Medizinhistoriker Dr. Hartmut Bettin: "Diskussion um russischen Impfstoff erinnert an Kalten Krieg"

Zum einen anhaltende Kritik über zu wenig Impfstoff in Deutschland, auf der anderen Seite die Skepsis gegenüber dem russischen Impfstoff Sputnik V – das stößt bei dem Medizinhistoriker Dr. Hartmut Bettin von der Universität Greifswald auf wenig Verständnis.

Dr. Hartmut Bettin vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Greifswald fühlt sich in der gegenwärtigen Diskussion um den russischen Impfstoff Sputnik V an scheinbar längst vergangene Zeiten erinnert. In einem schriftlichen Statement für RT DE fasst der Medizinhistoriker seine Gedanken zu der Debatte zusammen.

Es sei sicher kein Geheimnis, dass die Verantwortlichen der Bundesregierung und der EU massiv unter Druck stünden, der selbst erzeugten großen Erwartung gerecht zu werden, der Bevölkerung möglichst schnell möglichst viel Impfstoff zur Verfügung zu stellen, so Bettin. Als unerwartetes Problem erweise sich offenbar im Moment, dass BioNTech und Pfizer trotz einer umfangreich in Anspruch genommenen EU-Förderung ihren Impfstoff doch nicht so selbstlos und großzügig abgeben wollten "wie ursprünglich vollmundig verkündet".

Jedenfalls erfolge die Vergabe nun anscheinend doch eher nach dem Prinzip: "Wer am meisten bezahlt, soll auch als Erster genug bekommen". Moderna versorge vorrangig die Vereinigten Staaten, und auch AstraZeneca könne die momentan bestehenden Versorgungslücken nicht vollständig schließen. In dieser Situation sei natürlich jede weitere Möglichkeit, doch noch mehr Impfstoff zu erhalten, von größtem gesundheitspolitischen Interesse. Und hier komme nun Sputnik V ins Spiel, schreibt Bettin.

Es gebe jedoch das Problem, dass der Ruf dieses Impfstoffs in der Bevölkerung nicht der beste sei, da die Berichterstattung über Sputnik V lange Zeit überaus negativ und kritisch und aus Sicht des Medizinhistorikers auch nicht immer frei von politisch-ideologischen Ressentiments gewesen sei. Es sei vor allem die unzureichende Datenlage kritisiert worden. Die aber werde auch bei AstraZeneca selbst nach der Zulassung durch die Europäische Arzneimittelbehörde als nicht optimal bewertet. Nur werde die Kritik an dem schwedisch-britischen Unternehmen sehr viel vorsichtiger geäußert. Vieles erinnere ihn, den Historiker, dabei an die Zeit des "Kalten Krieges". Es zeigten sich rückblickend erstaunliche Parallelen. Er verweist dabei auf die Suche nach einem geeigneten Impfstoff gegen Poliomyelitis in den 1950er Jahren.

Diese Suche habe sich vor dem Hintergrund der Ost-West-Systemauseinandersetzung und zugleich in Konkurrenz unterschiedlicher Impfstoffentwicklungen und Erprobungsstrategien abgespielt. Ein früher zugelassenes amerikanisches Vakzin aus inaktivierten bzw. "toten" Polioviren (IPV) habe seinerzeit einem auf abgeschwächten Polioviren basierenden oral zu verabreichenden Vakzin (OPV) aus dem Moskauer "Institut der Akademie der Medizinischen Wissenschaften für Poliomyelitis und Virusenzephalitis" gegenübergestanden.

Während es bei der Verimpfung des US-Impfstoffs wegen einer Verunreinigung mit aktiven Viren zu Infektionen gekommen sei, habe sich die sowjetische Schluckimpfung in Tests und Massenimpfungen als zuverlässig erwiesen. In der DDR sei die Zahl der Polioerkrankungen nach erfolgreichen Massenimpfaktionen mit dem sowjetischen Impfstoff seit 1960 rapide zurückgegangen. Die Bundesrepublik sei hingegen noch 1961 von einer großen Polio-Epidemie erfasst worden.

5.600 Menschen wären erkrankt, 272 wären gestorben, und bei etwa einem Dreiviertel der Erkrankten wären Lähmungserscheinungen aufgetreten. In dieser Situation hätte die DDR-Regierung der Bundesrepublik ein großzügiges Hilfsangebot unterbreitet, das vorgesehen habe, sofort drei Millionen Einheiten des in der Sowjetunion entwickelten Impfstoffs zu liefern. Doch um sich aus der misslichen Situation zu befreien, auf "Entwicklungshilfe" aus dem Osten angewiesen zu sein, habe die Bundesrepublik mit der Begründung einer noch nicht ausreichend nachgewiesenen Prüfung des Impfstoffs dankend abgelehnt. Und das, obwohl der Impfstoff zu diesem Zeitpunkt schon millionenfach erfolgreich verimpft worden war.

Die Situation um Sputnik V stelle sich in gewisser Weise ähnlich dar, so Bettin. Obwohl inzwischen Erkenntnisse zur Wirksamkeit vorlägen, die darauf hindeuten, dass diese höchstwahrscheinlich sogar höher sei als bei dem Impfstoff von AstraZeneca, griffen immer noch generelle Vorbehalte in Bezug auf die Verlässlichkeit und Qualität russischer Entwicklungen. Es sei zu hoffen und zu erwarten, dass die Bewertung von Sputnik V durch die EMA nach rein sachlichen Kriterien erfolge und von etwaigen politischen Vorbehalten und Argumenten unbeeinflusst bleibe.

Obwohl in den Medien inzwischen zwar deutlich objektiver über Sputnik V berichtet werde, dürfte aber gerade in den westlichen Bundesländern eine große Zurückhaltung und Skepsis gegenüber dem russischen Impfstoff zu erwarten sein, schreibt Bettin weiter. Dies habe natürlich auch viel mit historischer Unkenntnis zu tun, denn was wisse man denn, fragt Bettin, insbesondere in den alten Bundesländern, über die lange und erfolgreiche Tradition russischer Impfstoffforschung und -entwicklung?

In den neuen Bundesländern hingegen sei eine größere Akzeptanz und Bereitschaft der Bevölkerung zu erwarten, sich mit diesem Impfstoff impfen zu lassen. Das habe vor allem damit zu tun, dass russische bzw. sowjetische Impfstoffe im kulturellen Gedächtnis, zumindest der älteren Generationen, eher positiv in Erinnerung geblieben seien. Er wünsche sich, dass zukünftige politische Debatten um Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 sachlicher, vorurteilsfreier und selbstkritischer geführt würden und dass, auch mit Blick auf historische Erfahrungen, der Versuchung widerstanden werde, Erfolge und Misserfolge politisch zu instrumentalisieren.

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