Lateinamerika

Warum Venezuelas Militär nicht gekämpft hat

Der geopolitische Analyst Miguel Santos García legt dar, warum er von einer geheimen Absprache zwischen den USA und Venezuela ausgeht. Demnach soll Venezuela bereits vor den US-Angriffen kapituliert haben. Der kämpferische Auftritt der neuen Präsidentin Delcy Rodríguez sei nur Theater.
Warum Venezuelas Militär nicht gekämpft hat© Urheberrechtlich geschützt

Von Miguel Santos García

US-Präsident Donald Trump erklärte in einer Pressekonferenz, die USA würden nun Venezuela regieren. Damit vermittelte er den Eindruck, als würde die ehemalige Vizepräsidentin Venezuelas, Delcy Rodríguez, den Anweisungen der USA Folge leisten.

Wenige Stunden nach Trumps Pressekonferenz wandte sich die neue Präsidentin Rodríguez in einer Fernsehansprache an die südamerikanische Nation. Gemäß ihrer Rede betrachtet sie die Vereinigten Staaten als illegalen Eindringling, der zurückgeschlagen werden müsse. Trumps Pläne, Venezuela zu erobern und das Land als Beute der USA zu regieren, würden auf weitaus mehr Hindernisse stoßen, als er in seiner Pressekonferenz am Samstag suggerierte, in der er den US-Sieg in Venezuela verkündete. 

Allerdings könnte Delcy Rodríguez' kämpferische Fernsehansprache, in der sie die USA als illegalen Eindringling verurteilte, eine reine Inszenierung sein, mit der sie sich an eine geheime Vereinbarung hält. Ihre öffentliche Wut und ihre Versprechen des Widerstands bieten ihr die nötige politische Deckung. So kann sie ihre Glaubwürdigkeit und Autorität gegenüber der bolivarischen Basis und dem Militär aufrechterhalten, während sie sich gleichzeitig an die Bedingungen hält, die Maduros Absetzung zuvor ermöglichten.

Diese kalkulierte Demonstration einer kämpferischen Haltung gewährleistet für die noch intakte Struktur der venezolanischen Regierung den Übergang und positioniert Rodríguez als Anführerin des "Widerstands" und nicht als Kollaborateurin einer ausgehandelten Kapitulation.

Trumps Bericht über die erfolgreiche US-Militäraktion in Venezuela 

Trump gab operative Details zur Militäraktion in Venezuela bekannt. Dabei seien zwar mehrere US-Spezialeinheiten verletzt worden, es habe jedoch keine amerikanischen Todesopfer gegeben. Laut Trump wurde der Angriff mit massiver Luftunterstützung durchgeführt. 150 Flugzeuge seien zur Kontrolle des Luftraums und zur Abwehr von Bedrohungen eingesetzt worden. Ein Flugzeug und mehrere Hubschrauber seien beschädigt worden, könnten aber wieder repariert werden.

Die Schnelligkeit und den Erfolg der Operation führe man auf die vorherige Zerstörung der venezolanischen Luftabwehrsysteme zurück. Dadurch hätten die Hubschrauber der Spezialeinheiten ihr Ziel ungehindert erreichen können. Obwohl Venezuela über fortschrittliche Luftabwehrsysteme wie das S-300 und tragbare MANPADS verfüge, die gegen Hubschrauber eingesetzt werden können, habe das venezolanische Militär diese nicht gegen den US-Angriff eingesetzt. Trump erklärte abschließend, dass sich die Vereinigten Staaten die Option offenhielten, bei Bedarf weitere Angriffe gegen Venezuela durchzuführen.

Verschleierung einer ausgehandelten Kapitulation Venezuelas 

Die sorgfältig ausgearbeitete Erzählung eines gewagten Militärangriffs, komplett mit operativen Details und Heldengeschichten, dient einem entscheidenden politischen Zweck: Sie soll das sehr viel wahrscheinlichere Szenario einer ausgehandelten Kapitulation Venezuelas verschleiern. Durch die Verherrlichung des gewalttätigen Spektakels einer Gefangennahme verschleiert der Bericht aktiv die unbequeme Wahrheit, dass der Erfolg der Operation mit ziemlicher Sicherheit eine vorherige Vereinbarung mit mächtigen Fraktionen innerhalb des Maduro-Regimes selbst erforderte und daraus resultierte.

Dieser Fokus auf überwältigende Streitkräfte verschleiert eine hinter den Kulissen getroffene Vereinbarung, bei der die Elite des Regimes, insbesondere im Militär und in den Geheimdiensten, den Präsidenten gegen Garantien für ihre eigene Sicherheit, ihr politisches Überleben und Schutz vor Strafverfolgung eintauschte. Auf diese Weise wurde eine potenziell blutige Invasion in einen kontrollierten Übergang verwandelt, der sowohl der Invasionsmacht als auch der bestehenden Machtstruktur zugute kam – allerdings auf Kosten einer revolutionären Geschichte. 

Im Oktober habe ich einen Artikel mit dem Titel "Können Russland und China militärische Macht einsetzen, um Venezuela zu helfen?" (englischer Titel: "Can Russia And China Project Military Power To Help Venezuela?") geschrieben. Für interessierte Leser stelle ich darin die Grenzen der Hilfe durch Mächte der östlichen Hemisphäre dar. Die Frage, warum Russland und China ihre vermeintlichen Partner nicht schützen können, lässt sich heute jedoch mit einer anderen Frage beantworten: Warum hat das venezolanische Militär nicht gegen die USA gekämpft?

Die miteinander verflochtenen Fragen, warum Weltmächte wie Russland oder China ihre Partner nicht schützen können und warum sich lokale Militärs manchmal weigern zu kämpfen, zeigen einen grundlegenden Faktor in den internationalen Beziehungen auf, nämlich dass die Kalkulation der Macht letztlich vor Ort ausgelotet wird und sowohl national als auch zutiefst persönlich ist.

Im Fall Venezuelas hat das venezolanische Militär trotz jahrelanger politischer, wirtschaftlicher und rhetorischer Unterstützung durch Moskau und Peking, einschließlich Waffenverkäufen, gemeinsamen Militärübungen, diplomatischem Schutz bei den Vereinten Nationen und Wirtschaftsabkommen, keine konventionelle Verteidigung gegen die greifbare Gefahr einer Intervention der USA aufgebaut.

Dies lag nicht an einem Versagen des russischen oder chinesischen Engagements, sondern daran, dass die venezolanische Regierung und das Militär in erster Linie ihrem eigenen institutionellen Überleben und der Stabilität ihres Staates verpflichtet waren. Für hochrangige venezolanische Offiziere war ein Krieg gegen die Vereinigten Staaten kein gewinnbarer ideologischer Kampf, sondern ein selbstmörderischer Akt, der ihre Vernichtung und den Zusammenbruch der Nation garantieren würde. 

Diese Dynamik offenbart die gravierenden Grenzen des Schutzes durch "vermeintliche Verbündete" in einer unipolaren oder mittlerweile multipolaren Welt. Russland und China können zwar für Abschreckung sorgen, Wirtschaftshilfen leisten und diplomatische Unterstützung bieten, aber sie können ihren Willen nicht in die Kommandostrukturen souveräner Staaten übertragen.

Ihr Schutz ist begrenzt: Er ist wirksam gegen Sanktionen, in Stellvertreterkonflikten, in denen sie das Terrain kontrollieren, wie im Falle Russlands in Syrien, und bei der Bereitstellung von Instrumenten der inneren Sicherheit, stößt jedoch bei einer direkten, konventionellen militärischen Konfrontation mit den Vereinigten Staaten an eine harte Grenze. Für Caracas waren Moskau und Peking Stützen gegen einen Regimewechsel, nicht Garanten für den Sieg in einem heißen Krieg. Als die ultimative Wahl zwischen Kapitulation und Vernichtung anstand, entschied sich die lokale Macht für ihren eigenen Erhalt. Für Caracas war klar, dass ihre Großmachtpartner weder bereit noch in der Lage waren, für sie einen Weltkrieg zu beginnen.

Darüber hinaus unterstreicht das Beispiel Venezuelas, dass der Charakter von Allianzen oft asymmetrisch und transaktional ist. Für Russland und China ist Venezuela ein strategischer Knotenpunkt in einem größeren Machtkampf, ein Brückenkopf in Amerikas Hinterhof, eine Quelle für Energiegeschäfte und ein Symbol des Widerstands gegen die westliche Vorherrschaft. Für das venezolanische Militär hingegen besteht die vorrangige Pflicht in der Wahrung der territorialen Integrität des Landes und der eigenen institutionellen Kontinuität.

Wenn eine externe Bedrohung durch eine überwältigende Streitmacht real wird, verblassen die ideologischen und transaktionalen Vorteile der entfernten Allianz angesichts der unmittelbaren Realität des Überlebens. Keine noch so intensive russische Propaganda und keine chinesischen Kredite können einen General davon überzeugen, seine Truppen in eine Schlacht zu schicken, in der sie vernichtet werden. Ein venezolanischer General wird nicht die totale Zerstörung des eigenen Landes riskieren, um einem Partner am anderen Ende der Welt einen geopolitischen Vorteil zu verschaffen. 

Letztendlich führt die Frage des Schutzes zurück zum Wesen von Souveränität und Interessen. Russland und China schützen ihre Verbündeten, soweit dies ihren strategischen Interessen dient und keine katastrophale Eskalation riskiert. Sie sind keine globalen Sicherheitsgaranten nach dem Vorbild eines gegenseitigen Verteidigungsvertrags wie der NATO. Umgekehrt sind die Streitkräfte von Nationen wie Venezuela keine Söldnertruppen für ausländische Mächte, sondern nationale Institutionen mit einem tief verwurzelten Selbsterhaltungstrieb.

Daher ist die Unfähigkeit zu schützen nicht immer ein Versagen des Beschützers, sondern spiegelt vielmehr die kalte Realität vor Ort wieder: Angesichts einer existenziellen Konfrontation werden die Beschützten letzten Endes in ihrem eigenen nationalen Interesse handeln. Das kann bedeuten, sich zurückzuziehen und keinen aussichtslosen Krieg für das Prestige eines fernen Gönners zu führen. Der Rückzug des venezolanischen Militärs war kein Verrat an Moskau oder Peking, sondern eine eindeutige Bestätigung dieser nüchternen, unerbittlichen Logik.

Diese Analyse von Miguel Santos Garcia erschien am 4. Januar 2026 in englischer Sprache auf der Webseite von Global Research. RT DE veröffentlicht aufgrund der Länge des Artikels nur den ersten Teil des Artikels. 

Miguel Santos García ist ein puerto-ricanischer Schriftsteller und Politologe. Sein Schwerpunkt liegt auf der Geopolitik neokolonialer Konflikte und hybrider Kriege im Rahmen der vierten industriellen Revolution, des anhaltenden neuen Kalten Krieges und des Übergangs zur Multipolarität.

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