Insider-Information: Immer mehr ukrainische Offiziere enttäuscht und demotiviert

Nachrichten über schlechte Kampfmoral selbst in Eliteeinheiten des ukrainischen Militärs gab es nahezu seit Beginn der russischen Sonderoperation. Sie kamen aber höchstens von Zugkommandanten. Mittlerweile jedoch geben sich auch ranghöhere Offiziere, öffentlich wie anonym, sehr pessimistisch.

Ein Kommentar von Tatjana Montjan

Ich werde oft gefragt, ob sich denn wohl die öffentliche Meinung und die Stimmung im Dritten Speckreich (hämischer Name für die Ukraine mit ihrer traditionell dem Salo selbst für osteuropäische Verhältnisse ganz besonders zugetanen Bevölkerung; in Gebrauch gekommen nach dem Staatsstreich 2014, der mithilfe von Neonazis erfolgte und ihnen im Lande zu bisher nie dagewesener Macht verhalf, Anm. d. Red.) irgendwie verändert habe. Sei es bei den Militärs (ranghohen – die Soldaten beschweren sich nämlich schon länger, Anm. d. Red.) oder bei den Zivilisten (wobei da ebenfalls schon länger dann und wann die Vernunft durchscheint, Anm. d. Red.).

Bis vor kurzem musste ich jedoch stets antworten, dass es keine nennenswerte Bewegung gegeben habe und dass die engstirnige Verbohrtheit, deren Grad bei Uninformierten zuweilen den Verdacht auf Missbrauch harter Drogen zu erregen vermag, nicht nachgelassen hat. Aber nur bis vor kurzem.

Denn jüngst kam es endlich zum Durchbruch – dann aber wahrlich an allen Fronten. "Ausharries" (auch "Wartemännchen", "Wartetiere" – hier: Menschen, die im Sinne des letzten Satzes aus diesem MDZ-Artikel hoffnungsvoll auf die Ankunft der russischen Streitkräfte warten, Anm. d. Red.) aus den verschiedensten Gebieten der Ukraine beobachten neuerdings Folgendes: Selbst die verbohrtesten Anhänger des Dritten Speckreichs, deren Bilder in den sozialen Netzwerken vor ukrainischen Flaggen und/oder Nazi-Symbolen nur so strotzen und deren Posts dort sich nahezu ausschließlich um "Tod den Russenköpfen!" drehen, sind in letzter Zeit deprimiert.

Viele dieser strammen Patrioten erklären gar, es sei Zeit zum Türmen aus der Ukraine, weil nichts Gutes zu erwarten sei – Korruption allerorten, und der Westen habe sie auch noch verraten. Und wer von vornherein nicht ganz so verbohrt war, neige nun gar zu der Ansicht, dass es keinen "sauberen" Sieg der Ukraine geben wird. Was bedeutet, dass der Frieden (nach den Bedingungen Russlands – Anm. d. Red.) unvermeidlich ist – und dann solle er doch gefälligst schon eintreten, sonst wird der Platz auf den Friedhöfen knapp.

Sorgen und Nöte einer gänzlich eigenen Art hat derweil das ukrainische Militär. Das Kommando bestehe aus der Kategorie von Menschen, für die dieser Krieg nur ein Geschäft ist, die sich alles unter den Nagel reißen und die Soldaten wie Vieh behandeln, ihnen die persönlich gekaufte oder von Freiwilligen zur Verfügung gestellte Ausrüstung wegnehmen, sie der Kampfzulage berauben und sie wie Fleisch in den Moloch der Sturmangriffe werfen. Hinzu kommt die unüberwindbare Bürokratie des Verteidigungsministeriums und der Ärzte: Von den Letztgenannten ein objektives Attest über den Gesundheitszustand, geschweige denn eine Behinderung, einzuholen, sei heutzutage ein Ding der Unmöglichkeit.

Es gibt Ausnahmen – wie Funkname "Kupol" (zu Deutsch: Kuppel, hier bezogen auf die Form eines geöffneten militärischen Rundkappen-Fallschirms. Anm. d. Red.): Der Kommandant des 3. Bataillons der 46. Luftlandebrigade der Ukraine hielt es eines Tages nicht mehr aus und gab der Washington Post (WP) ein Interview in ziemlich pessimistischem Tenor. Woraufhin er – ebenfalls laut der Washington Post – von seinem Posten freigestellt wurde und einen Antrag auf Entlassung aus den Streitkräften einreichte. 

(Einschub der Redaktion: Die besonders vielsagenden Äußerungen des Bataillonskommandanten mit dem Funknamen "Kupol" und weitere aus dem erwähnten Leitartikel der Washington Post will RT dem Publikum natürlich nicht vorenthalten. Funkname "Kupol" erklärte:

"Das Wertvollste im Krieg ist Kampferfahrung. Ein Soldat, der über sechs Monate Kampfhandlungen überlebt hat, und ein Soldat frisch vom Schießstand sind zwei unterschiedliche Soldaten – ein Unterschied wie Himmel und Erde. Und leider haben wir nur wenige Soldaten mit Kampferfahrung. Sie alle sind leider entweder verwundet oder tot."

Nun sprach der Offizier (in den Armeen der postsowjetischen Staaten wird ein Bataillon meist etwa von einem Major bis Oberstleutnant befehligt) aber davon, von 500 Soldaten seines Bataillons 400 als schwer verwundet und 100 als tot permanent verloren zu haben. In solchen Fällen, sei hier angemerkt, muss ein Bataillon nach einer Aufstockung von der Front ins Hinterland rotiert werden und zuerst eine gewisse Zeit das Zusammenspiel trainieren. Diese Zeit, so "Kupol", werde ihm jedoch nicht gegönnt – und zudem bekomme er völlig unvorbereitete Rekruten als Verstärkung:

"Da bekomme ich also 100 unerfahrene Soldaten. Zeit, sie vorzubereiten, gibt man mir überhaupt nicht. Es heißt, 'Führ sie jetzt in den Kampf!' Und sie schmeißen schlicht alles hin und fliehen. Das war's. Verstehen Sie? Die Soldaten schießen nicht. Frage ich einen, wieso er nicht schießt, sagt er 'Ich habe Angst vor dem Mündungsknall.' Aus irgendeinem Grund hat er auch niemals Handgranaten geworfen."

Die neuen Soldaten, so der Offizier, verlassen ihre Stellungen gleich zu Hunderten.

In Bezug auf die von Kiew für den Frühling oder Sommer 2023 geplante Gegenoffensive äußerte der Bataillonskommandant deshalb seine Hoffnung auf das Training, das Kontingente von ukrainischen Soldaten in NATO-Staaten aktuell durchlaufen. Allein, seine Hoffnung sei nicht besonders groß:

"Es gibt immer den Glauben an ein Wunder."

Ein ukrainischer Regierungsbeamter erklärte gegenüber dem US-Blatt zudem, Kiew habe einen großen Teil des militärischen Führungskaders verloren, der seit dem Jahr 2014, also neun Jahre lang, von den USA ausgebildet und trainiert wurde:

"Viele von ihnen wurden getötet."

Im selben Artikel zitierte die WP anonym einige ukrainische Regierungsbeamte, die die Pläne einer Gegenoffensive auch aus anderen Gründen sehr skeptisch sahen. Rüstungsgüter aus dem Westen kämen in unzureichenden – nicht zuletzt die Panzer gar nur in 'symbolischen' – Mengen in der Ukraine an, und nur ein Teil davon erreiche tatsächlich auch die Frontlinien. Die Schlussfolgerungen des Beamten lesen sich wie folgt:

"Wenn man mehr Ressourcen hat, greift man aktiver an. Hat man weniger Ressourcen, ist man mehr in der Verteidigung. Wir werden uns verteidigen. Und deswegen – wenn Sie mich persönlich fragen – glaube ich nicht an eine große Gegenoffensive unsererseits. Ich würde ja gern daran glauben, aber dann schaue ich auf unsere Ressourcen und frage mich, 'Womit sollen wir sie auf die Beine stellen?' Vielleicht werden uns ja ein paar örtliche Durchbrüche vergönnt. Wir haben nämlich weder Personal noch Waffen. Und Sie kennen die Verhältnisse: In der Offensive verliert man zwei bis dreimal so viel Personal. Wir können uns aber nicht leisten, so viel Personal zu verlieren."

Von Versorgungsengpässen sprach auch der weiter oben zitierte "Kupol" – es fehle an banalsten Mörsergranaten und 40-Millimeter-Patronen für Granat-Maschinengewehre Mk19 aus US-Produktion:

"Da bist du an der Frontlinie. Sie kommen auf dich zu – und du hast nichts, womit du sie beschießen könntest."

Soviel zu den Aussagen, auf die Tatjana Montjan Bezug nimmt. Es folgt nun die Fortsetzung ihres Kommentars.)

Selbst die eigene Regierung und deren Behörden unterdrücken die ideologisch zweihundertprozentigen Speckreich-Offiziere: Sie sollen die Obrigkeit nicht zu laut kritisieren, generell nicht mit der Wahrheit nerven, und vor allem nicht bei der Selbstbereicherung stören. Und die wichtigste Intrige besteht nun darin, ob "Kupol" die Fürsprache seitens seiner Kameraden etwas nützt, die nämlich ebenfalls beschlossen haben, ihr Schweigen zu brechen. Hier sind Auszüge aus einem offenen Brief eines seiner Befürworter:

"...Bei uns wird versucht, die Militärs mundtot zu machen, damit sie, Gott bewahre, nicht das ideale Bild der Welt zerstören, das die Regierung den einfachen Leuten vermittelt... Die Hauptfolge davon wird die Demotivierung der Truppen sein, ihres professionellen und intellektuellen Teils... Der Sieg ist überhaupt nicht sicher. Auch sind wir nicht auf der Ziellinie. Und bei uns läuft überhaupt nicht alles gut... Demotivation und Abwanderung des Kaders. Wenn die Gesellschaft das schluckt, wenn die Armee das schluckt, wird eine große Anzahl von Militärprofis alles zum Teufel schicken und die Armee auf allen erdenklichen Wegen verlassen..."

Ich bestätige: Auch meine Informanten berichten, dass viele erfahrene ukrainische Militärs, die nicht an engstirniger Verbohrtheit leiden, nicht an den Sieg der Ukraine glauben. Vielmehr stocken sie durch die Fortsetzung des Dienstes nur ihr "Portfolio" auf – suchen sich aber schon jetzt nach allerlei privaten Militärdienstleistern um, wo sie ihre Karriere demnächst fortsetzen wollen.

Aber alles wird sich erst entscheiden, wenn der Boden ausgetrocknet ist, die Felder und Aufforstungen wieder grün sind und sich die Seiten in der Schlacht gegenübertreten, die viele als die vorentscheidende in diesem Krieg bezeichnen.

Anlässe für Optimismus werden jedenfalls immer mehr und stärker.

Mehr zum Thema – Politico: USA erwarten Mai-Offensive der ukrainischen Armee

Übersetzt aus dem Russischen.

Tatjana Montjan ist eine bekannte ukrainische Rechtsanwältin und Publizistin. Vor Beginn der russischen Militäroperation musste sie Kiew verlassen, nachdem sie vor der UNO über die Zustände in der Ukraine gesprochen hatte. Derzeit lebt sie im Donbass, engagiert sich für humanitäre Hilfe und unterhält tagesaktuelle Videoblogs. Man kann ihr auf ihrem Telegram-Kanal folgen. Seit Neuestem führt sie eine Meinungskolumne auf RT-Exklusiv.