkeit und des Überflusses erscheinen würden.  

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 10. April 2026 auf der Webseite der Zeitung "Wsgljad" erschienen.

Dmitri Bawyrin ist Journalist, Publizist und Politologe mit den Interessenschwerpunkten USA, Balkan und nicht anerkannte Staaten. Er arbeitete fast 20 Jahre als politischer Berater in russischen Wahlkampagnen auf verschiedenen Ebenen. Bawyrin verfasst Kommentare für die russischen Medien "Wsgljad", "RIA Nowosti" sowie "Regnum" und arbeitet mit zahlreichen Medien zusammen.

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