Studie zu Venezuela: US-Sanktionen schädigen massiv die Wirtschaft und treffen arme Bevölkerung

Eine aktuelle Studie belegt die verheerende Wirkung der US-Sanktionen auf Venezuela. Diese untergraben die Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten und Treibstoff und kreieren eine Notlage für die gesamte Bevölkerung. Die Ärmsten sind besonders betroffen.

Durch die US-Sanktionen wurden der venezolanischen Wirtschaft seit 2017 Einnahmeverluste von bis zu 31 Milliarden US-Dollar verursacht. Die Sanktionen verhindern dringend benötigte Importe – vor allem von Lebensmitteln, Medikamenten und Treibstoff. Sie verschärfen die wirtschaftliche Notsituation Venezuelas und treffen insbesondere den ärmsten Teil der Bevölkerung.

Diese Ergebnisse veröffentlichte das Washington Office on Latin America am 2. November in einer Studie. Der US-Thinktank beschreibt sich selbst als "führende Organisation im Bereich Verteidigung und Forschung zur Förderung der Menschenrechte in den Amerikas". Der Autor der Studie, Luis Oliveros, ist Ökonom an der Zentraluniversität in Caracas, Unternehmensberater und steht der venezolanischen Opposition nahe. Dennoch kritisiert er die US-Sanktionen deutlich, weil sie die Lebensgrundlage der venezolanischen Bevölkerung zerstören.

Die US-Sanktionen zielen primär auf eine Schädigung der venezolanischen Erdölindustrie und des staatlichen Erdölkonzern Petróleos de Venezuela. Ölexporte sollen verhindert werden. Damit soll die Finanzgrundlage des venezolanischen Staates untergraben und die Regierung von Präsident Nicolás Maduro unter Druck gesetzt werden. Langfristiges Ziel ist ein Regime Change. Bei der Präsidentschaftswahl 2019 haben die US-Regierung unter Präsident Donald Trump und zahlreiche andere NATO-Staaten den unterlegenen Oppositionskandidaten Juan Guaidó als "legitimen" Präsidenten anerkannt.

Der versuchte Umsturz war bislang erfolglos. Umso schärfer fallen die verhängten Sanktionen aus. Diese treffen die gesamte venezolanische Bevölkerung und insbesondere ihren ärmsten Teil. Die Einnahmeverluste der Erdölindustrie wirken sich direkt auf die Importmöglichkeiten des Landes aus.


Die Einnahmen aus den Erdölexporten wurden lange Zeit zur Deckung der Importe von Nahrungsmitteln, Treibstoff, Medikamenten und anderen grundlegenden Gütern verwendet", schreibt Oliveros in der Studie.


Im Jahr 2019 gingen die staatlichen venezolanischen Importe um 42 Prozent zurück, im Jahr 2020 um weitere 50 Prozent. 2012 und 2013 hatten sie ein Volumen von über zwei Milliarden US-Dollar, 2018 immerhin noch 860 Millionen. 2019 lagen sie nur noch bei 500 Millionen, 2020 bei 250 Millionen US-Dollar.

Diese Importe werden von der Regierung Venezuelas zur Grundversorgung der armen Bevölkerung benötigt. Darunter fällt auch das staatliche Nahrungsmittelhilfsprogramm CLAP (Comités Locales de Abastecimiento y Producción), in welchem notleidende Menschen mit Paketen aus überwiegend importierten Lebensmitteln (Getreide, Hülsenfrüchte, Öl unter anderem) beliefert werden. Ungefähr 75 Prozent der in Venezuela konsumierten Lebensmittel sind importiert.

Auch die Einfuhr lebensnotwendiger Medikamente wird durch die US-Sanktionen behindert. Der venezolanische Pharmaverband gibt an, dass mehr als 90 Prozent der medizinischen Bedarfsgüter importiert werden müssen. Der Rückgang der Importe verschlimmert den Zustand des Gesundheitssystems.

Bereits 2019 kam eine Studie des Center for Economic and Policy Research zu dem Ergebnis, US-Sanktionen könnten im Zeitraum von 2017 bis 2018 den Tod von etwa 40.000 Menschen in Venezuela mitverursacht haben:

Wir kommen zu dem Schluss, dass die Sanktionen sehr ernstzunehmenden Schaden an Gesundheit und Menschenleben zugefügt haben und noch weiter zufügen; darunter auch schätzungsweise 40.000 Todesfälle von 2017 bis 2018. Diese Sanktionen erfüllen den Tatbestand einer Kollektivstrafe an der Zivilbevölkerung nach der Genfer und Haager Konvention, die von den USA ebenfalls unterzeichnet wurden.

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