Bericht: Globale Risiken deuten auf "unsicheres und turbulentes Jahrzehnt" hin

Laut einer Befragung steht die Weltbevölkerung vor einer einzigartigen Kombination von Risiken, wobei die Lebenshaltungskosten am akutesten sind. Insgesamt sei der erste "Rückschritt in der menschlichen Entwicklung seit Jahrzehnten" zu verzeichnen.

Einem Bericht des Weltwirtschaftsforums zufolge bestehen die größten langfristigen Herausforderungen für die Weltwirtschaft bei ökologischen Problemen, auf deren Bewältigung die Welt jedoch aufgrund kurzfristiger Probleme wie der Lebenshaltungskostenkrise am wenigsten vorbereitet ist.

Die Welt erlebe derzeit die Rückkehr "alter", aber vielen nicht einmal mehr bekannten Risiken – darunter Inflation, Lebenshaltungskostenkrisen, Wirtschaftskriege, Kapitalabflüsse aus Schwellenländern, weit verbreitete soziale Unruhen, geopolitische Konfrontationen sowie das Schreckgespenst eines Atomkriegs und zugleich vergleichsweise neue globale Risiken, darunter eine unhaltbare Verschuldung, eine neue Ära niedrigen Wachstums, geringe globale Investitionen und De-Globalisierung, ein Rückgang der menschlichen Entwicklung nach jahrzehntelangen Fortschritten, die rasche und uneingeschränkte Entwicklung von Technologien mit doppeltem Verwendungszweck (zivil und militärisch) sowie der wachsende Druck durch die Auswirkungen des Klimawandels und die Ambitionen in einem immer kleiner werdenden Zeitfenster für den Übergang zu einer 1,5°C-Welt. 

Nach der diesjährigen Umfrage des Weltwirtschaftsforums (WEF) hat die Welt seit Jahrzehnten nicht so viele globale Risiken wie heute erlebt. Das WEF hat wie jedes Jahr mehr als 1.200 Experten sowie Führungspersönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft gebeten, die aus ihrer Sicht größten Risiken in eine Rangliste einzuordnen. Viele von ihnen nehmen ab dem 16. Januar am traditionellen Jahrestreffen des WEF im Schweizer Alpenort Davos teil.

Auf der Liste der Risiken mit kurzfristigem Ausblick, also für die nächsten zwei Jahre, stehen die Lebenshaltungskosten ganz oben, gefolgt von Extremwetterereignissen, Kriegen und Konflikten sowie Versagen beim Eindämmen des Klimawandels und die Spaltung der Gesellschaft.

Langfristig, über zehn Jahre, stehen die fehlenden Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen, Unwetterkatastrophen und der Zusammenbruch der Ökosysteme auf den ersten vier Plätzen. "Der Verlust der biologischen Vielfalt und der Zusammenbruch von Ökosystemen" wird als eines der sich am schnellsten verschlechternden globalen Risiken in den nächsten zehn Jahren angesehen.

"Die kommenden Jahre werden für die Regierungen schwierige Abwägungen mit sich bringen, da sie mit konkurrierenden Sorgen um die Gesellschaft, die Umwelt und die Sicherheit konfrontiert sind", heißt es in dem gemeinsam mit dem globalen Versicherungsmakler Marsh McLennan und der Zurich Insurance Group verfassten Bericht.

"Ein Versagen bei der Eindämmung des Klimawandels wird als eine der größten kurzfristigen Bedrohungen eingestuft, ist jedoch das globale Risiko, auf das wir am wenigsten vorbereitet sind", heißt es in dem Bericht.

Von den zehn größten langfristigen Herausforderungen beziehen sich laut den Befragten die vier wichtigsten auf die Umwelt: Versagen bei der Begrenzung oder Anpassung an den Klimawandel, Naturkatastrophen und extreme Wetterbedingungen, Verlust der biologischen Vielfalt und Zusammenbruch von Ökosystemen.
Dahinter folgt das Risiko unfreiwilliger Migration.

Sowohl kurz- als auch langfristig sind neun Risiken in den 10 wichtigsten genannten vertreten, darunter "geowirtschaftliche Konfrontation" und "Erosion des sozialen Zusammenhalts und gesellschaftliche Polarisierung" sowie zwei Neuzugänge in den Top-Rankings: "weitverbreitete Cyberkriminalität und Cyberunsicherheit" und "unfreiwillige Migration in großem Maßstab".

Das Risiko terroristischer Anschläge liegt auf Platz 32. Sowohl kurz- als auch langfristig halten die Befragten das Risiko von Cyberattacken für hoch (Platz 8).
"Zusammen sorgen (diese Risiken) für ein einmaliges, unsicheres und turbulentes Jahrzehnt", heißt es in dem Bericht. Fortschritte bei der Anwendung künstlicher Intelligenz und bei Hochleistungsrechnern (quantum computing) könnten nach Meinung der Befragten helfen, einige Risiken etwa im Gesundheitsbereich zu mindern.
Aber für viele Entwicklungen gebe es keinen rechtlichen Rahmen über die Anwendung. So könnten sie selbst zu Risiken werden, wie beispielsweise Killerroboter bei militärischen Einsätzen.

Im vergangenen Jahr hatte eine Gruppe von mehr als 100 Millionären und Milliardären in einem offenen Brief an die Davos-Besucher hingewiesen, dass das Risiko der immensen Ungleichheit auch auf die Eliten zurückfallen wird. So warnten 102 reiche Persönlichkeiten, dass "die Geschichte ein ziemlich düsteres Bild davon zeichnet, wie das Endspiel extrem ungleicher Gesellschaften aussieht". Laut einer Analyse von der Fight Inequality Alliance, dem Institute for Policy Studies, Oxfam und Patriotic Millionaires könnte eine minimale Abgabe auf die massiven Vermögen der allerreichsten Milliardäre der Welt 2,52 Billionen Dollar pro Jahr einbringen – was laut den Verfassern ausreichen würde, um Milliarden von Menschen aus der Armut zu befreien oder auch andere globale Probleme anzugehen.

Das WEF, das sich hauptsächlich durch seine gut 1.000 Mitgliedskonzernen – typischerweise globale Firmen mit einem Umsatz von mehr als fünf Milliarden US-Dollar – sowie durch öffentliche Zuschüsse finanziert, wurde 1971 von Klaus Schwab gegründet. In der Kritik steht es nicht nur aufgrund seiner Doppelstandards, wie das Anprangern der Umwelt- und Klimaproblematik, während die Teilnehmer mit Tausenden Privatjets nach Davos einfliegen.

Ein großes Problem am WEF ist weiterhin, dass viele der dort Einkehrenden nicht gewählt wurden. Während es vordergründig nach einem legitimen Mix aus Politikern und Vertretern der Zivilgesellschaft sowie der Wirtschaft wirkt, können sich tatsächlich Ultrareiche in die Veranstaltung einkaufen, bei der die von den Problemen am meisten Betroffenen außen vor bleiben. Davos wird ab der kommenden Woche wieder Gastgeber für 52 Staats- und Regierungschefs und mehr als zehnmal so viele CEOs sein.

Auch in diesem Jahr machen angesichts des elitären Treffens viele Gruppen zur Bekämpfung der Ungleichheit mobil. "Die Lösungen können nicht von denselben Eliten kommen, deren Reichtum und Macht immer neue Extreme erreichen", heißt es bei Fight Inequality.

Die Organisation verweist darauf, dass Milliardäre seit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie ihren Reichtum um erstaunliche 68 Prozent steigern konnten, während auf der anderen Seite zahlreiche Menschen ihre Lebensgrundlage verloren haben oder durch Sparmaßnahmen auf grundlegende Sozialleistungen verzichten müssen.
"Die Geschichte zeichnet ein düsteres Bild davon, wie das Endspiel extrem ungleicher Gesellschaften aussieht. Wir akzeptieren dieses Schicksal nicht", heißt es. Während des Davos-Treffens vom 14. bis 21. Januar 2023 sollen daher verschiedene Aktionen weltweit stattfinden, um zu zeigen, dass für die Bekämpfung der globalen Probleme auch die Eliten zur Verantwortung gezogen werden müssen.

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