Von Hans-Ueli Läppli
Über Wladimir Putin wird in den Schweizer Medien nahezu täglich berichtet – heute etwa mit der Behauptung, Putin sei für den Ansturm von Migranten in Ceuta verantwortlich. Kaum ein internationales Thema wird in Schweizer Redaktionen derart intensiv und kontrovers behandelt. Selbst im Zusammenhang mit der Schweizer Neutralitätsinitiative reicht die Berichterstattung inzwischen so weit, dass sogar die Zeit über RT DE berichtet – inklusive Hans-Ueli Läppli.
Kritische Berichterstattung über Russland ist selbstverständlich legitim. Doch gerade bei einem derart polarisierenden Thema lohnt sich der zweite Blick: Was steht tatsächlich im Artikel? Welche Quellen werden verwendet? Welche Fakten bleiben unerwähnt? Und an welchem Punkt wird aus Berichterstattung bereits Interpretation?
Genau hier setzt Anti-Tagi an. Die neue Medien-Watchdog-Kolumne von RT DE nimmt die Schweizer Berichterstattung über Russland unter die Lupe. Wir prüfen Schlagzeilen, hinterfragen Narrative, vergleichen Darstellungen und schauen genauer hin, wenn politische Sprachakrobatik oder ideologische Scheuklappen die Fakten zu überlagern drohen.
Anti-Tagi ist dabei kein "Gegen-Tagi". Wir behaupten nicht automatisch das Gegenteil. Wir prüfen, vergleichen und widersprechen dort, wo es etwas zu widersprechen gibt.
Nicht einfach nachplappern. Nachprüfen!
Immer Putin? Ceuta zeigt vor allem Europas eigenes Migrationsproblem
72'000 Migranten erreichen in kurzer Zeit Ceuta – und schon wird im Schweizer Boulevard Putin als Drahtzieher präsentiert. Doch der entscheidende Beweis fehlt: Dass Telegram-Kanäle möglicherweise Desinformation verbreitet haben, bedeutet noch lange nicht, dass der Kreml den Massenansturm verursacht oder organisiert hat.
Zwischen einem Beitrag auf Telegram und der tatsächlichen Entscheidung Zehntausender Menschen liegen mehrere ungeklärte Schritte. Trotzdem wird aus vagen "Hinweisen" eine weitreichende Behauptung: Putin wolle Europa gezielt mit Migration spalten.
Dabei liegen die naheliegenden Fragen direkt vor Europas Haustür: Warum konnte eine solche Massenbewegung an der spanisch-marokkanischen Grenze überhaupt entstehen? Welche Verantwortung tragen Spanien und die EU für den Schutz ihrer Aussengrenzen? Und warum protestieren Zehntausende Spanier gegen die eigene Migrationspolitik?
Es ist immer einfacher, Putin für Europas Probleme verantwortlich zu machen, als sich mit den eigenen politischen Fehlern auseinanderzusetzen. Russland darf für nachgewiesene Desinformation kritisiert werden – aber aus einzelnen Telegram-Beiträgen automatisch eine Kreml-Operation zu konstruieren, ist keine Analyse, sondern ein politischer Reflex.
Hans-Ueli Läppli – jetzt sogar als James Bond
Die Zeit macht Läppli zum Beispiel für Russlands angeblichen "hybriden Krieg" gegen die Schweiz. Seine Kritik an den Russland-Sanktionen und an der Schweizer Medienwelt wird dabei weniger inhaltlich widerlegt als geopolitisch eingeordnet: Wer SVP- oder AfD-nahe Positionen vertritt oder veröffentlicht, erscheint schnell als Teil einer Kreml-Operation.
Aus einem investigativen Journalisten wird so rhetorisch ein Bösewicht – nicht weil seine Argumente widerlegt wären, sondern weil sie aus der falschen Richtung kommen. Warum nicht die Argumente bekämpfen, statt den Autor zum Teil einer russischen Einflussoperation zu erklären? Sonst wird jeder unbequeme Kritiker irgendwann zum "Putin-Agenten".
Schweizer Komiker wollte Ausländer verteidigen – der Witz ging nach hinten los
Der Schweizer Schauspieler, Kabarettist und Komiker Mike Müller darf selbstverständlich auch über die dunkelsten Kapitel der Gesellschaft Witze machen – über Amokläufe, Täter und sogar über Tote; die Freiheit des Humors lebt gerade davon, dass sie nicht an der Eingangstür der Pietät endet.
Doch Freiheit entbindet einen Künstler nicht von der Frage, ob eine Pointe zum richtigen Zeitpunkt kommt. In Aarau ist das Opfer noch nicht einmal beerdigt, eine Mutter trauert um ihre Tochter, und eine Familie versucht, mit einer unvorstellbaren Tragödie weiterzuleben. Ausgerechnet in diesem Moment über die Herkunft des Täters zu scherzen, wirkt weniger mutig als vielmehr erstaunlich unsensibel.
Das Problem ist deshalb nicht, dass Müller einen Witz gemacht hat – schwarzer Humor darf Grenzen überschreiten –, sondern dass die Pointe schlicht nicht trägt. Vielleicht ist nicht der schwarze Humor das Problem, sondern einfach schlechter Humor zur falschen Zeit. Freiheit bedeutet schliesslich nicht, dass eine Pointe automatisch eine gute Pointe ist.
Mehr zum Thema – Anti-Tagi: Medien-Watchdog mit Biss – heute: NZZ-Russland-Lügen, Blick-Hysterie, SRF-AfD-Bashing