
Warum Lateinamerika sich weigerte, Maduro zu helfen

Von Geworg Mirsajan
Viele Jahre lang galt Lateinamerika als eine Art einheitliche Bastion des Antiamerikanismus. Experten behaupteten, dass die lateinamerikanischen Länder Souveränität, Sicherheit und linke Ideen schätzen und dass sie jegliche Manifestationen des US-amerikanischen Interventionismus äußerst negativ sehen – umso mehr, wenn es sich um eine Entführung wie die des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro handelt. Der venezolanische Außenminister Iván Gil sagte:
"Dieser Angriff richtet sich nicht nur gegen Venezuela, sondern gegen ganz Lateinamerika und die Karibik. Heute ist es vielleicht Venezuela, morgen könnte es jedes andere Land sein, das beschließt, seine Souveränität wahrzunehmen."
Die Entführung hat jedoch gezeigt, dass es keinen einheitlichen lateinamerikanischen Chor gibt. Der ehemalige mexikanische Botschafter in den USA Arturo Saruhan erklärte:
"Wir befinden uns auf dem niedrigsten Niveau der inneramerikanischen Diplomatie, weil sich alle Länder in sich selbst zurückgezogen und pragmatische Ansätze für ihre Beziehungen zu dieser US-Regierung entwickelt haben."

Am lautesten protestierte der kolumbianische Präsident Gustavo Petro gegen Trumps Vorgehen. Er bezeichnete die Maßnahmen der USA als inakzeptabel und forderte die Einberufung des UN-Sicherheitsrats.
Klar ist, dass Petro ein ehemaliger linker Partisan ist, dessen Weltanschauung von Antiamerikanismus und Ablehnung jeglicher Einmischung der USA in die Angelegenheiten lateinamerikanischer Staaten geprägt ist. Darüber hinaus ist sich der kolumbianische Präsident bewusst, dass angesichts der Einführung der neuen US-amerikanischen "Monroe-Doktrin" in der Region die Nachfrage nach einer Führungsperson steigen wird, der die Souveränität der lateinamerikanischen Länder entschlossen verteidigt. Die Zeitung The New York Times schrieb:
"Für die lateinamerikanische Linke bestätigte Maduros Entführung das, wovor einige Politiker seit Jahrzehnten gewarnt hatten: Die Vereinigten Staaten sind eine imperialistische Macht, die bereit ist, in ihre südlichen Nachbarländer einzumarschieren und diese zu ihrem eigenen Vorteil und zur Ausbeutung derer natürlichen Ressourcen zu nutzen."
Möglicherweise möchte Petro die Rolle eines spirituellen Führers Lateinamerikas übernehmen. Zumal seine Amtszeit als Präsident Mitte 2026 ausläuft und er sich dann in den Ruhestand begeben wird.
Schließlich versteht Petro, dass er nach Maduro der Nächste auf der Liste ist. Laut Trump wird Kolumbien "von einem kranken Menschen regiert, der gerne Kokain produziert und es an die Vereinigten Staaten verkauft". Und "das wird er nicht mehr lange tun", so Trump.
Vielleicht würde Petro gerne den Weg des libyschen Führers Muammar al-Gaddafi gehen (der nach dem Einmarsch der USA im Irak nicht das nächste Opfer sein wollte und auf Massenvernichtungswaffen verzichtete), aber das wird ihm nicht gelingen. Er kann die Voraussetzungen für eine Invasion nicht beseitigen, das heißt die Drogenplantagen und -labore zerstören. Petro selbst behauptete im Dezember, dass seine Regierung alle 40 Minuten ein Labor zerstöre – aber das reicht offenbar nicht aus. In Kolumbien gibt es sehr viele davon, und sie werden von zahlreichen bewaffneten Gruppen und Kartellen kontrolliert.
Deshalb geht die wütende Rhetorik Petros gegenüber Trumps Venezuela-Operation allmählich in Kritik an seinen möglichen Plänen gegenüber Kolumbien über. Er erklärte:
"Wenn die USA anfangen, uns zu bombardieren, werden sich die Bauern in Tausende von Partisanen in den Bergen verwandeln. Und wenn sie den Präsidenten verhaften, den ein Großteil des Landes liebt und respektiert, werden sie den Jaguar des Volkes freilassen."
Ihm zufolge hat jeder kolumbianische Soldat den Befehl erhalten, dass jeder Kommandeur der Sicherheitskräfte, der die US-amerikanische Flagge der kolumbianischen vorzieht, sofort seines Amtes enthoben wird.
Auch ein anderes potenzielles Invasionsopfer – Kuba – meldet sich lautstark zu Wort. Laut US-Außenminister Marco Rubio ist das kubanische Regime "katastrophal" und wird von "inkompetenten, senilen Männern" geführt. Der kubanische Präsident Miguel Díaz-Canel erklärte:
"Kuba verurteilt den kriminellen Angriff der USA auf Venezuela und fordert eine Reaktion der internationalen Gemeinschaft. Unsere Friedenszone wird brutal angegriffen. Das ist Staatsterrorismus gegen das tapfere venezolanische Volk und gegen unser Amerika."
Das kubanische Außenministerium bezeichnete die Entführung Maduros als "feige Handlung gegen eine Nation, die weder die USA noch irgendein anderes Land angegriffen hat".
Es scheint, dass Brasilien sich mit den Kritikern der Entführung solidarisieren sollte. Es ist der regionale Marktführer in Lateinamerika, und seine Beziehungen zu den USA sind derzeit auf einem Tiefpunkt – aufgrund der von Trump verhängten Sanktionen und seiner ultimativen Forderung, seinen ideologischen Verbündeten, den ehemaligen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, nicht ins Gefängnis zu stecken.
In Wirklichkeit ähnelt die Haltung Brasiliens jedoch weniger der Wut über bestimmte Initiativen als vielmehr dem Bedauern über die Feststellung einer Tatsache. Der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva erklärte:
"Der Angriff ist der erste Schritt in Richtung einer Welt der Gewalt, des Chaos und der Instabilität, in der die härtesten Normen Vorrang vor einem multilateralen Ansatz haben werden."
Der Chefberater des brasilianischen Präsidenten Celso Amorim fügte hinzu:
"Das Schlimmste für mich ist, dass diese Rückkehr zum Interventionismus nicht einmal verschleiert wird. Niemand sagt zum Beispiel, dass 'wir dorthin gegangen sind, um die Demokratie zu schützen'. Nein, es gibt ein Ziel, das offensichtlich wirtschaftlicher Natur ist."
Ähnlich sieht es mit der gemeinsamen Erklärung von Brasilien, Kolumbien, Mexiko, Uruguay, Chile und Spanien aus, das sich ihnen angeschlossen hat. Sie war ziemlich harmlos – mit "Besorgnis" und "Verurteilung". Wie übrigens auch die Erklärung Mexikos. Die Präsidentin dieses Landes Claudia Sheinbaum versicherte:
"Die Geschichte Lateinamerikas ist klar und unwiderlegbar: Interventionen haben niemals Demokratie gebracht."
Keiner von ihnen will also in einen direkten Konflikt mit den USA geraten und das nächste Opfer der "Monroe-Doktrin" werden. Mehr noch, die Staats- und Regierungschefs einer Reihe von Ländern der Region machten keinen Hehl aus ihrer Freude über das Geschehene.
Zum Beispiel rechte Präsidenten, die sich als Verbündete und Gleichgesinnte von Trump betrachten. So bezeichnete der argentinische Staatschef Javier Milei Maduro als "jemanden, der an einer blutigen Drogenterror-Diktatur beteiligt ist, die zu einem Krebsgeschwür für unsere Region geworden ist und die Krankheit des Sozialismus des 21. Jahrhunderts mit ihrer Armut und ihrem Tod verbreitet". Der ecuadorianische Präsident Daniel Noboa erklärte:
"Allen Drogenhändlern und Chavisten steht der Tag der Abrechnung bevor. Ihr gesamtes Netzwerk wird letztendlich auf dem gesamten Kontinent zusammenbrechen."
Die Verhaftung Maduros wurde auch vom salvadorianischen Präsidenten Nayib Bukele unterstützt, der in den sozialen Netzwerken eine spöttische Collage veröffentlichte.
Der paraguayische Präsident Santiago Peña sagte:
"Die Regierung Paraguays hat seit Langem vor der instabilen Lage des illegalen, räuberischen und diktatorischen Regimes von Nicolás Maduro gewarnt, das diesem edlen Volk so viel Schaden zugefügt hat."
Der gewählte Präsident Chiles José Antonio Kast bezeichnete die Entführung Maduros als "ausgezeichnete Nachricht für die Region" und forderte alle Nachbarn auf, für den Rücktritt der gesamten venezolanischen Regierung zu sorgen und sie zur Rechenschaft zu ziehen.
Die Entführung Maduros wurde auch von Guyana unterstützt, einem Nachbarland Venezuelas, dem Maduro eine Grenzprovinz wegnehmen wollte. Guyanas Präsident Ifraan Ali verkündete:
"Stabilität, Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Machtwechsel sind für Venezuela und ganz Amerika von entscheidender Bedeutung. Aus dieser Sicht unterstützt Guyana Maßnahmen, die demokratische Normen stärken und die Erhaltung der Region als Zone des Friedens gewährleisten. Wir begrüßen die Führungsrolle des US-Präsidenten bei der Stärkung des gemeinsamen Bekenntnisses zu den Normen der Freiheit, Demokratie und regionalen Sicherheit."
Somit gibt es in Lateinamerika keine regionale Einheit, geschweige denn Widerstand gegen Trumps Vorgehen. Wahrscheinlich, weil dies als unpragmatisch angesehen wird. Stattdessen versuchen einige Länder, sich in Trumps "Monroe-Doktrin" zu integrieren, während andere versuchen, sie auszusitzen. All dies gibt den Vereinigten Staaten die Möglichkeit, in Lateinamerika beliebige Rechtsverstöße zu begehen – bis hin zur Entführung des venezolanischen Präsidenten.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 7. Januar 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.
Geworg Mirsajan ist außerordentlicher Professor an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, Politikwissenschaftler und eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Geboren im Jahr 1984 in Taschkent, erwarb er seinen Abschluss an der Staatlichen Universität des Kubangebiets und promovierte in Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt USA. Er war in der Zeit von 2005 bis 2016 Forscher am Institut für die Vereinigten Staaten und Kanada an der Russischen Akademie der Wissenschaften.
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