Russische Olympiasiegerin Lassizkene zu Staatsbürgerschaftswechsel: "Bin zu alt dafür"

Marija Lassizkene, russische Leichtathletin und Olympiasiegerin im Hochsprung, bleibt – wie auch ihre Sportkollegen – von internationalen Turnieren ausgesperrt. Dennoch will sie die Staatsbürgerschaft nicht ändern, um ihre Titel im Ausland zu verteidigen.

Die dreimalige Weltmeisterin Lassizkene durfte ihren Titel bei den jüngsten Leichtathletik-Weltmeisterschaften im US-Bundesstaat Oregon nicht verteidigen. In Abwesenheit von Lassizkene gewann die Australierin Eleanor Patterson im Hochsprung.

Der Ausschluss der russischen Athleten von allen internationalen Sportveranstaltungen hat in ihrem Herkunftsland eine Diskussion darüber ausgelöst, ob Sportler ihre Nationalität ändern sollten, um die Sperre zu umgehen. Roman Terjuschkow, ein Abgeordneter der russischen Staatsduma, schlug sogar vor, dass jeder Sportler, der seine Staatsbürgerschaft wechselt, des Hochverrats für schuldig befunden werden sollte. Er betonte auch, dass der Staat in die Sportler investiere, und dementsprechend das Recht auf Loyalität oder "zumindest eine Rückerstattung" habe, falls sich jemand entscheidet, für ein anderes Land anzutreten.

Lassizkene sagte zu russischen Medien, sie habe nicht vor, diesen Schritt in Betracht zu ziehen. "Ich denke nicht darüber nach, die Sportbürgerschaft zu ändern. Dafür bin ich zu alt. Ich will es nicht tun. Punkt", sagte die 29-Jährige, als sie am Wochenende bei einer Veranstaltung in Moskau antrat. Mit der Denkweise von Terjuschkow sei sie aber nicht einverstanden. Sie empfahl jungen Athleten, selbst und ohne Druck über ihr Leben zu entscheiden:

"Jeder hat nur ein Leben, jeder muss erfüllt und glücklich sein. Dies ist eine sehr ernste Frage. Das muss jeder für sich selbst entscheiden."

Es gäbe viele Leute in der Staatsduma, deren Kräfte "ein wenig in die falsche Richtung gelenkt sind", meinte sie:

"Es gibt in Russland mehr Probleme, als den Wechsel der sportlichen Staatsbürgerschaft mit Landesverrat gleichzusetzen."

Die russische Spitzensportlerin gehört zu den schärfsten Kritikern des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und seines Präsidenten Thomas Bach für dessen Empfehlung, russische und weißrussische Sportler wegen des Ukraine-Krieges von der Teilnahme an internationalen Veranstaltungen auszuschließen. In einem offenen Brief an Bach warf sie ihm vor, es fehle an "Mut und Würde", um die Sperre aufzuheben. Zwar zeigte sie Mitgefühl mit den Athleten aus der Ukraine: "Sie erleben, was kein Mensch jemals erleben sollte", meinte aber zugleich, dass der Ausschluss von russischen Athleten den Krieg nicht stoppe, sondern "einen neuen Krieg um und im Sport" entfacht hätte.

Der Leichtathletik-Weltverband World Athletics hatte Russland und Weißrussland im Februar von den Welttitelkämpfen in den USA ausgeschlossen. "Es wäre undenkbar gewesen, hier eine Weltmeisterschaft mit Athleten aus Belarus und Russland zu veranstalten, zwei aggressiven Nationen, die in einen unabhängigen Staat eingefallen sind", betonte Weltverbands-Präsident Sebastian Coe kurz vor dem WM-Start.

Vor dem Ukraine-Krieg waren viele russische Sportler aufgrund von Dopingvorwürfen bereits gezwungen, unter neutraler Flagge anzutreten.

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