Äthiopien: Sexuelle Gewalt als Waffe gegen Frauen im Tigray-Konflikt

Äthiopische und eritreische Truppen haben laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International in der Konfliktregion Tigray hunderte Frauen und Mädchen vergewaltigt. Amnesty spricht von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Sechs Wochen lang schwiegen die Waffen in Äthiopien. Der Premierminister Abiy Ahmed forderte nun die Armee und verbündete Milizen zu einer weiteren, neuen Offensive gegen die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) auf.

In Tigray war im November letzten Jahres ein militärischer Konflikt zwischen der Zentralregierung und der TPLF ausgebrochen. Eritreische Truppen und Milizen aus der benachbarten Region Amhara hatten sich an die Seite der Zentralregierung Äthiopiens gegen die TPLF gestellt.

Seither sind zwei Millionen Menschen aus Tigray auf der Flucht, vier Millionen vom Hunger bedroht. Angeblich sollen sich beide Seiten verschiedener Kriegsverbrechen schuldig gemacht haben. 

Amnesty klagt nun an, dass sexuelle Gewalt in ihrer schwersten Form im Konflikt als Waffe in Tigray eingesetzt wurde. Hierzu veröffentlichte die Organisation einen Bericht und kommt anhand von Interviews mit 63 Überlebenden und Berichten von Gesundheitseinrichtungen vor Ort zu dem Schluss:

"Diese Verbrechen sind Kriegsverbrechen und mutmaßlich auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit."

Der Bericht hat das Zitat eines Opfers zum Titel: "Ich weiß nicht, ob sie wussten, dass ich ein Mensch bin." 

Zu den Verbrechen zählen: Vergewaltigungen, Gruppenvergewaltigungen, sexuelle Versklavung, die Verstümmelung von Genitalien. Die Opfer berichteten von verschiedensten Foltermethoden. Die Täter seien in den Äthiopischen Streitkräften (Ethiopian National Defense Force; ENDF), den Eritreischen Streitkräften (Eritrean Defense Force; EDF), regionalen Kräften wie der Amhara Regional Police Special Force (ASF) und der Fano  – einer nationalistischen Gruppierung innerhalb der Amhara-Miliz zu finden. Von den 63 Stellungnahmen der Opfer identifizierten 28 die Vergewaltiger unter den Regierungs-Streitkräften.

Amnesty fordert die Regierung nun auf, Angehörige der Streitkräfte und Milizen von sexueller Gewalt abzuhalten. Auch die Afrikanische Union müsse handeln und den Konflikt zum Thema im Friedens- und Sicherheitsausschuss machen. Der UN-Generalsekretär solle ein Expertenteam entsenden. 

Insgesamt 1.288 Fälle von sexueller Gewalt wurden zwischen Februar und April 2021 registriert. Die Dunkelziffer werde jedoch weit höher liegen. Einige wurden über Tage oder gar Wochen von ihren Peinigern festgehalten. Die Überlebenden leiden unter den physischen und psychischen Folgen der an ihnen verübten Verbrechen. Einige wurden nun auch positiv auf das HIV-Virus getestet.

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