Zusammen feiern oder auch mal streiten – Kleingärtenschwund bedeutet Verlust für die Gesellschaft

Es begann im Osten Deutschlands und wurde dort besonders gepflegt - das gemeinsame Gärtnern in der Laubenkolonie. Doch während der gesellschaftliche und ökologische Wert dieser Orte landesweit zunehmend geschätzt wird, nimmt die Zahl der Kleingärten seit 1990 ab, vor allem in Ostdeutschland.

Während das ökologische und soziale Potenzial von Kleingärten zunehmend anerkannt wird, nimmt die Anzahl von Kleingärten ab, wie die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage mehrerer Abgeordneter der Linken zeigt. Insbesondere in den östlichen Bundesländern haben die Deutschen seit langem gern gemeinsam in den Kolonien gesät, geerntet und Zeit verbracht.

Laut Jan Korte, dem Parlamentarischen Geschäftsführer der Linksfraktion im Bundestag, erfüllen die grünen Oasen auch auf dem Land und zumal in strukturschwachen Regionen wichtige Funktionen, denn gerade in dort gebe es immer weniger Orte für Begegnung. Auch die im Jahr 2019 erschienene Studie "Kleingärten im Wandel" vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung betont den besonderen Beitrag von Schreberkolonien zu Naturschutz und Artenvielfalt wie auch zum gesellschaftlichen Miteinander; als Ort, an dem Bürger "unabhängig vom Sozialstatus gärtnerischen Interessen individuell" nachgehen, zur eigenen gesunden Ernährung beisteuern, aktiv und gemeinsam mit anderen zum Naturerhalt beitragen oder sich einfach erholen können.

Außerdem engagieren sich Kleingärtnervereine demnach auf vielfältige Weisen gesellschaftlich, wovon neben Anwohnern beispielsweise auch Kitagruppen, Schulklassen oder Bewohner aus Senioren- oder Behinderteneinrichtungen profitieren. Die Kolonien fungieren demnach oft als Bildungs- und Nachbarschaftsorte, an denen auch Besucher Ruhe und Entspannung sowie Spielplätze, Gastronomie und Informationen zu Flora und Fauna finden. Auch gibt es "Tafelgärten" für Bedürftige oder Kunstausstellungen im Schrebergarten. Die große soziale Bedeutung zeigte auch eine Studie der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL und des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) aus dem Jahr 2019.

Insbesondere in den Städten erfuhren Schrebergärten in den vergangenen Jahren einen Boom auch unter jüngeren Menschen; mit der Corona-Krise gab es einen regelrechten Ansturm auf die grünen Oasen. Vom zeitweise angestaubten Bild des Gartenzwerg-Reichs auf pedantisch gekürztem Rasen hinter Hecken in vorgeschriebener Höhe hat sich das Image der Laubenpieper stark gewandelt, auch viele junge Familien erkennen den Wert dieser Orte. Mit Blick auf die Altersstruktur der Pächter von Schrebergärten heißt es in der Antwort der Bundesregierung: "Im Kleingartenwesen vollzieht sich ein Generationswechsel."

Weiterhin liegt zwar der Anteil der Kleingärtner, die 56 Jahre alt oder älter sind, bei insgesamt 74 Prozent, doch sei eine Verjüngung erkennbar. Die hohe Nachfrage nach Kleingärten in den Großstädten ist nach Angaben der Studie "Kleingärten im Wandel" vor allem auf ein neu entwickeltes Umweltbewusstsein der Stadtbewohner zurückzuführen.

"Insgesamt spiegelt sich darin auch ein zunehmendes Bedürfnis wider, sich mehr für den Natur- und Umweltschutz zu engagieren und Grün- und Freiflächen gerade in den Ballungszentren als Orte der Erholung und Entspannung zu nutzen, zu sichern und attraktiver zu machen.”

Rückgang in Ostdeutschland besonders stark

Doch während in vielen Großstädten das Interesse an den grünen Oasen auch während der Pandemie so sehr gestiegen ist, dass die Wartelisten auf Jahre hinaus voll sind oder mitunter horrende Abschläge verlangt werden, stellt in ländlichen Gebieten eher Leerstand ein Problem für Kleingartenvereine dar, vor allem in Ostdeutschland, wo auch der Rückgang besonders stark ist. Laut der Bundesregierung gab es im Jahr 1990 in Deutschland noch rund 1,3 Millionen Kleingärten, knapp zwei Drittel davon – 850.000 – in den ostdeutschen Bundesländern und 450.000 in den alten Ländern. Seither zählt das Bundesinnenministerium (BMI) einen Schwund von rund 200.000 Gärten.

Bundesweit sank die Zahl bis zum Jahr 2006 auf etwa 1,012 Millionen Kleingärten und bis 2018 auf nur noch etwa 960.000. In Ostdeutschland war der Rückgang bei den Kleingärten seit den 1990er-Jahren überproportional stark und hält in den ländlichen Regionen auch weiterhin an, so der Linken-Abgeordnete Korte.


Dabei hat das, was mittlerweile auch unter Städtern aus dem Westen Deutschlands sowie aus anderen Ländern hip geworden ist, in Ostdeutschland seinen Anfang. Laut dem Bundesverband Deutscher Gartenfreunde (BDG) gibt es Kleingärten in verschiedenen Formen seit über 200 Jahren. Der Naturschutzbund verortet den Beginn der deutschen Kleingarten-Bewegung in Leipzig. Demnach hat im Jahr 1865 der Schuldirektor Ernst Hauschild nach der Idee des Arztes Moritz Schreber eine Spielwiese und später Beete für Kinder von Fabrikarbeitern einrichten lassen, um den Kindern die Natur näherzubringen. Dieser "Schreberplatz" getaufte Ort erfreute sich auch unter Erwachsenen an zunehmender Beliebtheit, sodass parzellierte Familiengärten in eine Schrebergarten-Kolonie wuchsen. In Berlin entstanden sie beispielsweise aus Armengärten. 

Dank der großen Bedeutung, die den Kleingärten bereits vor über 100 Jahren beigemessen wurde, sei es ernährungspolitisch, sozial oder auch boden- und wohnungspolitisch, sind gesetzliche Voraussetzungen geschaffen worden, die dafür sorgten, dass Kleingärten seitdem einen festen Platz in der Gesellschaft einnehmen konnten, heißt es beim BDG zum einhundertjährigen Jubiläum. Dennoch stehen die Kolonien unter Druck, und laut dem BDG waren die Herausforderungen vor rund hundert Jahren vergleichbar mit den heutigen:


"Damals wie heute stehen Kleingärten in direkter Konkurrenz zu anderen – meist größeren Profit versprechenden – Bodennutzungen."

Insbesondere in Städten wie Berlin und Hamburg sowie anderen Kommunen mit Wachstum schrumpfen die Freiflächen für Gärten, sie weichen Wohnungsbau, Infrastruktureinrichtungen sowie Gewerbe- und Verkehrsflächen, wie die Studie "Kleingärten im Wandel" aufzeigt. Dieses Thema bestimmt laut der Antwort der Bundesregierung die Diskussion um die Entwicklung des Kleingartenwesens in den Kommunen maßgeblich.

In strukturschwachen Regionen hingegen gab es lange Zeit viel Leerstand, sodass Kleingärten rückgebaut wurden. Eine im Jahr 2013 veröffentlichte Studie im Auftrag der Bundesregierung zählte insgesamt 45.000 leerstehende Parzellen, viele davon im Osten. Im Jahr 2018 standen bereits 65.000 Kleingärten leer, wie aus der 2019 veröffentlichten und ebenfalls von der Bundesregierung beauftragten Studie "Kleingärten im Wandel" hervorgeht.

Kein Bundesland ist so sehr vom Leerstand betroffen wie Sachsen-Anhalt, und daran zeichnet sich auch der demografische Wandel ab. Rund 106.000 Kleingärten zählt der Landesverband der Gartenfreunde Sachsen-Anhalt, aber gut 17.000 davon werden nicht bewirtschaftet. In seinem Wahlkreis Anhalt hat Korte immer wieder von den Problemen der Kleingärtner erfahren und daher seine entsprechende Kleine Anfragen gestellt. Besonders dort, wo hohe Arbeitslosigkeit herrscht und viele Menschen wegziehen, zeige sich das auch an den Kleingärten. In manchen Gegenden stehen 40 Prozent der Parzellen leer.



"Dort kann man demografischen Wandel anhand der Kleingärten besichtigen, wie es konkret ist, wenn immer mehr Menschen wegziehen."

Korte sieht den Schwund der Kleingärten auf dem Land gerade im Osten als Problem, da es ohnehin immer weniger Orte zur Begegnung gebe und die Gärten eine wichtige Funktion für das gesellschaftliche Miteinander erfüllten. Das habe sich in seinem Wahlkreis in Sachsen-Anhalt gezeigt, wo die Möglichkeiten zu Treffen stark reduziert seien, beispielsweise auf die Feuerwehr. Er betont daher die Bedeutung von Kleingärten, in denen Menschen zusammen feiern, grillen, diskutieren und auch streiten können. Der Bundestagsabgeordnete prangert an, dass die Bundesregierung trotz der Kenntnis dieser Problematik seit vielen Jahren keinerlei Lösungsstrategien biete.

"Offensichtlich wird aus dem Garten einer Grunewaldvilla das Ganze eben achselzuckend als Kollateralschaden der Deindustrialisierung des Ostens hingenommen. Das ist absolut inakzeptabel."

Er fordert tragfähige Konzepte für eine Neunutzung ungenutzter Flächen sowie ausreichende finanzielle Unterstützung für die Vereine beim Rückbau und Generationenwechsel.

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