Von Rainer Rupp
Washingtons offen deklariertes Ziel ist die "Drohnendominanz", also die globale US-Vorherrschaft auch bei Drohnen, so wie es sich für die "unverzichtbare Ausnahme-Nation" USA gehört. Eine Zahl aus China lässt diesen US-Anspruch jedoch gewaltig erscheinen: Der chinesische Hersteller DJI soll monatlich 2,8 Millionen Drohnen produzieren können. Auf ein Jahr hochgerechnet wären das rund 34 Millionen. Für die gesamte US-Drohnenindustrie nennt eine derzeit verbreitete Präsentationsfolie dagegen eine geschätzte Jahresproduktion von etwa 100.000 Stück. Nach dieser Rechnung könnte DJI allein rund 340-mal so viele Drohnen herstellen wie alle amerikanischen Produzenten zusammen. Russland produziert angeblich 1,5 Millionen Militärdrohnen pro Monat.
Die Gegenüberstellung ist eindrucksvoll – und verlangt eine Einordnung. Die DJI-Zahl stammt aus einer zirkulierenden Folie; eine unabhängig geprüfte Produktionsstatistik liegt dem Vergleich nicht zugrunde. Zudem produziert DJI überwiegend zivile Drohnen, während das Pentagon bewaffnete Systeme für militärische Anforderungen beschaffen will. Produktionskapazität, tatsächlicher Absatz und militärisch einsetzbare Stückzahlen sind verschiedene Größen, weshalb nicht automatisch eine chinesische Drohnen-Überlegenheit auf dem Schlachtfeld von 340 zu 1 abgeleitet werden kann.
Als Hinweis auf industrielle Größenordnungen bleibt der Vergleich dennoch brisant. Denn moderne Drohnenkriegsführung verbraucht Material in Mengen, auf die das amerikanische Beschaffungssystem lange nicht ausgerichtet war. Kleine Aufklärungsdrohnen und ferngesteuerte Angriffsgeräte können verloren gehen, gestört oder abgeschossen werden. Entscheidend ist deshalb nicht allein, was eine einzelne Drohne leistet. Entscheidend ist auch, wie schnell sich Tausende ersetzen lassen – und zu welchem Preis.
Das Pentagon-Programm "Drohnendominanz" sieht vor, über zwei Jahre ungefähr 340.000 kleine Drohnen für Infanterie-Kampfeinheiten zu beschaffen. Dafür sind rund eine Milliarde Dollar vorgesehen, was einen Stückpreis von knapp unter 3.000 Dollar ausmacht. Die Zahl beschreibt jedoch eine geplante Beschaffung über mehrere Jahre, keine bereits erreichte US‑Jahresproduktion. Sie darf deshalb nicht mit der bereits real existierenden Kapazität von DJI verglichen werden, zumal eine Produktionsumstellung von zivilen Drohnen auf militärische sicherlich einfacher ist, als komplett neue Produktionsstätten mit entsprechenden Lieferketten aufzubauen und die notwendigen Techniker zu finden. Hinzu kommt, dass bei den riesigen Mengen, die z. B. DJI herstellt, China vom Effekt der "economy of scale" profitiert, d. h. von sinkenden Stückkosten bei zunehmender Menge.
Gerade die Unterschiede machen das Problem für das Pentagon-Programm sichtbar, globale Nummer eins im Bau von militärischen Drohnen zu werden. Eine Drohne lässt sich entwickeln und vorführen; damit ist aber noch keine Fertigung aufgebaut, die Monat für Monat große Stückzahlen liefert. Dafür braucht es verfügbare Bauteile, Maschinen, geschulte Arbeitskräfte, verlässliche Zulieferer und Aufträge, die Investitionen in neue Produktionslinien tragen. Der amerikanische Ansatz muss all dies zugleich schaffen: einsatzfähige Geräte beschaffen und eine leistungsfähige Industrie aufbauen, und Techniker und Ingenieure ausbilden, was Jahre dauern kann, bevor eine dauerhafte Lieferung möglich wird.
Der US‑Stellvertreterkrieg in der Ukraine gegen Russland und der verbrecherische, völkerrechtswidrige, unprovozierte Angriffskrieg gegen Iran haben den Druck auf das Pentagon erhöht. In der Ukraine gehören kleine Drohnen zum alltäglichen Materialeinsatz, aber auch hier gibt es im Unterschied zu Russland niedrige und sinkende Stückzahlen, weil die Ukraine ihre Drohnen in über 100 Betrieben in kleinen Serien oder gar auf Handwerkerbasis herstellt.
Dennoch wird erwartet, dass die Ukraine gemäß den Angaben des Pentagon-Managers Travis Metz, im Jahr 2026 zwischen sechs und sieben Millionen kleine FPV-Angriffsdrohnen auf Basis vorgefertigter Teile aus China zusammengeschraubt haben wird – das entspricht ungefähr einer halben Million im Monat, verglichen mit 1,5 Millionen pro Monat an industriell hergestellten Militärdrohnen in Russland. Zugleich räumte Pentagon-Manager Metz ein, dass die amerikanische Industrie noch weit davon entfernt sei, eine vergleichbare Produktion wie China oder Russland zu erreichen.
Hinzu kommt ein Widerspruch in Washingtons Strategie. Die USA wollen ihre Abhängigkeit von China verringern und zugleich die heimische Drohnenfertigung rasch ausweiten. Doch die Lieferketten für Elektronik, Motoren, Batterien und andere Komponenten lassen sich nicht durch einen Beschluss ersetzen. Wer eine Drohne im eigenen Land montiert, hat damit noch nicht alle benötigten Teile im eigenen Land hergestellt. Neue Lieferanten müssen gefunden, ihre Produkte geprüft und ihre Kapazitäten vergrößert werden. Das kostet Zeit – gerade dann, wenn möglichst billige Drohnen in großen Mengen gebraucht werden.
Besonders deutlich wird die Abhängigkeit bei Seltenen Erden und den daraus gefertigten Permanent-Magneten, die für leistungsfähige Elektromotoren wichtig sind. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur entfielen 2024 rund 91 Prozent der weltweiten Raffinierung magnet-relevanter Seltener Erden und 94 Prozent der Produktion entsprechender Permanent-Magnete auf China. Nicht jeder Drohnenmotor benötigt solche Magnete. Die Zahlen zeigen aber, wie wichtig eine industrielle Lieferkette ist. Chinesische Exportbeschränkungen haben bereits verdeutlicht, dass diese Konzentration für Hersteller außerhalb Chinas zum praktischen Problem werden kann. (Analysis)
Washington kann Geld für Drohnen bereitstellen und ehrgeizige Stückzahlen festlegen. Ob daraus eine belastbare Produktionsbasis entsteht, entscheidet sich in Werkhallen und bei Zulieferern. Der Abstand zu DJI lässt sich nicht seriös als exakter Maßstab militärischer Stärke verkaufen. Aber DJI ist auch nicht der einzige chinesische Hersteller von Drohnen, nur der größte. Im Zeitalter massenhaft eingesetzter Drohnen auf dem Schlachtfeld zählt nicht nur, wer die Technik beherrscht, sondern auch, wer sie millionenfach bauen kann.
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