Frisch geleakt: Amazons Troll-Armee auf Twitter

Dokumente, die der Online-Plattform "The Intercept" zugespielt wurden, belegen, dass sogenannte "Botschafter" vom Unternehmen geschult werden, um Amazon und den CEO Jeff Bezos im Internet zu verteidigen. Das Programm läuft unter dem Codenamen "Veritas" (kein Aprilscherz).

Wie die Online-Plattform The Intercept berichtet, wurde die "Twitter-Armee" von Amazon 2018 stillschweigend unter dem Codenamen "Veritas" aus der Taufe gehoben. Ausgewählte Mitarbeiter wurden dem Bericht zufolge geschult, um das Unternehmen und seinen Chef Jeff Bezos aus der Schusslinie zu nehmen und in den Gegenangriff überzugehen.

Vor allem soll von den "Botschaftern" Kritik an den Arbeitsbedingungen bei Amazon entschärft werden. Sie würden laut dem Bericht vor allem wegen ihres "großartigen Sinns für Humor" ausgewählt. Das Dokument, das im Rahmen des Pilotprogramms im Jahr 2018 erstellt und mit "Amazon.com Confidential" gekennzeichnet sein soll, enthält laut The Intercept auch Beispiele dafür, wie die "Botschafter" auf Kritik an dem Unternehmen und seinem CEO reagieren sollen.

"Um Spekulationen und falschen Behauptungen in den sozialen Medien und Online-Foren über die Qualität der Mitarbeitererfahrung des FC [Fulfillment Center, auf Deutsch 'Distributionszentrum'] entgegenzuwirken, bilden wir ein neues soziales Team mit aktiven, fest angestellten FC-Mitarbeitern, die befugt sind, jeder Unwahrheit – höflich, aber direkt – entgegenzutreten", soll es in der Projektbeschreibung heißen.

Und weiter:

"FC Ambassadors ('FCA') sollen auf alle Beiträge und Kommentare von Kunden, Influencern, einschließlich politischer Entscheidungsträger, und Medien antworten, die die Erfahrungen der FC-Mitarbeiter infrage stellen."

Kelly Nantel, eine Sprecherin von Amazon, erklärte per E-Mail gegenüber The Intercept: "'FC Ambassadors' sind Mitarbeiter, die in unseren Fulfillment-Centern arbeiten und ihre persönlichen Erfahrungen teilen. Das FC Ambassador-Programm zeigt zusammen mit den öffentlichen Touren, die wir anbieten, wie es in unseren Fulfillment-Centern tatsächlich aussieht."
2018 gab Amazon zu, dass die "Botschafter" Mitarbeiter waren, die dafür bezahlt würden, um "ehrlich die Fakten zu teilen", so das Unternehmen. Viele Twitter-Nutzer hatten laut The Intercept zunächst geglaubt, die Botschafter seien automatisierte "Bot"-Konten, da das Format ihrer Kontobios nahezu identisch sei. Alle Konten sind mit dem Amazon-Smile-Logo versehen und beginnen mit dem Handle "@AmazonFC".

Amazon weiß, dass Fahrer in Flaschen pinkeln müssen

Dieses Format wurde jedoch speziell von Amazon vorgeschrieben, wie das Dokument von The Intercept belegt. "Wir könnten dem Benutzernamen auch ein Emoji hinzufügen, um der Person mehr Persönlichkeit zu verleihen, beispielsweise ein Emoji mit kleiner Box", schlage das Dokument vor. Verschiedene US-Politiker, darunter auch die US-Senatoren Bernie Sanders, Elizabeth Warren und Mark Pocan, hatten vergangene Woche kritisch über die Behandlung von Arbeitnehmern und die Amazon-Unternehmenspraktiken getwittert. Darunter hatten sie auch den Vorwurf wiederholt, dass Amazon-Fahrer in Flaschen pinkeln müssten, weil sie keine Zeit haben, um eine Toilette aufzusuchen.

Der PR-Account von Amazon sandte daraufhin spöttische Antworten an die Politiker und fragte zum Beispiel Pocan: "Sie glauben nicht wirklich, dass man in Flaschen pinkelt, oder?" Doch wie The Intercept am folgenden Tag berichtete, waren viele Amazon-Zusteller tatsächlich gezwungen, in Flaschen zu urinieren, um die anspruchsvollen Quoten zu erfüllen – und Amazon soll das bekannt sein.

Sanders, der das Unternehmen wegen seiner Arbeitspraktiken regelmäßig kritisiert und kürzlich Arbeitnehmer in Alabama besuchte, wird im Dokument von 2018 wiederholt erwähnt. In einem Fall bezieht sich das Dokument auf ein Videointerview, das Sanders getwittert hat: "Bernie Sanders interviewt Seth King am Prime Day. Seth beschreibt, wie deprimiert es ist, bei Amazon zu arbeiten, um sich das Leben zu nehmen." Ein "Botschafter" antwortete daraufhin: "@SenSanders In diesem Job habe ich mich persönlich nie schlecht gefühlt. Wenn Sie einen Job haben, bei dem Sie sich schlecht fühlen, können Sie gehen."

In einem weiteren Fall twitterte Sanders über den Reichtum von Jeff Bezos. Ein "Botschafter" antwortete: "Jeder sollte in der Lage sein, das Geld zu genießen, das er verdient/gespart hat. Es gehört ihnen. Sie sollten in der Lage sein, damit zu tun, was sie wollen. Dazu gehört auch Jeff Bezos."

Zwar soll laut The Intercept zu den Grundsätzen des Programms gehören, keine irreführenden oder unwahren Botschaften zu übermitteln, es gäbe jedoch auch einige Themen, auf die die "Botschafter" nicht reagieren dürften. Das Dokument soll die Mitarbeiter anweisen, nicht auf "Kontakte zum Gewerkschaftsrecht" zu antworten. Die "Botschafter" sollen auch nicht auf Medienanfragen und komplizierte Fragen antworten, bei denen eine PR-Genehmigung erforderlich sei.

The Intercept zufolge mache das Dokument auch deutlich, dass die "Botschafter" weit entfernt von einer repräsentativen Stichprobe der Amazon-Arbeitnehmer seien. Vielmehr sollen neue Mitarbeiter in das Programm geholt werden, weil diese "sehr leidenschaftlich und effektiv sein können". The Intercept schließt seinen Artikel mit der lakonischen Replik: "Vielleicht neuere Mitarbeiter, die noch nicht in Flaschen pinkeln mussten."

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