Asien

"Definitiv keine Kolonie" – Indien fährt souveränen Kurs und trotzt antirussischen Sanktionen

Trotz immensen Drucks des Westens lässt Indien sich nicht zu dessen Spielball machen. Im Gegenteil: Statt sich den prowestlichen Sanktionen anzuschließen, setzt Neu-Delhi auf einen Ausbau der indisch-russischen Kooperation. Indien beweist damit, dass Souveränität bedeutet, eigene Entscheidungen zu treffen – und das durchaus zum eigenen Nutzen.
"Definitiv keine Kolonie" – Indien fährt souveränen Kurs und trotzt antirussischen SanktionenQuelle: Gettyimages.ru © filo / DigitalVision Vectors

Von Alexander Männer

Angesichts der gegenwärtigen Turbulenzen auf der internationalen Bühne sehen sich mehr und mehr Länder dazu veranlasst, fremde Interessen den eigenen vorzuziehen, um nicht unter die Räder der einflussreichen westlichen Mächte zu geraten. Der russische Präsident Wladimir Putin hat in diesem Zusammenhang bei einem kürzlichen Treffen mit Moskauer Studenten erklärt, dass Staaten, die nicht in der Lage seien, souveräne Entscheidungen zu treffen, im Grunde als "Kolonien" gelten, ganz gleich, wie man sie auch bezeichnen möge.

Definitiv keine Kolonie ist Indien, das ungeachtet der politischen Folgen des Ukraine-Krieges und des Konflikts zwischen dem Westen und Russland weiterhin neutral ist und eine eigenständige Politik betreibt. Delhi spricht sich grundsätzlich für den Dialog zwischen den Konfliktparteien aus und bleibt auch bei den unzähligen Wirtschaftsbeschränkungen außen vor, die die USA, Großbritannien, die Mitglieder der EU und andere Staaten bislang gegen Moskau eingeführt hatten.

Die Haltung der indischen Führung gegenüber der westlichen Sanktionspolitik zeigt sich insbesondere in den Bereichen Wirtschaft und Handel, in denen die indisch-russische Kooperation in den vergangenen Monaten Auftrieb bekommen und in jüngster Zeit noch einmal deutlich zugelegt hat.

Dieser Trend ist in erster Linie am Handel mit russischem Erdöl zu beobachten, das von der Europäischen Union Ende Mai mit einem Embargo belegt wurde und in naher Zukunft vermutlich kaum noch aus Russland in die EU importiert werden darf.

Indien ignoriert antirussische Sanktionen 

Indien, das als drittgrößter Erdölimporteur und -verbraucher der Welt gilt, sieht in dem Embargo für sich offenbar eine weitere Chance und versucht daher, seine Rohölimporte aus Russland kräftig zu steigern. Zuvor hatte es bereits laut der britischen Rundfunkanstalt BBC die russischen Öleinfuhren verdoppelt und konnte im vergangenen März etwa genau soviel importieren wie im gesamten vergangenen Jahr.

Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg in dieser Woche berichtete, planen die staatlichen Erdölunternehmen Indiens, ihre Einkäufe bei dem russischen Unternehmen Rosneft künftig zu verdoppeln. Dies werde vermutlich die teureren Käufe, die Indien in anderen Ländern tätigt, auf den Spotmarkt verdrängen, heißt es.

Angesichts des EU-Embargos winken indischen Unternehmen dadurch noch kräftigere Gewinne als bisher. Denn abgesehen von den üppigen Preisnachlässen, die Moskau Delhi beim Ölkauf vermutlich wieder gewähren wird, könnten die Inder das russische Rohöl zu Kraftstoff verarbeiten und das Endprodukt danach für einen weitaus höheren Preis als den Rosneft-Einkaufspreis auf dem europäischen Markt veräußern. Der Profit wird noch höher ausfallen, wenn die Ölpreise in den kommenden Wochen und Monaten wie erwartet weiter ansteigen sollten.

Die Führung in Washington hat mit solchen Plänen Indiens offenbar ein Problem, weshalb der US-Präsident Joe Biden dem indischen Premierminister Narendra Modi in diesem Zusammenhang zuvor nahegelegt hatte, dass der Kauf von russischem Öl nicht im Interesse Indiens sei und dass die USA bereit seien, Delhi zu helfen, seine Energieimporte zu diversifizieren.

Auch wenn US-Politiker und andere Beobachter diese Ölkäufe politisieren und reichlich Geopolitik in sie hineininterpretieren, so lässt sich doch konstatieren, dass Indien damit eine souveräne und gewinnorientierte Erdölimportstrategie fährt, was eindeutig mit den Wirtschaftsinteressen des Landes einhergeht.

Dass dahinter keine politischen Motive stecken, machte Bloomberg zufolge der indische Außenminister Subrahmanyam Jaishankar deutlich. Demnach sei es nicht die Absicht der indischen Führung, mit den Ölimporten aus Russland eine politische Aussage zu verbinden. Der Anstieg der Einfuhren sei auf die Situation auf dem Markt und einen erhöhten Öl-Bedarf Indiens zurückzuführen, so Jaishankar.

Delhi verfolgt eine pragmatische Energiepolitik

Die Annahme, dass Indien an den Konflikt zwischen dem Westen und Russland pragmatisch herangeht und diesen vor allem als Möglichkeit im Rahmen seiner eigenen Wirtschaftsinteressen betrachtet, lässt sich nicht nur am indischen Vorgehen im Bereich der Erdölimporte feststellen.

Auch das europäische Kohle-Embargo, das die EU wenige Wochen nach Beginn der russischen Militärintervention gegen Moskau verhängt hatte, konnte Indien zu seinen Gunsten nutzen. So haben nach Angaben des US-Senders CNBC indische Unternehmen große Mengen russischer Kohle aufgekauft, die von EU-Ländern wegen des Embargos nicht importiert wurden. Indiens Kohleeinfuhren aus Russland betrugen im März demnach rund eine Million Tonnen – das sind Höchststände, die zuletzt vor mehr als zwei Jahren verzeichnet worden waren.

Dazu schreibt die russische Zeitung Vzgljad unter Verweis auf Bloomberg, dass der indisch-russische Rohstoffhandel nicht im Rahmen staatlicher Ausschreibungen laufen soll, sondern mittels privater Initiativen. Dabei wird vor allem der finanzielle Nutzen solcher Verträge hervorgehoben. Zugleich könnte dies allerdings auch ein Weg sein, die Wirtschaftssanktionen zu umgehen.

Darüber hinaus hat Indien öffentlich angedeutet, seine Investitionen in den russischen Energiesektor zu erhöhen. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge planen staatliche Unternehmen in Indien, die Russland-Investitionen des britischen Erdölkonzerns BP zu übernehmen, der an diversen Projekten des russischen Ölkonzerns Rosneft in Ostsibirien beteiligt ist und aufgrund der Sanktionspolitik seine Tätigkeit einstellen muss. BP hatte in diesem Zusammenhang bereits angekündigt, seinen Anteil von knapp 20 Prozent an Rosneft aufzugeben.

Außerdem will das indische Erdgas- und Mineralölunternehmen ONGC Videsh offenbar US-amerikanische Anteile am Sachalin-1-Projekt zur Förderung von Öl und Gas im russischen Fernen Osten aufkaufen, wobei der Konzern bereits mit 20 Prozent an dem Projekt beteiligt ist. Nach Angaben von Interfax könnte es für ONGC Videsh nun darum gehen, den 30-Prozent-Anteil des US-Ölriesen ExxonMobile zu erwerben, da die Amerikaner ihre Aktivitäten in dieser Region beenden.

Fazit

Offensichtlich zeigt Indien im Zuge der aktuellen antirussischen Sanktionen des Westens ein noch größeres Interesse am russischen Energiesektor als zuvor. Dieser Trend hält trotz der bereits im April abgehaltenen virtuellen Konferenz zwischen Washington und Delhi an, bei der die US-Führung ihre indischen Kollegen dazu aufgefordert haben soll, die Kooperation mit den Russen unter anderem im Energiebereich zu stoppen.

Derzeit ist nicht davon auszugehen, dass Indien bereit ist, seine Wirtschaftsinteressen zugunsten der Ambitionen der USA oder anderer Staaten zu gefährden. Vielmehr setzen die Inder im Rahmen ihrer Politik weiterhin darauf, auf der internationalen Bühne nach Möglichkeit neutral zu bleiben und sich niemandem bedingungslos anzuschließen. Insofern wird das Land wohl, soweit es möglich ist, auch weiterhin versuchen, den Dialog nach allen Seiten aufrechtzuerhalten.

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