Gelebt, gekämpft und bereit, für Russland zu sterben: Wie ein junger Autor zum Soldaten wurde

Ein junger Schriftsteller und Autor, der zum Soldaten wurde und gegen die Ukraine zu den Waffen griff, erzählt RT seine Geschichte. Nun plant er, ein Buch über diesen Krieg zu schreiben.

Von Dmitri Plotnikow

Der Krieg in der Ukraine lockt alle möglichen Menschen an die Front, auch kreative Menschen. Wladislaw Jefremow war einer von ihnen. Vor Ausbruch der Feindseligkeiten lebte er in Sankt Petersburg und arbeitete im Journalismus. Im März 2022 "tauschte er die Schreibfeder gegen das Schwert" und ging als Freiwilliger an die Front, wo er bis April 2023 im Einsatz war und am Ende im Kampf ein Bein verlor. Nun plant er, ein Buch über seine Erfahrungen zu schreiben.

Wladislaw teilte mit RT seine Gedanken darüber, was junge Menschen dazu inspiriert, freiwillig in die Schützengräben zu ziehen, über den Alltag der Soldaten auf den Schlachtfeldern im Donbass und über die neue Generation von Kriegsautoren.

"Ich fühlte mich immer schon zum Krieg hingezogen"

RT: Warum hast dudich entschieden, als Freiwilliger an die Front zu gehen?

Wladislaw Jefremow: Ich war schon immer ein eigenartiger junger Mann. Zur Zeit der russischen Militärintervention in Syrien hatte ich als Kriegsberichterstatter dorthin gewollt. Später hatte ich gelegentlich daran gedacht, in den Donbass zu gehen. Aber im Jahr 2014 war ich erst 19 Jahre alt gewesen, und man hatte 21 sein müssen, um als Freiwilliger dort zu kämpfen. Schließlich, nach 2015, hatten im Donbass die regelmäßigen aktiven Feindseligkeiten zusehends nachgelassen, weshalb es dort nicht viel zu tun gegeben hatte. Solange die Minsker Vereinbarungen in Kraft gewesen waren, war es den Volksmilizen nicht gestattet gewesen, den ukrainischen Gegner anzugreifen. Die Männer, die in dieser Zeit dort gedient hatten, erzählten mir, dass ihre schweren Waffen versiegelt waren, damit niemand damit schießen konnte. Jedenfalls nagte seither ein "ungelöster Zwiespalt" an mir.

Als der derzeitige Krieg im Februar 2022 begann, war ich zu Hause in Sankt Petersburg und quälte mich mit dem Gedanken, dass ich dort rumsaß und selbst nichts beitragen konnte. Alles, was ich tat, fühlte sich sinnlos an – Artikel schreiben, an der Wohnung handwerkeln, zu Hause rumsitzen. Mein gewöhnliches Leben schien im Vergleich zu dem, was in der Ukraine geschah, bedeutungslos. Ich war bereit, jede Rolle dort anzunehmen und Kriegsjournalist, humanitärer Freiwilliger oder Soldat zu werden. Am Anfang hatte ich Lust, dort Journalismus zu betreiben, da mir dies Spaß machte und ich Erfahrung in diesem Bereich hatte. Ich wollte für die Medien arbeiten, jedoch in einem militärischen Kontext. Aber eigentlich bin ich dann Soldat geworden.

RT: Wie kamst du zur Armee?

WJ: Das ist eine unglaubliche Geschichte. Es war in den frühen Tagen des Konflikts, als man aufgrund von Beschränkungen durch das Coronavirus die Grenze zur Volksrepublik Donezk (DVR) noch nicht passieren konnte. Die einzige Möglichkeit, da rüberzumachen, bestand darin, entweder dort Verwandte zu haben oder in der DVR einer Arbeit nachzugehen. Die Leute von der Partei "Das andere Russland" halfen mir schließlich, über die Grenze zu gelangen und der Volksmilizen der DVR beizutreten. Sie sagten mir, ich solle nach Rostow am Don fahren und dort auf weitere Anweisungen warten.

Ich packte also meine Sachen, wusste aber nicht einmal, was ich im Krieg brauchen würde. Also packte ich eine taktische Weste, Thermounterwäsche und ein paar Klamotten ein. Später, für meine dritte Kampftour in den Donbass, kaufte ich Ausrüstung im Wert von einer halben Million Rubel ein – zum aktuellen Wechselkurs etwa 5.000 Euro –, aber während dieser ersten Tour gab ich höchstens 20.000 Rubel aus – knapp 200 Euro.

Unterwegs traf ich einen 18-Jährigen, der sich ebenfalls ehrenamtlich engagieren wollte, aber nicht wusste, was er tun sollte. Er wollte eigentlich nur erst mal nach Rostow fahren, um zu sehen, wie es von dort aus weitergehen könnte. Ich fand den Kerl wirklich aufgeweckt und beschloss, ihn mitzunehmen. Später sollte ich erleben, dass mein Bauchgefühl mir Recht gegeben hatte – er entpuppte sich als großartiger Kämpfer.

Um die Grenze überqueren zu können, erhielten wir Arbeitsverträge, in denen stand, dass wir als Rechtsassistenten in Makejewka arbeiten würden, das ist eine Satellitenstadt von Donezk. Wir schlossen uns der Internationalen Brigade Pjatnaschka an und waren die ersten Freiwilligen, die mithilfe der Partei "Das andere Russland" an die Front kamen. Wir öffneten sozusagen die Büchse der Pandora, denn später schlossen sich auch die meisten Mitglieder dieser Partei als Freiwillige unserer Einheit an.

"Man muss ganz anders kämpfen"

RT: Wie verlief dein Dienst in der Brigade Pjatnaschka? Was für Kampfeinsätze hattest du?

WJ: Nun, welche Art von Missionen können Penner haben? (lacht). Wir waren in der Nähe von Awdejewka stationiert. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Kampfeinsatz. Wir kamen auf einem Feld an, und da war ein Unterstand, wo wir unsere Sachen reinschleppten; es war Nacht, und man konnte nichts sehen. Unsere Aufgabe war es, diese Position zu halten. Wenn der Feind angreifen sollte, so drohte uns der sichere Tod, aber wenn möglich, sollten wir das Hauptquartier über das Geschehen informieren. Unsere Verteidigungsbemühungen hätten einen ukrainischen Angriff höchstens um zehn Minuten verzögert.

Bei unseren Kampfeinsätzen ging es meistens darum, an einem bestimmten Ort anzukommen und einfach dort zu sein oder Wachdienst zu leisten. Es war weder wirklich lustig noch interessant. Außer, dass ich mich daran erinnere, wie wir einmal einem gezielten Angriff durch Mörser ausgesetzt waren. Oder dann war da die Zeit, in der ich hauptsächlich kaputte Kabel reparierte – wir wurden ja ständig von Artillerie angegriffen, und die Kabel wurden von den Granatsplittern zerfetzt. Aber hauptsächlich bestand unsere Aufgabe darin, unter ständigem Beschuss im Schlamm rumzusitzen.

Das Einzige, was während diesen ersten Kampferfahrungen hervorstach, waren die Ereignisse im Industriegebiet von Awdejewka, wo die Kämpfe auch während der Minsker Vereinbarungen nie aufgehört hatten. Dort war eine Gruppe Freiwilliger aus Abchasien, und nach dem ersten Gefecht wurde zwei jungen Männern aus der Gruppe klar, dass Krieg nicht wirklich ihr Ding ist. Also befahl das Kommando, deren Positionen mit anderen Kämpfern zu besetzen. Aus irgendeinem Grund schickten sie mich und meinen – inzwischen gefallenen – Kameraden, der das militärische Rufzeichen "Lette" verwendete und noch nie zuvor an einem Feuergefecht teilgenommen hatte. Unsere einzige Kampferfahrung beschränkte sich bisher darauf, unter Beschuss dazusitzen.

Im Industriegebiet von Awdejewka wurde ständig geschossen. Wir befanden in einem kleinen befestigten Schützengraben, Granaten flogen über uns hinweg, es war dunkel, wir konnten nichts sehen und lediglich die Schüsse hören und die Lichtblitze der Explosionen sehen. Damals fragte ich mich oft, wie es sein kann, dass ich noch nicht getötet worden war. Das war eine harte Mission.

Einmal haben wir sogar an einem echten Angriffseinsatz teilgenommen. Am Abend zuvor wurde unsere Einheit zusammengestellt und uns wurde nur gesagt, dass wir am nächsten Morgen um vier Uhr morgens aufstehen und Waffen entgegennehmen sollen. Aber dieser Angriff war ein völliger Fehlschlag. Niemand wusste, was geplant war, wir sprangen einfach in die Lastwagen und wurden in der Nähe von Awdejewka abgesetzt. Erst später wurde mir klar, dass man ganz anders kämpfen muss. Aber so funktionierten die Einheiten der Freiwilligen damals. Im Allgemeinen hatten beide Seiten wenig Erfahrung, und man konnte Fehler machen, die der Krieg, wie er heute geführt wird, nicht verzeihen würde. Damals konnte man als unprofessioneller Soldat noch schlecht kämpfen und trotzdem überleben.

Ungefähr zehn Stunden lang lagen wir unter wiederholtem Beschuss. Dann kam der Lastwagen zurück, holte uns ab, und uns wurde gesagt, dass wir zum Stützpunkt zurückkehren würden, weil die Artillerie schlechte Arbeit leistete, die gepanzerten Fahrzeuge beschädigt waren und der Angriff nicht durchgeführt werden konnte. Ich bin dem Kommando für diese Entscheidung sehr dankbar. Allerdings war unser Vorgehen im Großen und Ganzen nicht wirklich professionell. Nachdem ich verwundet worden war, beschloss ich, die Einheit zu verlassen.

"Ich war ständig in einem Adrenalinrausch"

RT: Aber du hast dich entschieden, in der Armee zu bleiben?

WJ: Ja, aber mir wurde klar, dass ich einer professionelleren Einheit beitreten muss. Bei Pjatnaschka begann ich, den Umgang mit Drohnen zu üben, kaufte mir dann eine und verfeinerte meine Fähigkeiten zunehmend. Das nächste Mal, als ich an die Front ging, ging ich als Drohnenpilot im Rahmen der Einsätze der Spezialeinheit Troy. Das war eine wirklich coole Erfahrung.

Vor Ort wurden wir von der Hauptdirektion des Nachrichtendienstes empfangen. Sie sagten uns, sie benötigen einen Drohnenpiloten – und so ging ich mit ihnen. Infolgedessen lebte ich mit den Jungs von der Feindaufklärung zusammen, die hatten ihr eigenes Lager. Ich verwendete die Drohne, um feindliche Kräfte aufzuspüren, die Artillerie zu korrigieren und Granaten über feindliche Stellungen abzuwerfen. In dieser Einheit hatte ich das Gefühl, wirklich gebraucht zu werden. Was hatte ich hingegen in der vorherigen Einheit gemacht? Ich hatte unter Beschuss in einem Unterstand gesessen und nicht mal den Feind zu Gesicht bekommen. Aber hier sah ich, dass ich nützlich war, und wollte nicht einmal mehr in die Rotation gehen. Doch leider wurde diese Einheit aufgelöst.

RT: Was hast du dann als Nächstes getan?

WJ: Mir wurde klar, dass ich weiterkämpfen wollte. Meine zweite Fronttour in den Donbass hat gezeigt, dass mir der Kampf im Allgemeinen gefällt. Während meines dritten Kampfeinsatzes schloss ich mich der freiwilligen Einheit der "Imperialen Legion" an. Was das Training anging, lief alles bestens – wir haben sowohl vor dem Aufbruch an die Front als auch später regelmäßig geübt.

Ich lernte ständig etwas Neues, arbeitete mit neuer Ausrüstung, verschiedenen Waffentypen und bewegte mich in verschiedenen Arten von Befestigungen. Wir haben ständig das Schießen trainiert, wodurch ich allein durch diese Trainings mehr Schießpraxis erwerben konnte als bei den bisherigen Kampfeinsätzen zusammengenommen.

Irgendwann fanden wir uns in der Nähe von Ugledar wieder. Ich war dort Drohnenpilot, und es hat mir in Ugledar auch sehr gut gefallen. Ich war ständig in einem Adrenalinrausch, immer mit etwas beschäftigt, drehte mich wie ein Hamster im Rad und saß nie still. Zu diesem Zeitpunkt versuchten russische Truppen in der Gegend, Ugledar zu stürmen. Wir beteiligten uns auch an der Angriffsaktion. Wir waren rund um die Stadt in Feldern und Wäldern positioniert. Ohne den Schutz durch Nebelwände konnten wir uns nicht bewegen, da Ugledar auf einem Hügel liegt und von unserer Position aus einer Festung ähnelte. Von dort flogen ständig Drohnen ein – die Ukrainer hatten viele davon –, und wir gerieten ständig unter Artilleriefeuer.

Überall waren Drohnen. Beide Seiten nutzten sie zum Abwerfen von Granaten und zur Korrektur und Lenkung von Artillerie, Panzern und Mörsern. Wir haben die Drohnen im Grunde dazu benutzt, einander zu zermürben. Dieser Kampfeinsatz war sehr interessant, aber er war kurz, weil ich auf eine Mine trat und ein Bein verlor. 

Ich bereue nichts. Ich muss für den Rest meines Lebens eine Prothese tragen. Aber ich habe getan, was ich tun musste, und ich habe es gut gemacht. Ich bin ein glücklicher Mensch, einfach weil die meisten Menschen ein bedeutungsloses Leben führen, während ich einen Sinn im Leben hatte und immer noch habe. Ich habe gelebt, gekämpft und war bereit, für Russland zu sterben. Aber ich lebe weiter.

"Niemand möchte mehr im wirklichen Leben 'Call of Duty' spielen"

RT: Du hast den Konflikt in seinen Anfängen erlebt und bist dann fast ein Jahr später an die Front zurückgekehrt. Wie hat sich die Situation an der Front in diesem Jahr verändert?

WJ: Erstens hat der Einsatz von Drohnen dramatisch zugenommen. Ständig brummt etwas über deinem Kopf, ständig beobachtet dich jemand. Diese Drohnen werden immer häufiger eingesetzt, und ich denke, dass dies einen großen Einfluss darauf haben wird, wie wir in Zukunft kämpfen werden. Man muss beispielsweise besser darin werden, sich zu verstecken. Aber selbst das hindert eine Drohne nicht daran, direkt in den Unterstand zu fliegen und ihn in die Luft zu jagen. Man kann sich nirgendwo mehr wirklich verstecken, die Drohnen sind klein und schnell. Selbst kann man halt nur nur so schnell rennen, wie man eben kann, und hoffen, dass die Drohnen einem nicht auf den Fersen ist.

Einer meiner Kameraden war bei der Gruppe Wagner und kämpfte in der Nähe von Artjomowsk (Bachmut). Zweimal sah er persönlich, wie Drohnen Fahrzeuge mit verwundeten Kämpfern trafen, die hätten evakuiert werden sollen und die der Feind gezielt ins Visier genommen hatte. Drohnen werden in Massenproduktion hergestellt, sie sind billige Trommelmunition geworden. Dies bedeutet, dass die Feldbefestigung an Bedeutung verliert und militärische Ausrüstung noch leichter zerstört werden kann.

Nach meiner zweiten Fronttour wurde mir klar, dass es in diesem Krieg zwei Arten von Menschen gibt – diejenigen, die die Drohnen steuern, und diejenigen, die sich vor ihnen verstecken. Dieser Trend verstärkt sich von Monat zu Monat, und bald werden wir an einem Punkt angelangt sein, an dem Drohnenpiloten gegen andere Drohnenpiloten kämpfen. Wer wird unter solchen Umständen den Rest der Armee brauchen? Warum viel Geld in die Wartung und den Betrieb eines Panzers investieren, wenn er von einer billigen Drohne in die Luft gesprengt werden kann, die jederzeit startbereit ist?

Dahin entwickelt sich der Kampf. Wir sind ständig auf der Suche nach neuen Waffen, und wenn sie sich als effektiv erweisen, werden sie auf dem Schlachtfeld eingesetzt, während die alten Waffen der Vergangenheit angehören. Beispielsweise ist der Einsatz von Schützenpanzern, die den Vormarsch der Infanterie abdecken sollen, heutzutage kaum noch möglich. Jetzt sind es nur noch Maschinengewehre, die in Bewegung sind, und Fahrzeuge zur Evakuierung von Verwundeten. Dasselbe gilt für Panzer. Wenn sie mit genügend Sprengstoff beladen sind, zerstören Drohnen ohne Weiteres schweres Gerät – und nichts kann sie aufhalten.

Natürlich werden für jeden neuen Angriffsmechanismus auch neue Schutzmechanismen entwickelt. Dies wird zu einem technischen Krieg zwischen Entwicklern von Drohnen und den Entwicklern von Drohnenabwehr und Anti-Drohnen-Geschützen führen. Der Krieg wird immer technischer und professioneller. Es braucht keine Laienkämpfer mehr – so, wie es auch keinen wirklichen Bedarf an gewöhnlichen Soldaten mit Maschinengewehren gibt. Während meiner drei Kampfeinsätze habe ich zum Beispiel nie ein Maschinengewehr so benutzt, wie es verwendet werden sollte, und ich habe selten gehört, dass jemand damit einen Feind erschossen hat.

Sogar Sturmtruppen versuchen, so wenig wie möglich direkt das Feuer zu eröffnen. Heutzutage weiß fast jeder, dass, wenn der Feind sich in einem Gebäude befindet, dieses mit Artilleriefeuer zusammengeschossen werden muss und man nicht hineingehen und versuchen darf, das Gebäude stürmen. Man betritt ein Gebäude nur, um zu bestätigen, dass es leer oder gesäubert ist. Aber auch dann werden Granaten eingesetzt.

Niemand möchte mehr im wirklichen Leben "Call of Duty" spielen, es ist sinnlos geworden. Es ist einfacher, den Feind solange mit Granatwerfern niederzuringen, bis er kein Lebenszeichen mehr von sich gibt – und erst dann eine Aktion zur Sicherung und Säuberung des Gebäudes zu lancieren. In dieser Hinsicht funktionieren gewisse Waffentypen viel besser als individuelle Waffen. Die beste Angriffsoperation ist jedoch immer jene, die nicht stattgefunden hat.

"Ich hoffe, dieser Krieg führt nicht zu einem weiteren Erich Maria Remarque"

RT: Zurück an der Front hast du angefangen, Geschichten zu schreiben, und viele andere Kämpfer betreiben auch Telegram-Kanäle. Handelt es sich hierbei nur um reine Selbstreflexion der Soldaten, oder ist Prosa an vorderster Front von gesellschaftlicher Bedeutung?

WJ: Sie ist sicherlich von gesellschaftlicher Bedeutung. Der Krieg ist eine Welt für sich, und nur wenige Menschen kommen damit in Berührung. Gleichzeitig hat er eine eigene Ausstrahlung und erregt Aufmerksamkeit. Die meisten Menschen möchten verstehen, was Krieg ist, was dort vor sich geht und wie er sich tatsächlich abspielt.

Ich glaube nicht, dass Kriegsprosa zum Moralisieren genutzt werden sollte. Vielmehr gibt es den Menschen einen Einblick in eine Welt, die sie nie erleben werden, die sie aber verstehen wollen. Die Nachfrage schafft ihr eigenes Angebot, und ich gehe davon aus, dass in Zukunft viel Material erscheinen wird. Aber es wird nicht immer hochwertige Literatur sein. Für den Autor ist es nicht wirklich Selbstreflexion, sondern eine Möglichkeit, sich auszudrücken.

Ich habe schon erlebt, wie der Durchschnittsmensch, der noch nichts in einem Krieg erlebt oder gesehen hat, ankündigt, er wolle ein Buch über den Krieg schreiben. Grundsätzlich ist er der Meinung, dass das Schreiben von Büchern Spaß macht, man dadurch an Geld und Frauen kommt, also warum sollte er es nicht tun? Aber wie viele werden sich tatsächlich hinsetzen und das Buch dann auch schreiben? Ehrlich gesagt, sehr wenige. Und wie viele werden etwas schreiben, das als würdig erachtet werden kann? Noch weniger.

Ich möchte wirklich nicht, dass wir ein Genre minderwertiger Kriegsliteratur bekommen. Dies geschah in der UdSSR nach dem Zweiten Weltkrieg, als Unmengen von Büchern über den Krieg veröffentlicht wurden. Diese Bücher sind oft nicht lesbar. Kriegsliteratur sollte kein Propagandainstrument sein. Man muss sich nicht hinsetzen und ein Buch über den Krieg schreiben, damit die eigenen Nachkommen erfahren, wofür man gekämpft hat. Man würde einfach etwas Ekelhaftes erschaffen. Kriegsliteratur sollte in erster Linie Literatur sein, keine militärische Propaganda.

Ich hoffe, dieser Krieg führt nicht zu einem weiteren Erich Maria Remarque (lacht). Ich habe "Im Westen nichts Neues" gelesen, als ich bereits über Kampferfahrung verfügte, und war schockiert über das naive Denken, dass wir alle Menschen sind und deshalb die Verteidigungsminister und Politiker und nicht die Soldaten gegeneinander kämpfen sollten. Aber hey, die Welt ist nun mal so. Menschen bringen einander um. Wir tun dies seit Anbeginn der Zeit und werden es bis zum Ende der Zeit tun.

Aber ich wiederhole: Jede Literatur über den Krieg hat eine Daseinsberechtigung, wenn es sich wirklich um Literatur handelt. In diesem Fall spielt die persönliche Meinung des Autors zum Krieg keine Rolle. Ich denke nur, dass jemand, der sich für das Thema interessiert, noch viel mehr Interessantes darüber zu erzählen hat.

Aus dem Englischen.

Dmitri Plotnikow ist ein politischer Journalist, der sich mit der Geschichte von und aktuellen Ereignissen in ehemaligen Sowjetstaaten beschäftigt.

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