Mit Vergewaltigung bedroht und erpresst: Ex-Häftling schildert Erfahrungen im russischen Straflager

Im Gespräch mit RT hat ein ehemaliger Insasse eines Gefängniskrankenhauses im Gebiet Saratow das Schweigen über die Gewalt während seiner Freiheitsstrafe gebrochen. Zuvor hatte die russische Strafverfolgungsbehörde FSIN Ermittlungen gegen die Strafanstalt eingeleitet.

Wladimir Boldyrew verbrachte im vergangenen Jahr drei Monate im Tuberkulose-Krankenhaus des Gefängnisses. Es war sein dritter Aufenthalt hinter Gittern. Kurz nach seiner Ankunft und der Durchsuchung seiner Habseligkeiten wurde er nach seinen eigenen Worten von den Mitarbeitern der Einrichtung in das Badehaus begleitet und aufgefordert, ein Papier zu unterschreiben, wonach er keine Ansprüche gegen das Gefängnis und sein Personal habe. Als Boldyrew sich aber geweigert habe, dies zu tun, sei er eingeschüchtert worden:

"Sie brachten mich in einen Raum, in dem sich ein anderer Gefangener befand, der mit mir angekommen war. Vor ihm stand ein 'Aktivist', der mit seinen Genitalien vor dem Gesicht des Mannes herumfuchtelte."

Die sogenannten "Aktivisten" seien in Wirklichkeit Mitgefangene, die als Assistenten der Gefängnisbeamten arbeiten, erklärte er. Sie hätten Jobs wie Hausmeister und Pfleger, würden aber mit der Verwaltung zusammenarbeiten und deren Befehle ausführen, einschließlich Übergriffe und Erpressung ihrer Mitgefangenen. Ihr Anführer, ein Mann namens Radik Gemadejew, habe im gesamten Gefängnis frei agiert, als wäre er ein Angestellter der Verwaltung, so Boldyrew.

Nachdem die Strafvollzugsbeamten ihn dazu anschließend gezwungen hätten, das Dokument zu unterschreiben, hätten die "Aktivisten" versucht, Geld von ihm zu erpressen. Boldyrew sei zu "Zelle Nummer 5" gebracht worden. Im Gegensatz zu anderen Zellen gäbe es darin keine Überwachungskamera, weswegen sie von anderen Häftlingen als "Folterkammer" bezeichnet werde. Boldyrew erzählte ferner:

"Sie brachten mich rein, ein paar von ihnen, schlugen mich zusammen, fesselten mich an das Bett.

In dieser Zelle spielt Musik. Auf dem Korridor läuft die Musik in voller Lautstärke. Niemand kann hören, was da vor sich geht. Niemand kann dich schreien oder um Hilfe rufen hören. Nicht einmal die Person in der Zelle nebenan."

Nach Angaben von Boldyrew sei er zwei Tage lang nackt gefesselt gehalten worden und habe sich im Liegen entleeren müssen, ohne dass die Verwaltung des Gefängniskrankenhauses darauf reagiert habe. Danach seien die "Aktivisten" zu ihm in die Zelle gekommen und hätten von ihm verlangt, ihnen 50.000 Rubel (rund 600 Euro) zu überweisen. Anderenfalls hätten sie Boldyrew gedroht, dass ein Mitgefangener ihn sexuell missbrauchen werde:

"Sie sagten mir, wenn ich das Geld nicht bezahle, dann würde mich dieser Häftling mit seinem Penis ins Gesicht schlagen und mich vergewaltigen."

Daraufhin habe sich Boldyrew zur Zahlung bereiterklärt. Man gab ihm ein Telefon, damit er mit seiner Frau in Kontakt treten kann und bitten, die Summe auf ein bestimmtes Konto zu überweisen. Sie habe jedoch erkannt, dass ihr Mann erpresst wurde, und umgehend den Menschenrechtsaktivisten Wladimir Ossetschkin kontaktiert, um ihn über die Umstände im Straflager zu unterrichten. Dieser habe seinerseits die Staatsanwaltschaft verständigt.

Als ein Ermittlungsbeamter danach das Gefängnis besucht habe, um die Beschwerde zu prüfen, sei Boldyrew vor dem Treffen instruiert worden, zu sagen, dass er das Geld beim Kartenspielen in der Untersuchungshaft verloren habe. Der Ermittler habe ihm geglaubt, sodass Boldyrew von den Gefängniswärtern in Ruhe gelassen worden sei. Er sagte gegenüber RT:

"Um es ganz offen zu sagen, die beiden, meine Ehefrau und Wladimir Ossetschkin, haben mir das Leben gerettet."

Die Enthüllung kam, nachdem die Menschenrechtsgruppe Gulagu.net am Dienstag Videobeweise veröffentlicht hatte, die die Vergewaltigung von drei Insassen des Krankenhauses zeigen sollen. Einen Tag später kündigte die regionale Abteilung des russischen Ermittlungskomitees die Einleitung von sieben verschiedenen Strafverfahren im Zusammenhang mit Berichten über körperliche und sexuelle Misshandlungen von Insassen an. Die russische Strafverfolgungsbehörde FSIN leitete ebenfalls interne Ermittlungen ein.

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