Energiewende ohne Plan: Schweiz ringt um Versorgungssicherheit

Während die Schweiz alte Kernkraftwerke stilllegt und erneuerbare Kapazitäten noch wachsen müssen, ist Europa durch den Verzicht auf russisches Gas verwundbarer geworden. Der Iran-Krieg treibt Öl- und Gaspreise weltweit nach oben und belastet die Energiemärkte – mit Folgen auch für Schweizer Strom- und Importkosten.

Die Schweiz verfügt über eines der zuverlässigsten und zugleich CO₂-ärmsten Stromsysteme Europas. Wasserkraft bildet das Rückgrat, ergänzt durch Kernenergie sowie einen dynamisch wachsenden Anteil erneuerbarer Energien.

Eine aktuelle Analyse des Energiekonzerns Axpo zeigt jedoch, dass diese Erfolgsgeschichte zunehmend unter Druck gerät, insbesondere mit Blick auf die künftige Winterversorgung und die Rolle der Kernenergie.

Im Jahr 2024 erreichte die inländische Stromproduktion mit 75,7 Terawattstunden einen Höchststand. Rund 60 Prozent stammen aus Wasserkraft, weitere knapp 30 Prozent aus Kernkraftwerken. Photovoltaik und andere erneuerbare Quellen gewinnen an Bedeutung, machen aber erst gut ein Zehntel der Produktion aus.

Trotz dieser komfortablen Jahresbilanz bleibt die Schweiz strukturell auf Stromimporte angewiesen. Während im Sommer Überschüsse exportiert werden, entsteht im Winter eine Versorgungslücke.

Geringere Wasserzuflüsse und eine schwächere Solarproduktion treffen dann auf eine erhöhte Nachfrage. Diese sogenannte Winterlücke gilt seit Jahren als zentrale Schwachstelle des Systems.

Der Strombedarf dürfte in den kommenden Jahren weiter steigen. Treiber sind die Elektrifizierung des Verkehrs, der Ausbau von Rechenzentren sowie das Bevölkerungswachstum.

Gleichzeitig stehen bedeutende Produktionskapazitäten vor dem Aus: Die Kernkraftwerke Beznau I und II sollen 2032 und 2033 vom Netz gehen.

Vor diesem Hintergrund hat Axpo zwei Versorgungsszenarien entwickelt. Beide gehen davon aus, dass die Schweiz weiterhin in den europäischen Strommarkt eingebunden bleibt und auf Importe zurückgreifen kann.

Im ersten Szenario würden neue Gaskraftwerke die entstehende Lücke schließen. Diese könnten flexibel eingesetzt werden, insbesondere in Spitzenzeiten im Winter. Im zweiten Szenario setzt Axpo auf den Bau neuer Kernkraftwerke.

Eine klare Präferenz spricht der Konzern jedoch nicht aus. Zwar bezeichnet Axpo neue Kernkraftwerke als prüfenswert, verweist jedoch auf erhebliche Unsicherheiten. Dazu zählen hohe Investitionskosten, lange Planungs- und Bauzeiten sowie politische und regulatorische Hürden.

Als realistischer gilt ein dritter, pragmatischer Ansatz: der Ausbau der Solarenergie und der Wasserkraft in Kombination mit einem verlängerten Betrieb der bestehenden Kernkraftwerke Gösgen und Leibstadt. Ergänzend sollen Reservekapazitäten in Form von Gaskraftwerken geschaffen werden, um kurzfristige Engpässe abzufedern.

Kernenergie bleibt politisch umstritten

Der Bau neuer Kernkraftwerke ist in der Schweiz derzeit gesetzlich untersagt. Mit der sogenannten "Blackout-Initiative" sowie einem Gegenvorschlag des Bundesrates steht dieses Verbot jedoch zur Diskussion. Eine Volksabstimmung dürfte darüber entscheiden, ob die Kernenergie langfristig wieder eine Option wird.

Technologisch sieht Axpo vor allem Reaktoren der Generation III+ als realistische Option. Kleinere modulare Reaktoren (SMR), die international häufig als Zukunftslösung gehandelt werden, befinden sich laut der Studie noch in einem frühen Entwicklungsstadium und spielen für die Schweiz derzeit keine Rolle.

Selbst unter optimistischen Annahmen könnte ein neues Kernkraftwerk frühestens um 2050 in Betrieb gehen. Die finanziellen Dimensionen sind erheblich: Die Baukosten werden auf mindestens 7 bis 10 Milliarden Franken geschätzt, die Gesamtkosten über die Lebensdauer könnten sich auf bis zu 150 Milliarden Franken belaufen. Ohne staatliche Unterstützung erscheint ein wirtschaftlicher Betrieb kaum realistisch.

Die Axpo-Analyse bietet konkrete Einschätzungen zu Machbarkeit, Kosten und Risiken verschiedener Energieoptionen. Die Schweizer Stromversorgung bleibt zwar stabil und CO₂-arm, doch steigender Bedarf, die Abschaltung alter Kernkraftwerke und die Winterlücke stellen wachsende Herausforderungen dar. Ohne gezielte Investitionen und politische Entscheidungen lässt sich die Versorgungssicherheit kaum langfristig sichern.

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