Afghanistan: Letzte Bundeswehrsoldaten ausgeflogen, US-General warnt vor Bürgerkrieg

In der Nacht zum Mittwoch wurden die letzten Angehörigen der Bundeswehr aus Afghanistan ausgeflogen. Ihr Camp in Masar-e Scharif wurde an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben. Der Kommandeur der NATO-Truppen warnt vor einem "schrecklichen Bürgerkrieg".

In der Nacht zum Mittwoch wurden die letzten Soldaten der Bundeswehr aus Afghanistan abgezogen. Das Camp Marmal in der Stadt Masar-e Scharif wurde geräumt und an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben, wie die Bundeswehr mitteilte. Damit geht ihr verlustreichster und teuerster Auslandseinsatz zu Ende.

Die Soldaten wurden mit vier Militärmaschinen aus dem Feldlager ausgeflogen. Die letzte Maschine, eine A400M der Luftwaffe, verließ den afghanischen Luftraum um 21.24 Uhr. An Bord war der deutsche Kommandeur Ansgar Meyer. Die Soldaten wurden nach einem Flug über Georgien am Mittwoch in Deutschland erwartet.

59 deutsche Soldaten verloren in Afghanistan ihr Leben, 35 bei Anschlägen oder in Gefechten. Mehr als 12 Milliarden Euro kostete der Einsatz, der ursprünglich der Friedenssicherung dienen sollte und dann zum Kampfeinsatz gegen die Taliban wurde. Zuletzt war der Kernauftrag der NATO-Truppe die Ausbildung afghanischer Streitkräfte.

Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer ordnete den deutschen Einsatz mit diesen Worten ein: "Ein historisches Kapitel geht zu Ende, ein intensiver Einsatz, der die Bundeswehr gefordert und geprägt hat, bei dem sich die Bundeswehr im Kampf bewährt hat. Ein Einsatz, bei dem Angehörige unserer Streitkräfte an Leib und Seele verletzt wurden, bei dem Menschen ihr Leben verloren haben, bei dem wir Gefallene zu beklagen hatten", so die CDU-Politikerin.

Vor dem Beginn des Abzuges der Bundeswehr im Mai waren noch 1.100 Männer und Frauen in Afghanistan. Material im Umfang von 750 Seecontainern wurde auf dem Land- und Luftweg nach Deutschland zurückgebracht, darunter 120 Fahrzeuge und sechs Hubschrauber.

Zuletzt hatte sich die Sicherheitslage im Norden zugespitzt. Die militant-islamistischen Taliban hatten allein in der Provinz Balch, in der sich Camp Marmal befindet, im Juni mindestens sechs Bezirke erobert. Auch in der Nacht zu Mittwoch gab es Berichte über Kämpfe in der Provinz. Die Taliban haben seit Mai rund 90 der etwa 400 Bezirke des Landes erobert. Dabei wurden Hunderte Sicherheitskräfte der Regierung getötet, verwundet oder gefangen genommen.

Kommandeur der NATO-Truppen tief besorgt über drohenden Bürgerkrieg

Der Kommandeur der US- und NATO-Truppen in Afghanistan, General Austin Miller, warnte im Interview mit der Washington Post vor einem drohenden Bürgerkrieg. Er äußerte am Dienstag seine "tiefe Besorgnis", dass das Land in einen chaotischen Bürgerkrieg gleiten könnte, wenn die zersplitterte zivile Führung sich nicht verbindet. Die zahlreichen Gruppen, die sich gegenwärtig dem Kampf gegen die Taliban anschließen, müssten angeleitet und für ihre Aktionen in den Auseinandersetzungen verantwortlich gemacht werden.

General Miller sprach von "alten ethnischen Konflikten" und von "wildem Verhalten in den Gefechten". Er erinnerte an den Bürgerkrieg in Afghanistan in den 1980er Jahren und warnte, dass wieder "mit schrecklichen Verbrechen" zu rechnen sei.

Der Kommandeur betonte, dass der Abzug der US-Truppen nach Plan verlaufe und bis zum 11. September 2021 beendet sein werde.

Die Washington Post berichtete, dass der Vormarsch der Taliban besonders im Norden anhalte. Zuletzt hätten sie auch drei Provinzen um die Hauptstadt Kabul erobert. Nach Berichten in afghanischen Medien haben die Taliban 140 von 370 Bezirken erobert und sind in weiteren 170 aktiv. Die Regierung sowie das US-Militär gehen von niedrigeren Zahlen aus, schätzen die Gefahr eines weiteren Vormarsches jedoch als hoch ein.

Mehr zum Thema - NATO sucht in Katar nach Militärbasis zur Ausbildung afghanischer Truppen

(dpa/rt)