Israelis greifen zu den Waffen: Israel ist kurz vor Beginn des Ramadans wieder in Alarmbereitschaft

Seit Monaten wurde in Israel vor einem weiteren blutigen Ramadan gewarnt, nachdem es im vergangenen Mai schwere Unruhen sowie einen Waffengang zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen gegeben hatte. Vor dem Fastenmonat erleben nun Israel und israelisch besetzte palästinensische Gebiete eine neue Gewaltwelle.

von Seyed Alireza Mousavi

Fünf Menschen wurden am Dienstagabend in der Nähe von Tel Aviv getötet. Es war der bereits dritte Angriff innerhalb einer Woche. In sieben Tagen wurden bei drei Attentaten insgesamt elf Menschen getötet. Ein 28-jähriger Israeli wurde schwer verletzt, als ihn ein Palästinenser am Donnerstagmorgen in einem Bus in der Nähe der Siedlung Efrat im Westjordanland mit einem "Schraubenzieher" erstechen wollte. Ein israelischer Zivilist erschoss daraufhin den palästinensischen Angreifer.

Seit Monaten wurde in Israel vor einem weiteren blutigen Ramadan gewarnt, nachdem es im vergangenen Mai schwere Unruhen sowie einen Waffengang zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen gegeben hatte. Nun, wenige Tage vor dem Beginn des islamischen Fastenmonats, sieht es so aus, als könnten sich die Voraussagen für eine neue Gewaltspirale verwirklichen. 

Am Dienstag vergangener Woche tötete ein Angreifer in der Stadt Beersheba in der Negev-Wüste vier Menschen. Am Sonntagabend waren zwei Polizisten in der zentral-israelischen Stadt Hadera von zwei Tätern ermordet worden. Für diese beiden Anschläge waren jeweils israelische Araber verantwortlich, während der Attentäter von Tel Aviv aus dem Westjordanland stammte. Polizeiangaben zufolge handelte es sich bei dem palästinensischen Bewaffneten um den 26 Jahre alten Diaa Hamarsheh aus dem Ort Ya‘bad in der Nähe von Dschenin. Hamarsheh soll illegal die Grenze zwischen dem palästinensischen Westjordanland und Israel überschritten haben. Laut der israelischen Zeitung Haaretz, unter Berufung auf den Geheimdienst, gelangte er erst auf israelischem Gebiet an die Tatwaffe, was die Frage nach Mittätern aufwirft. 

Am Mittwoch durchsuchten israelische Sicherheitskräfte das Haus der Familie Hamarsheh im nördlichen Teil des besetzten Westjordanlandes. Es kam zu Zusammenstößen zwischen den Bewohnern des Ortes und den Ermittlern. Dabei töteten die israelischen Beamten im Flüchtlingslager Dschenin mindestens drei junge palästinensische Männer. Die Gruppierung Palästinensischer Islamischer Dschihad versetzte ihre Kämpfer mittlerweile in Alarmbereitschaft. "Wir kündigen die Erhöhung der vollen Bereitschaft unserer Kämpfer in allen militärischen Formationen an", sagte der Sprecher der Al-Quds-Brigaden am Donnerstag. 

Die palästinensischen Organisationen in Gaza priesen die Anschläge auf Israelis. Während die mit der Fatah verbundenen "Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden" Hamarshehs Angriff auf israelische Bürger für sich reklamierten, sprach der Hamas-Führer Ismail Hanija von einer "heroischen Attacke". Im Gegensatz dazu verurteilte der palästinensische Präsident Mahmud Abbas den Tod israelischer Zivilisten in einer Stellungnahme. Palästinenserchef Abbas wurde allerdings Berichten zufolge von Israels Verteidigungsminister Benny Gantz dazu gedrängt, den Terroranschlag vom Dienstagabend in Bnei Barak öffentlich zu verurteilen.

Nun besteht die Gefahr, dass auf diese bisher bekannten vier Anschläge weitere Nachahmertaten folgen. Polizeichef Kobi Shabtai rief bereits den höchsten Alarmzustand aus. Die Armee teilte mit, es würden nochmals zusätzliche Einheiten ins Westjordanland verlegt. Der israelische Premier Naftali Bennett rief zudem am Mittwochabend alle Bürger mit Waffenschein dazu auf, ihre Waffen zu tragen. Alle israelischen Sicherheitsflügel – der Shin Bet, die IDF, die israelische Polizei – haben ihre Geheimdienstoperationen erheblich verstärkt, um Angreifer zu identifizieren, bevor sie Angriffe durchführen, verkündete Bennett. Der Ministerpräsident sagte zuvor, die Sicherheitskräfte würden den "Terrorismus mit Hartnäckigkeit, Sorgfalt und eiserner Faust bekämpfen". Indes gibt es auch Forderungen nach einer "Operation Schutzschild 2" – in Anlehnung an die gleichnamige Militäroperation vor etwa zwanzig Jahren während der Zweiten Intifada.

Rund 1.000 zusätzliche IDF-Soldaten werden nun laut Jerusalem Post im Westjordanland und an der Grenze zum Gazastreifen stationiert. Der Minister für öffentliche Sicherheit, Omer Bar-Lev, kündigte die sofortige Rekrutierung von 300 Grenzpolizisten an und forderte die Öffentlichkeit auf, sich freiwillig für die Zivilgarde zu melden. Medienberichten zufolge gibt es bislang in Israel mindestens fünf Warnungen vor möglichen Terroranschlägen.

Laut Verteidigungsminister Benny Gantz ist das Verteidigungsministerium auf die "sofortige" Rekrutierung tausender Reservisten vorbereitet, die gemeinsam mit der Polizei auf den Straßen patrouillieren und überall dort agieren würden, "wo operatives Handeln erforderlich ist". Viele Palästinenser arbeiten ohne Genehmigung in Israel. Das israelische Sicherheitskabinett beschloss am Mittwoch, die Arbeitserlaubnis der Verwandten der palästinensischen Angreifer zu widerrufen.

Im Hintergrund schwelt längst die komplizierte Beziehung des jüdischen Staates zu israelischen Arabern. Das Vertrauen zwischen Juden und Arabern in Israel wurde im vergangenen Mai durch den letzten Waffengang zwischen Hamas und israelischer Armee stark untergraben. Hinzu kommt, dass die Opposition Öl ins Feuer gießt und rechtsradikale Israelis die Führer der israelischen Regierungskoalition angreifen. Somit hat die Regierung nicht viel Handlungsspielraum. Die Stimmung in Israel ist nach letzten Anschlägen aufgeheizt. Am Tatort in Tel Aviv riefen einige jüdische Israelis "Rache" und "Tod den Arabern". Einige beleidigten Premierminister Bennett als "Schwächling", in dessen heterogener Acht-Parteien-Koalition auch eine arabische Partei sitzt.

Die arabische Minderheit macht etwa 20 Prozent der rund neun Millionen Einwohner Israels aus. In vielen Städten ist die Bevölkerung gemischt, die arabische Bevölkerung ist vielen Diskriminierungen ausgesetzt. Die Koexistenz von Juden und Arabern in Israel ist immer schon fragil gewesen. Die Hamas ist mittlerweile in der Lage, wie sich im Zuge des letzten Konflikts mit Israel erweist, die tiefe Spaltung der israelischen Gesellschaft als neues Druckmittel gegen die israelische Regierung einzusetzen. 

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