Karin Kneissl: Die Rückkehr der Kohle

Erst vor einem Jahr beschlossen die Vertragsstaaten der UN-Klimakonferenz in Glasgow den allmählichen Ausstieg aus der Kohle. Doch der Kohleverbrauch steigt rasant. Die Kohle bleibt nicht nur aus geopolitischen Gründen weltweit ein wichtiger Teil des jeweils nationalen Energiemix.

Von Karin Kneissl

Als Winston Churchill im Jahr 1911, damals für die Admiralität zuständig, die englische Kriegsflotte von Kohle auf Diesel umstellen ließ, erntete er heftige Kritik seiner Regierungskollegen. Mit dem Hinweis, dass man doch über sichere heimische Kohlevorräte verfüge, Erdöl jedoch importiert werden müsste, warfen sie dem jungen aufstrebenden Politiker Churchill gleichsam vor, die Energiesicherheit Englands aufs Spiel zu setzen. Doch Churchill sollte Recht behalten, denn Großbritannien gehörte zu den Siegermächten, auch dank der gewonnenen Seeschlachten gegen Deutschland. Die Kohleindustrie machte mit dem Weltkrieg dem Erdölmarkt Platz, und dennoch verlor der Kohlebergbau nie völlig seine Bedeutung.

Der Bergbau und die Energiesicherheit 

Churchill interessierte sich für Technik und vor allem den revolutionären Umbruch im Transportwesen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dass Erdöl eine Zukunft haben würde, war ihm klar. Die Kohle hatte die industrielle Revolution 150 Jahre zuvor eingeläutet. Der Kohlebergbau in Wales legte den Grundstein für den Aufstieg Englands zur ersten Industrienation. Und in den frühen 1980er Jahren unter Premierministerin Margaret Thatcher wurden die Bergarbeiter-Streiks ziemlich brutal abgedreht. Großbritannien verabschiedete sich damals von der Industrie, die neue Ära einer Globalisierung wurde mit der Deregulierung des Finanzmarktes vorangetrieben.

Die Bedeutung der Kohlewirtschaft für die europäische Integration ist bekannt. Denn es waren die Kohle- und Stahlunion, die am Anfang der Römischen Verträge von 1957 standen. Aller Klimapolitik zum Trotz handelten viele EU-Mitglieder immer wieder Ausnahmen für ihren Kohlebergbau heraus. Dies trifft ganz besonders auf Polen zu. Doch wie die meisten Staaten weltweit verfügen auch die EU-Staaten über jeweils heimische Kohleminen. Dank der Kohle im jeweils nationalen Energiemix können viele Staaten in letzter Konsequenz immer wieder auf ihre Kohleminen zugreifen.

Anstatt Energieträger zu importieren, lässt sich Kohle unter nationaler Kontrolle abbauen und verarbeiten. Die beiden bevölkerungsreichsten Staaten China und Indien könnten ihre nationale Energieversorgung und vor allem die Stromproduktion ohne Kohle kaum sicherstellen. In beiden Ländern hält die Kohle immer noch einen Anteil von weit über 50 Prozent im jeweils nationalen Energiemix.

Auch die USA hatten nie die Absicht, einen Kohleausstieg vollständig vorzunehmen. Jede US-Administration führt den Kohlebergbau als einen Teil der Energiesicherheit an. Die Verstromung aus Kohle beträgt rund 30 Prozent. "King Coal", wie dieser Energieträger im angelsächsischen Raum oft respektvoll genannt wird, wurde zwar oft totgesagt, aber feiert doch regelmäßig ein Comeback.

Die russische Kohleindustrie durfte stets arbeiten 

Während in den letzten Jahren auf Basis der Pariser Klimakonvention aus dem Jahre 2015 viele Staaten in der nordwestlichen Hemisphäre nur mehr nach einer Klimapolitik anstelle einer Energiepolitik trachteten, modernisierte Russland auch seine Kohleindustrie und setzte auf diesen Energieträger. Präsidentin Wladimir Putin bekannte sich im Herbst 2021 klar zu dem Ausbau der russischen Kohleindustrie.

Unter den fossilen Energieträgern zählen die Braun- und die Steinkohle zu jenen mit den höchsten Emissionswerten. Doch die Technik macht Fortschritte und relativ saubere Kohlekraft für die Stromerzeugung existiert bereits. Im Jahr 2020 hatte Russland an der weltweiten Kohleförderung einen Anteil von rund fünf Prozent – und gehörte zugleich mit einem Exportvolumen von 199 Millionen Tonnen zu den drei größten Kohleexporteuren weltweit. Nur Indonesien und Australien exportierten 2020 mehr Kohle als Russland.

Russische Kohle wurde als erster Energieträger von der EU mit einem Importstopp belegt. Deutschland, das 50 Prozent seiner Steinkohleimporte aus Russland bezieht, schloss sich im April diesem Sanktionsbeschluss an, allerdings mit einer Übergangsfrist von vier Monaten. Weil damals – also vor einem halben Jahr – noch die EU-Linie war, dass die russische Energiewirtschaft von den EU-Sanktionen nicht berührt werden sollte. Doch es ging dann Schlag auf Schlag. Dem Ölembargo, das am 5. Dezember in Kraft tritt, folgten die EU-Beschlüsse, aus russischem Erdgas auszusteigen bzw. wichtige Pipelines nicht zu bedienen.

Glasgow und der Kohleausstieg

Angesichts der künstlichen Angebotsverknappung wichtiger Energiequellen durch die EU und die USA steigen die Preise für diese global gehandelten Güter. Kaum ein Gut ist globaler als Erdöl, das seit bald 100 Jahren weltweit per Öltanker vertrieben wird. Erdöl findet dadurch stets seinen Weg zu Kunden. Wenn die Europäer kein russisches Erdöl mehr kaufen wollen, dann finden sich Kunden aus Indien oder gar Saudi-Arabien.

In Zeiten dieser künstlich geschaffenen Energiekrise wird auch auf die Kohle wieder stärker zurückgegriffen. Selbst wenn man sich vor genau einem Jahr im schottischen Glasgow bei der 27. Vertragskonferenz unter UNO-Ägide zwecks Klimaschutz auf ein "outphasing", also einen allmählichen Ausstieg aus der Kohlekraft mittels Kompromisses verständigt hatte. Von einem regelrechten Ausstieg wollten viele wichtige UNO-Staaten nichts wissen. Denn die Bedeutung der Kohle als relativ günstiger und vor allem leicht verfügbarer Rohstoff ist jedenfalls den Regierungen in Indien, Südafrika, Brasilien oder eben China klar, nicht aber den EU-Staaten. Das Blatt hat sich indes gewendet: Auch in der EU wird dringend an der Reaktivierung eingemotteter Kohlekraftwerke gearbeitet.

Hierzulande geht es um Kohlekraftwerke, die nach den Plänen für den Kohleausstieg 2022 und 2023 normalerweise außer Betrieb gehen sollen. Kraftwerke, die bislang als Netzreserve dienen, also eigentlich zur Stabilisierung der Stromnetze, sollen ebenfalls zur Produktion genutzt werden. Kohlekraftwerke aus der Sicherheitsbereitschaft, die bislang also nur im äußersten Notfall wieder hochgefahren werden dürfen, gehören ab dem 1. Oktober der neu geschaffenen Versorgungsreserve an.

Das mediale Spektakel von Glasgow mit seinen Vorschlägen zum Abschied von der Kohle scheint nun Schnee von gestern zu sein. Die nächste Folgekonferenz steht vor der Tür und wird in dem ägyptischen Badeort Scharm el Scheich abgehalten. Indes stiegen die Kohlemissionen im laufenden Jahr auf neue Rekordhöhen.

Der libanesische Schriftsteller Khalil Gibran verfasste einst jenen Spruch in englischer Sprache:

"Perhaps time's definition of coal is the diamond."

(Vielleicht ist die Definition der Zeit von Kohle der Diamant).

Ob Kohle, Erdöl oder eben der Diamant – es sind Kohlenwasserstoffe, und damit die in der Natur am häufigsten anzutreffende chemische Verbindung. Die Zeit wird relativ bald für Deutschland weisen, wie sich der Abschied von diesen Energieträgern auswirkt. Die Menschen werden sich um das Brennholz streiten.

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