Asien

Die Taliban erklären sich zum Sieger über das Britische Imperium, die UdSSR und die USA

Die radikalislamistische Organisation Taliban ist von der UNO und vielen Staaten als Terrororganisation eingestuft. Doch sie begreift sich auch als antikolonialistisch und reiht sich in die jahrhundertlange Tradition des Unabhängigkeitskampfes ein.
Die Taliban erklären sich zum Sieger über das Britische Imperium, die UdSSR und die USA© National Army Museum, London

Die Taliban veröffentlichten anlässlich des afghanischen Unabhängigkeitstages eine "Erklärung des Islamischen Emirats Afghanistan". Darin erklärten sie, dass sie "eine nach der anderen die drei größten imperialistischen Mächte in drei Jahrhunderten besiegt" hätten – das Britisches Imperium, die UdSSR und die USA.

Der Unabhängigkeitstag Afghanistans wird am 19. August gefeiert, um an die Unterzeichnung des anglo-afghanischen Vertrags im Jahr 1919 zu erinnern. Großbritannien erkannte damals die Unabhängigkeit Afghanistans an.

Ein Link zu der Erklärung wurde vom Taliban-Sprecher Qari Yousef Ahmadi auf Twitter veröffentlicht. "Die Afghanen sind sehr stolz darauf, dass ihr Land nun an der Schwelle zur Unabhängigkeit von der [US-]amerikanischen Besatzung steht. Dies ist ein göttlicher Segen, für den alle Afghanen dankbar sein sollten", heißt es in dem Dokument.

Die Taliban glauben, dass die Mudschahedin (Freiheitskämpfer) Afghanistans vor 102 Jahren ihre Unabhängigkeit "von der britischen Kolonialherrschaft durch acht Jahrzehnte des Widerstands" erlangt haben. Sie verknüpften den "Zusammenbruch des British Empire durch die afghanischen Mudschahedin" mit der "Befreiung anderer Nationen von den Fesseln des Kolonialismus".

Die Taliban glauben auch, dass die Afghanen die UdSSR besiegt haben, indem sie ihren Namen von der Weltkarte "getilgt" haben. "Nach dem Sturz des britischen Imperiums durch die Afghanen fiel der sowjetische Kolonialismus in Afghanistan ein, aber die Afghanen erteilten auch ihnen eine solche Lektion aus der Hochburg des Dschihad und des Kampfes, dass der Name der großen Sowjetunion von der Weltkarte verschwand und alle ihr untergeordneten Länder befreit wurden", heißt es in der Erklärung.

Nun haben die USA "beim Widerstand gegen die Mudschahedin kläglich versagt und waren gezwungen, Afghanistan zu verlassen".

Die USA und ihre NATO-Verbündeten haben im Frühjahr 2021 begonnen, ihre Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Die Taliban haben am 15. August Kabul eingenommen und beanspruchen die Kontrolle über das gesamte Gebiet Afghanistans. Präsident Aschraf Ghani ist zurückgetreten und aus dem Land geflohen. Die Taliban glauben, dass sie jetzt "sehr gute" Beziehungen zu Russland, China und Pakistan haben.

Sowjetischer Einmarsch – Hintergrund

Mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan im Jahr 1979 wollte die sowjetische Führung ihre südlichen Grenzen sichern und die Ergebnisse des prokommunistischen Putsches (der sogenannten Aprilrevolution von 1978) konsolidieren. Die USA und das benachbarte Pakistan lehnten diesen Regimewechsel ab. Der Krieg dauerte zehn Jahre, in denen insgesamt 546.000 sowjetischer Soldaten zeitweise dort stationiert waren und von denen 13.800 in diesem Krieg starben.

Das begrenzte Kontingent sowjetischer Truppen (OKWS) erfüllte formal  eine "internationale Verpflichtung gegenüber dem afghanischen Volk, das den Sozialismus aufbaut". Die vom Westen initiierte und weitgehend erfolgreiche internationale Propaganda schuf jedoch den Eindruck, dass die sowjetische Armee eine Besatzungsmacht war, die keine Rücksicht auf die Bewohner der Republik Afghanistan genommen hätte.

Dmitri Werchoturow, Experte des Zentrums für das Studium des heutigen Afghanistan, ist der Ansicht, dass die sowjetischen Soldaten ihre Aufgaben in der Demokratischen Republik Afghanistan (DRA) erfolgreich erfüllt hatten. Seiner Meinung nach widerlegen viele Fakten die im Westen weit verbreitete Meinung, dass das OKWS Afghanistan angeblich als Verlierer verlassen hatte.

"Den Mudschahedin gelang es nicht, etwas gegen die sowjetischen Truppen zu unternehmen, die Kämpfer hatten nur in Kämpfen mit den Regierungstruppen Erfolg. Daher gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass Moskau diesen Krieg verloren hat. Gleichzeitig ist es sinnvoll, darüber zu diskutieren, ob die Sowjets so tief in den Konflikt hätten verwickelt werden sollen und welche politischen Fehler gemacht wurden", argumentiert Werchoturow gegenüber RT.

Wie der Experte erläuterte, bestand der ursprüngliche Auftrag des OKWS darin, strategisch wichtige Einrichtungen zu besetzen, um das Regime von Mohammed Nadschibullāh zu unterstützen. Die Durchführung von groß angelegten Kampfeinsätzen war das Vorrecht der afghanischen Regierungstruppen. Die Strategie änderte sich 1982, als Moskau erkannte, dass es zur Aufrechterhaltung der sozialistischen Ausrichtung Afghanistans notwendig war, sich voll in diesen Krieg einzubringen.

"Es lohnt sich, mit einem weiteren Mythos aufzuräumen: Es gab keine Besatzung in Afghanistan. Die Regierungstruppen und -beamten handelten völlig unabhängig von den sowjetischen Schirmherren. Um die Wahrheit zu sagen: Ich glaube, das war der größte Fehler der UdSSR. Die DRA-Führung hatte keine Mittel, um das Land zu führen. Für den Erhalt des Regimes war eine echte Besatzung genau das Richtige, ähnlich wie in Ostdeutschland in den Jahren 1945-1949", sagte der Experte.

Die Regierung von Mohammed Nadschibullāh konnte noch drei Jahre nach dem sowjetischen Abzug durchhalten. Das war im Wesentlichen dank Waffen- und Öllieferung vonseiten der Sowjetunion möglich. Nach Einstellung von Lieferungen durch die Jelzin-Regierung konnten die gegen die Regierung wirkenden Kräfte Kabul innerhalb von wenigen Monaten einnehmen. Im Jahr 1996 wurde Nadschibullāh zusammen mit seinem Bruder durch die Taliban grausam ermordet.

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