Asien

"Atomjunge": Früherer Olympia-Fackelträger in Tokio am Tag des Hiroshima-Atombombenabwurfs geboren

Das letzte Mal wurde das olympische Feuer in Tokio im Jahr 1964 vom "Atomjungen" Yoshinori Sakai entzündet. Er wurde anderthalb Stunden nach der Bombardierung von Hiroshima geboren, unweit vom Epizentrum der Explosion. Yoshinori ist zu einem Symbol des Nachkriegsjapans geworden.
"Atomjunge": Früherer Olympia-Fackelträger in Tokio am Tag des Hiroshima-Atombombenabwurfs geborenQuelle: AFP

Am 23. Juli wird in Tokio zum zweiten Mal die Flamme der Olympischen Spiele 2020 aufleuchten. Im Jahr 1964 war Tokio zum ersten Mal Gastgeber der Spiele. Der Fackelträger Yoshinori Sakai, der den Spitznamen "Atomjunge" erhielt, wurde dabei zum eigentlichen Symbol.

Am 6. August 1945 um 8.15 Uhr hatten US-amerikanische Truppen die Atombombe "Little Boy" (mit einem Sprengstoffäquivalent von 20 Kilotonnen TNT) auf Hiroshima abgeworfen. Der größte Teil der Stadt wurde komplett zerstört. Die Explosion tötete 70.000 Menschen sofort, weitere 60.000 starben in den Folgejahren unter anderem an radioaktiver Verstrahlung.

Am selben Tag gegen 9.30 Uhr (anderthalb Stunden nach der Explosion) wurde Yoshinori Sakai geboren. Sein Dorf befand sich so nah am Epizentrum, dass sein Vater Augenzeuge der Explosion wurde. Westliche Medien nannten Yoshinori "den Atomjungen", obwohl dieser den Spitznamen stets ablehnte.

In der Grundschule entwickelte der junge Mann Interesse am Laufen und war später auch in der Universität aktiv. Sein Trainer wollte Yoshinori zum Marathonläufer machen, woraus allerdings nichts wurde. Dafür war Yoshinori ein brillanter Sprintläufer. So gewann er etwa den 400-Meter-Lauf beim Nationalen Sportfest sowie kleinere Turniere. Später versuchte Yoshinori, an der Heimolympiade 1964 in Tokio teilzunehmen. Er scheiterte jedoch knapp an der Qualifikation, wo er den vierten Platz belegte. Yoshinori sagte aufgebracht:

"Als ich trainierte, dachte ich nur an die Olympischen Spiele in Tokio. Ich habe seit der Highschool von den Spielen geträumt. Und wenn es nicht geklappt hat, zog ich mich zurück. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich mich jemals verbessern könnte."

Die Verärgerung hielt jedoch nicht lange an. Es stellte sich bald heraus, dass Yoshinori doch noch an den Olympischen Spielen teilnehmen wird. Er wurde nämlich zum Hauptfackelträger auserkoren. Als er davon erfuhr, konnte er es kaum glauben. Sein Haus in Miyoshi wurde von Journalisten belagert, er erhielt Anrufe von verschiedenen Nachrichtenagenturen. Yoshinori aber zeigte sich ablehnend.

Am 10. Oktober eilte der 19-Jährige zum Nationalstadion in Tokio und empfing die Fackel mit dem olympischen Feuer. Schritt für Schritt stieg er 182 Stufen zur Hauptfackel der Spiele von 1964 hinauf und zündete mit ausgestreckter rechter Hand die Flamme an. Unter Yoshinori breitete sich ein Meer von Menschen in bunten Uniformen aus, hinter den Sportlern waren die Wolkenkratzer Tokios zu sehen. Yoshinori erinnerte sich:

"Zuerst fühlte ich die Bedeutung des Moments, als mir die Fackel im Stadion übergeben wurde. Und dann habe ich die 72.000 Zuschauer gesehen, und ich verspürte ein Gefühl des Drucks. Ja, ich war nervös, aber nicht zu sehr. Ich habe mich voll und ganz auf die Aufgabe konzentriert."

"Hinter dem Kessel wurden vier Gasflaschen installiert. Gleichzeitig mussten speziell geschulte Personen die Ventile öffnen. Als ich mich dem Kessel näherte, hörte ich das Gas zischen. Dann habe ich die Hauptfackel angezündet."

"Ich sah mich um. Es war der beste Platz im Stadion. So ein Bild habe ich nie wieder gesehen. Das waren die besten drei Minuten meines Lebens."

Obwohl er sich als Sportler nicht für die Olympischen Spiele in Tokio 1964 qualifizieren konnte, galt Yoshinori bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-Stadt als eine der Schlüsselfiguren der Leichtathletikmannschaft. Im Jahr 1966 holte er beim 400-Meter-Lauf bei den Asienspielen in Bangkok Silber sowie Gold im 4-mal-400-Meter-Staffellauf. Als Sportler wurde er aber kaum mehr wahrgenommen. Wo immer Yoshinori auch auftauchte, wurde er als Fackelträger begrüßt.

Yoshinori verlor das Interesse am Laufen, allerdings nicht am Sport im Allgemeinen. Bei den nächsten Olympischen Spielen 1968 bekam er eine Stelle als Sportjournalist beim Fernsehsender Fuji Television. Als Reporter reiste er zu den Olympischen Spielen 1972 nach München, wo er die Tragödie miterlebte, als palästinensische Terroristen israelische Athleten im Olympischen Dorf als Geiseln nahmen. Insgesamt 17 Menschen kamen bei dem Attentat zu Tode.

Yoshinori kehrte nie wieder zum Sport zurück. Er erhielt einen Job als TV-Produzent und erinnerte sich oft an seine Teilnahme an der Eröffnungsfeier bei den Olympischen Spielen von 1964. Er besitzt sogar noch die Fackel der Spiele. Yoshinori wollte unbedingt mit seinen beiden Enkelkindern an der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 2020 teilnehmen. Doch dieser Traum konnte sich nicht bewahrheiten. Er starb am 10. September 2014 an einer Hirnblutung.

Sein Sohn Atsuhiro arbeitet ebenfalls als Fernsehproduzent. Vor sieben Jahren drehte er einen Dokumentarfilm über die Teilnahme seines Vaters an der Eröffnungsfeier von Tokio 1964. Bei der Eröffnung der Spiele 2020 wird Atsuhiro anwesend sein – in Erinnerung an seinen Vater Yoshinori Sakai.

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