Corona-Krise – Das Aus für die US-Fracking-Industrie

Rainer Rupp

Noch vor kurzem war die dank Frackingtechnologie emporgewachsene Industrie der Stolz der US-Politiker, machte sie doch die USA zum weltgrößten Erdölproduzenten. Jetzt ist die Fracking-Branche zum Problemkind von Trumps Regierung geworden. Und ein Ausweg ist nicht in Sicht.

von Rainer Rupp

Obwohl dank der Fracking-Methode die USA letztes Jahr vor Russland und Saudi-Arabien auf Platz eins der Erdölproduzenten aufgestiegen waren, können die Produzenten vom Fracking-Öl nur etwa 60 Prozent ihrer Förderung in den USA verkaufen. Deshalb sind sie darauf angewiesen, mit traditionellen Export-Staaten wie Saudi-Arabien und Russland auf dem internationalen Ölmarkt zu konkurrieren. Zugleich importieren US-Raffinerien auch weiterhin massenhaft Rohöl aus anderen Ländern. Der Grund: Das US-Fracking-Öl kann von einem Großteil der US-Raffinerien gar nicht verarbeitet werden.

US-Politiker – vor allen anderen Präsident Donald Trump selbst – sind in den letzten Jahren nicht müde geworden, über den Aufstieg der US-amerikanischen Ölindustrie zu prahlen. Aber die unangenehme Tatsache, dass die US-Energiewirtschaft zu ihrem Funktionieren weiterhin von beachtlichen Rohölimporten abhängig ist, hat jeder Prahlhans in Washington und in den medialen Megaphonen gern noch sehr bequem unter den Tisch fallen lassen. Die jüngsten, teils abstrusen Entwicklungen auf dem globalen Rohölmarkt hängen direkt mit dem Umstand zusammen, dass die USA zeitgleich bedeutender Exporteur wie auch Importeur von Rohöl sind.

Wie bereits angedeutet ist Rohöl nicht gleich Rohöl. Es unterscheidet sich nach Viskosität – also Zähflüssigkeit – und nach leichten oder starken Verunreinigungen, hauptsächlich durch Schwefel. Sogenanntes Schweröl zeichnet sich durch starke Zähflüssigkeit und einen hohen Schwefelgehalt aus. Und umgekehrt wird dünnflüssiges Öl mit wenig Schwefel – so wie es vor allem von der US-Fracking-Industrie gefördert wird – als "leichtsüß" bezeichnet. Anhand dieser beiden Merkmale unterscheidet sich die Qualität des Rohöls von Region zu Region und von Land zu Land, wobei es auch dünnflüssiges Öl mit hohem Schwefelgehalt (leichtsauer) oder dickflüssiges Öl mit wenig Schwefel gibt, wie z.B. das mexikanische "Maya Heavy". Aufschlussreich ist dazu die beigefügte Graphik der offiziellen U.S. "Energy Information Agency".

Je nach Qualität ist auch der Preis für Rohöl verschieden: Je leichter das Öl, desto einfacher ist seine Verarbeitung, was in technologisch weniger komplexen und daher weit weniger kapitalintensiven Raffinerien geschehen kann. Deshalb ist unter normalen Marktbedingungen – die aktuell auf den Kopf gestellt sind – leichtes Öl immer erheblich teurer als Schweröl, da es aufgrund seiner relativ einfachen Verarbeitung begehrter ist.

Schweröl ist billiger, denn es muss mit weitaus mehr Aufwand und teuren Crackverfahren raffiniert werden. Zudem müssen dem zähflüssigen Schweröl vor der Verarbeitung noch größere Mengen des aus Petroleum destillierten Naphtha zwecks Erhöhung der Viskosität beigefügt werden. Genau das muss auch der Großteil der US-amerikanischen Raffinerien machen, deren Geschäftsmodell seit Jahrzehnten auf der Verarbeitung vom importierten billigen Schweröl aufbaut, wovon früher ein Großteil aus Venezuela kam.

Da seit Menschengedenken Schweröl stets erheblich billiger war als leichtes Öl, hat sich in den US-Raffinerien das Produktionsmodell "höhere Fixkosten bei niedrigeren laufenden Kosten" durchgesetzt, was sich in höheren Gewinnmargen bei den Endprodukten wie Benzin, Diesel usw. ausgezahlt hat. Diese Entscheidung wurde zudem dadurch begünstigt, dass die US-Raffinerien über Jahrzehnte sicheren Zugriff auf Schweröl hatten, von denen es in den USA selbst viel gab, aber auch in Mexico und besonders viel in Venezuela, ein Land, von dem man in Washington immer noch glaubt, es sei ein "Hinterhof" der USA.

Bevor wir fortfahren, wollen uns mit einigen Daten des Ölmarktes vertraut machen. Wenn nicht anders vermerkt, stammen alle nachfolgenden Zahlenangaben von der US-amerikanischen "Energy Information Agency".

Als Resultat der Fracking-Industrie ist die US-Rohölproduktion im Zeitraum von 2010 bis Ende 2019 von 5,4 Millionen Fass pro Tag (also "b/d") auf 12,8 b/d gestiegen. Knapp ein Viertel dieser Produktion, genaugenommen 2,98 b/d, wurde 2019 in insgesamt 44 Länder exportiert. Es handelte sich dabei um qualitativ hochwertiges Fracking-Öl vom Typ "leicht und süß". Der größte Abnehmer war Kanada mit 460.000 b/d, gefolgt von Südkorea mit 426 b/d, die Niederlande mit 280 b/d und Indien mit 260 b/d.

Dem US-Export von knapp 3 Millionen b/d im Jahr 2019 standen zur gleichen Zeit mehr als doppelt so hohe Importe von 6,79 Millionen b/d gegenüber. Aus OPEC-Staaten kamen insgesamt 1.48 Millionen b/d, davon 500 b/d aus Saudi Arabien. Nicht-OPEC-Staaten lieferten den USA 5.31 Millionen b/d, davon kamen aus Kanada 3,8 Millionen, aus Mexiko 600.000 und aus Kolumbien 318.000 b/d – um hier die vier größten Lieferanten für die USA zu nennen.

Hier wollen wir auch festhalten, dass

  1. die Vereinigten Staaten seit mindestens 1949 jedes Jahr ein bedeutender Nettoimporteur von Rohöl waren und auch weiterhin sein werden,
  2. die USA leichtes Rohöl exportieren und mehr als doppelt so viel schweres Rohöl importieren,
  3. das "leichtsüße" Fracking-Öl den technischen Gegebenheiten der meisten US-Raffinerien nicht entspricht,
  4. die USA ihr Fracking-Öl hauptsächlich nach Asien exportieren, wo es auch in weniger anspruchsvollen Raffinerien leicht zu verarbeiten ist,
  5. insgesamt 40 Prozent der US-Fracking-Ölproduktion im Inland nicht verwendet wird. Somit drängen 3 Millionen b/d US-Öl auf den Weltmarkt, wo sie den traditionellen Leichtöl-Exporteuren, wie z.B. Saudi-Arabien, scharfe Konkurrenz machen.

Bereits im Jahr 2014 hatte der Drang des zusätzlichen US-Fracking-Öls auf die Weltmärkte zu einem scharfen Kampf um Marktanteile zwischen den drei größten Öl-Produzenten geführt, was einen Absturz der weltweiten Rohölpreise ins Bodenlose zur Folge hatte. Schließlich einigten sich Russland sowie Saudi-Arabien und andere OPEC-Staaten zwecks Preisstabilisierung auf eine Produktionskürzung. Dank einer weltweiten, leichten wirtschaftlichen Erholung erholte sich auch der Ölpreis wieder und stieg Anfang Herbst 2018 sogar auf über 80 Dollar.

Allerdings hatte sich die US-Fracking-Industrie nicht an der Preisstabilisierung durch Produktionskürzungen beteiligt, sondern sie steigerte im Gegenteil ihre Fördermengen noch. So gelang es in den Folgejahren durch die Fracking-Technologie den USA – auch mit Hilfe politischer Unterstützung aus Washington – mit ihrem leichten Öl den Saudis immer mehr Marktanteile zu entreißen, vor allem in Asien. Der nächste US-Zusammenstoß mit der OPEC und vor allem mit Saudi-Arabien war somit vorprogrammiert.

Nun hat die US-Fracking-Industrie einen wesentlichen Schwachpunkt im Vergleich zu den saudischen und russischen Konkurrenten: Der durchschnittliche Break-even-Point für das US-Öl-Fracking liegt bei etwa 50 Dollar pro Fass Öl, um Gewinn zu machen. Viele Produzenten liegen mit ihren Kosten sogar weit darüber, mit bis zu 80 Dollar das Fass. Sinkt der Preis pro Fass unter den Break-even-Point, so macht der Produzent Verluste.

In den Anfangszeiten der Fracking-Industrie machten Verluste allerdings nichts aus, denn die Fracking-Unternehmen hatten keine Probleme, sich an den Finanzmärkten zu supergünstigen Bedingungen zu finanzieren oder zu refinanzieren, wenn noch mehr Geld gebraucht wurde. Fracking was das große Spiel an der Wall Street, und die Investoren drängten den Fracking-Unternehmen ihr Geld regelrecht auf. Und die Fracking-Produzenten holten auf Teufel komm raus immer mehr Öl aus den Böden – für den Export wohlgemerkt, denn zu Hause gab es aus den oben dargelegten Gründen nicht genug Abnehmer dafür.

Aber dann zeichnete sich 2019 immer deutlicher ein US-Handelskrieg gegen China und allgemein ein zunehmender Protektionismus ab. Das Wachstum des Welthandels ging zurück und brach dann in den ersten vier Monaten dieses Jahres 2020 infolge der Corona-Krise gänzlich ein. Innerhalb kürzester Zeit ging die weltweite Nachfrage nach Öl um über 10 Millionen b/d zurück, was in etwa so groß ist wie die Ölproduktion Saudi-Arabiens. Die Ölpreise rauschten förmlich in den Keller. Trotzdem produzierten alle weiter wie gehabt oder steigerten sogar noch die Förderung – in der irrigen Hoffnung, die finanziellen Lücken durch größere Fördervolumina füllen zu können.

Auch Saudi-Arabien hat einigen Berichten zufolge seine Ölförderung noch gesteigert, aber aus geostrategischen Gründen. Durch diesen Schachzug stürzten die Weltmarktpreise für Leichtöl auf ein Niveau ab, das sehr weit unter dem Break-even-Point des günstigsten US-Fracking-Unternehmens lag. Bei diesem Preisniveau würde die ganze US-Fracking-Industrie in kurzer Zeit den Konkurs anmelden müssen, denn sie war inzwischen hoch verschuldet und hatte nur geringe oder überhaupt keine Gewinne eingefahren. Und was am Schlimmsten war: An der Wall Street hatte die Verzauberung durch das Fracking-Idol einer nüchternen Analyse Platz gemacht – und jetzt gab es plötzlich kein Geld mehr dafür.

Die von den Politikern in Washington so hoch geschätzte Fracking-Industrie stand Ende März unmittelbar vor dem finanziellen Kollaps. Jetzt schaltete sich Trump ein und er ermahnte Saudi-Arabien, seine Produktion zu drosseln. Die Saudis redeten sich heraus, dass sie das nicht alleine machen könnten, sondern nur gemeinsam mit der OPEC und den Russen und den Mexikanern und anderen Nicht-OPEC-Staaten. Die Verhandlungen fraßen viel Zeit.

Währenddessen rief in den USA – bedingt durch den Corona-Lockdown – eine Industriebranche nach der anderen verzweifelt nach finanzieller Unterstützung, um einen Massenbankrott abzuwenden. Der zeichnet sich besonders deutlich bei der Fracking-Industrie ab, weshalb man in Washington flugs ein Hilfspaket für sie auflegte, in der Hoffnung, dass eine baldige Drosselung der Produktion auch automatisch eine Preiserholung für Rohöl bringen würde.

Aber zunächst stellte sich auch Russland noch quer. Russland hatte offensichtlich genau so wenig Interesse wie Saudi-Arabien daran, ausgerechnet die US-Fracking-Industrie zu retten. Moskau hatte zuvor erklärt, dass es mit einem Fass-Preis von 20 Dollar (weit unter dem Break-even-Point des amerikanischen Fracking-Öls) für einige Jahre durchaus zurechtkäme. Tatsächlich war der Preis für ein Fass des leichten Öls der amerikanischen Sorte "West Texas Intermediate (WTI)" zu diesem Zeitpunkt bereits auf 20 Dollar abgesackt.

Schließlich rief Präsident Trump in Moskau an und sprach mit seinem Amtskollegen Putin. Was genau dabei ausgehandelt wurde oder was Putin als Gegenleistung versprochen wurde, ist nicht bekannt. Allerdings zeigte sich die russische Seite anschließend bereit, mit den Saudis und der OPEC über eine Drosselung zu verhandeln, aber nur dann, wenn auch die US-Fracking-Industrie mitmachte und ihre Förderungen kürzen würde.

Das aber sei unmöglich, ließ die amerikanische Seite verlauten, denn die US-Fracking-Industrie sei nicht in einem Kartell organisiert und an einen staatlichen Eingriff in den freien Markt in Form von Produktionsquoten sei überhaupt nicht zu denken, da juristisch in den USA unmöglich. An diesem Punkt ist Trump angeblich nochmals eingesprungen. In einem persönlichen Gespräch habe er Putin versichert, dass er seinen Einfluss geltend machen würde, um eine Drosselung der Fracking-Produktion zu erreichen.

Nach allerlei Hin und Her kam es dann am 9. April 2020 zu einer Dringlichkeitssitzung unter Führung von Saudi-Arabien und Russland. Dort einigten sich die OPEC- und die Nicht-OPEC-Staaten auf eine Produktionsdrosselung von etwas weniger als 10 Millionen b/d. Nur war zu diesem Zeitpunkt die Nachfrage nach Öl bereits um weitere 5 Millionen b/d gesunken, wodurch die Hoffnung auf eine Ölpreis-Erholung infolge der OPEC-Nicht-OPEC- Einigung über eine Produktionsdrosselung effektlos verpuffte.

Ölmarktexperten erwarten in diesem Jahr einen weiteren Rückgang der Ölnachfrage um insgesamt 30 Millionen b/d. Das bedeutet weiterhin Tiefstpreise für Öl und deshalb auch mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Ende für die meisten US-Fracking-Unternehmen, denn eine Rückkehr zu ihrem Break-even ist in scheinbar unendliche Ferne gerückt.

Zwar druckt die US-Notenbank schon jetzt mit hoher Geschwindigkeit unbegrenzt viele Dollar, aber selbst Trump dürfte Schwierigkeiten haben zu rechtfertigen, eine ganze Industriebranche, die wirtschaftlich marode und bis über den Kopf verschuldet ist, viele Monate mit Regierungsgeldern durch die Krise zu schleppen, zumal gar kein Ende von deren Misere in Sicht ist.

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