Von Astrid Sigena
Wer in einer deutschen Großstadt lebt, dürfte nichts davon mitbekommen haben. Oder die Nachricht lediglich aus der Zeitung erfahren haben: Die Bundeswehr-Luftwaffe führt wieder Tiefflüge ihrer Kampfbomber durch. Und zwar in äußerst niedriger Höhe. Dafür mussten die sogenannten "Low Flying Areas" (LFA) reaktiviert werden, die man im Zuge der Entspannungspolitik nach der Jahrtausendwende aufgegeben hatte. Als Grund für die Reaktivierung gibt die Bundeswehr die "veränderte sicherheitspolitische Lage" an.
Da den Luftwaffenpiloten der Tiefflug über Großstädte und Industrieanlagen nur in Ausnahmefällen gestattet ist, sind hauptsächlich ländliche Gebiete davon betroffen. Die Kampfjets der Luftwaffe dürfen dabei für zwei Minuten auf bis zu 76 Meter über dem Boden heruntergehen. Ebenso wurde die 20-Minuten-Regel aufgehoben. Die Flugzeuge dürfen jetzt länger als 20 Minuten über einem Übungsziel verweilen und dabei die Flughöhe von 2.100 Metern überschreiten.
Die insgesamt acht "Low Flying Areas" umfassen Gebiete in Westniedersachsen (LFA 1), im nordrheinwestfälischen Münsterland (LFA 2), in Nordhessen (LFA 3), im Landstrich zwischen den Hansestädten Hamburg und Bremen (LFA 5), in Schleswig-Holstein (LFA 6), in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg (LFA 8) sowie in Bayern (LFA 7). Das Gebiet LFA 4 ist noch nicht vergeben. Besonders von den Tiefflügen betroffen war in den ersten Monaten der Neuregelung der Bereich LFA 8, der Teile Mittelfrankens und Schwabens umfasst, aber auch den baden-württembergischen Ostalbkreis.
Am Freitag, den 6. März traf es den Ort Wemding im Landkreis Donau-Ries. Drei tieffliegende Flugzeuge der Luftwaffe hatten einige Grundschüler des in Bayrisch-Schwaben gelegenen Städtchens so in Aufregung versetzt, dass die Lehrkräfte die weinenden Kinder von den Eltern abholen ließen. Wie die Nürnberger Nachrichten (NN) in Erfahrung brachten, hatte es sich nicht etwa um die eigentlich für Süddeutschland zuständigen Eurofighter des Taktischen Luftgeschwaders 74 in Neuburg an der Donau gehandelt. Der Sprecher des dortigen Fliegerhorstes dementierte, dass zum betreffenden Zeitpunkt Neuburger Eurofighter über Wemding unterwegs gewesen seien.
Vielmehr handelte es sich bei den Kampfjets im weiß-blauen Himmel um Besuch aus dem nordrhein-westfälischen Nörvenich, und zwar nicht um die dort eigentlich stationierten Eurofighter, sondern um Tornados aus Büchel, die dorthin verlegt worden sind. Ein Sprecher des Luftfahrtamtes der Bundeswehr gab bekannt, dass die drei Tornados am betreffenden Freitag von 10.30 bis 10.40 Uhr, also insgesamt 10 Minuten, in der LFA 7 unterwegs gewesen seien. Die Höchstgeschwindigkeit habe bei 861 Kilometern pro Stunde gelegen, die minimale Höhe bei 150 Metern über Grund. Man versuche, die örtliche Bevölkerung so wenig wie möglich durch die Übungsflüge zu belasten, beteuerte der Sprecher.
Generell gibt sich die Luftwaffe recht bedeckt, was Auskünfte zu ihren Übungsflügen angeht. Bereits im Oktober 2025 waren zwei Neuburger Eurofighter über das mittelfränkische Herrieden ungewöhnlich tief hinweggedonnert – unangekündigt, wie die örtliche Bürgermeisterin betonte. Der Verdacht: Es handelte sich um einen Flug zu Ehren eines Hochzeitspaares. Die Bundeswehr widersprach: Der Tiefflug über Herrieden sei vielmehr ein routinemäßiger Übungsflug gewesen. Man sei nicht verpflichtet, solche Übungen anzukündigen. Diese Einstellung gegenüber der örtlichen Bevölkerung vonseiten der Luftwaffe lässt für die kommenden Jahre nichts Gutes erahnen.
Die LFA 7 war während des Kalten Krieges zum Mittelpunkt des Bürgerprotests gegen Tiefflieger geworden. Dieser Protest hatte im Jahr 1990 sogar das Kanzleramt und das Weiße Haus erreicht. Angesichts des Fluglärms titelte die Zeit 1988: "Terror in Zone 7". Die Aktivisten von damals befürchten nunmehr durch die Reaktivierung der Flüge und die damit einhergehende Lärmbelästigung gesundheitliche Schäden und das Ausbleiben von Touristen. Gegebenenfalls müssten die Regionalinitiativen von damals wieder neu aktiviert werden. Noch sei unsicher, ob die Belastung durch die Tiefflüge wieder so stark wie früher werde.
Dagegen hält der baden-württembergische Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter die wieder aufgenommenen Trainingsflüge in sehr geringerer Höhe angesichts der angespannten geopolitischen Lage für zwingend notwendig. Es diene der deutschen Sicherheit, wenn "unsere Luftwaffe" auch im Tiefflug übe. Das BSW Niedersachsen hingegen sprach angesichts der Reaktivierung der LFA von einer "sinnlosen Kriegstreiberei" und rief zum Widerstand auf.
Die Tiefflüge zu Zeiten des Kalten Krieges brachten mehrmals gefährliche Zwischenfälle mit sich. Allein in der Zone 7 gab es in den 80er und 90er Jahren sechs Tote unter den US-amerikanischen und bundesdeutschen Fliegern. Der schlimmste Unfall dieser Art in der BRD ereignete sich 1988 in Remscheid (NRW) mit sieben Toten. Heutzutage kommt als weitere Schwierigkeit noch hinzu, dass die Luftwaffe nicht in Gebieten mit Windkraftanlagen fliegen kann. Zumindest nicht im Tiefflug. Gerade in der LFA 8 (Mecklenburg-Vorpommern/Brandenburg) sind die zahlreichen Windräder hinderlich. Hier kollidieren die Interessen von "Zeitenwende" und "Energiewende" miteinander.
Die zu erwartenden Proteste der betroffenen Bevölkerung, die Unfallgefahr und die Kollision mit den Interessen der Windenergiebranche sind allerdings nur nachrangige Probleme. Die wahre Problematik ist die sogenannte "Nukleare Teilhabe" der Bundeswehr. Denn die Tiefflieger üben die Flugmanöver für den Abwurf von Atombomben. Und genau dafür sind eben Tiefflüge notwendig. Die NN wissen dazu Näheres zu berichten (leider lässt der Konjunktiv im letzten Absatz keinen Rückschluss darauf zu, ob es sich um die in indirekter Rede gehaltene Fortsetzung der Stellungnahme der Bundeswehr handelt oder um eigenes Hintergrundwissen des NN-Reporters Martin Müller).
Es ist ein relativ offenes Geheimnis, dass im rheinland-pfälzischen Büchel US-Atomwaffen vom Typ B61 lagern. Ebenso ist bekannt, dass im Ernstfall deutsche Tornados die Atombomben über das Zielgebiet abwerfen würden. Auch sie sind in Büchel, in einem Fliegerhorst der Luftwaffe, stationiert. Wie die NN berichten, würden die Luftwaffenpiloten im Ernstfall die Atombomben nicht aus großer Höhe abwerfen, wie dies die US-Amerikaner 1945 in Japan getan haben.
Um nicht vom Radar erkannt zu werden, müssten sich die Bomber "im extremen Tiefflug dem Ziel nähern" (Tornados können im Tiefflug bis auf 30 Meter heruntergehen). Erst im letzten Moment würde der Pilot die Maschine steil nach oben ziehen und währenddessen die Bombe nach vorn abwerfen. Der Tornado würde abdrehen und weiter davonfliegen, die Bombe sich jedoch "in hohem Bogen ihrem Ziel nähern". Soweit die Planung.
Es ist nicht davon auszugehen, dass die Bundeswehr mit echten Atombomben über den deutschen "Low Flying Areas" übt. Dennoch ist die Angelegenheit heikel genug. Die Kampfreichweite der Bundeswehr-Tornados dürfte knapp 1.400 Kilometer umfassen, das genügt, um die russische Exklave Kaliningrad oder auch den Westen des verbündeten Weißrusslands zu erreichen. Die neuen F-35A Lightning II, die die Tornados in Büchel in den kommenden Jahren ersetzen sollen, haben eine Reichweite von 2200 Kilometern (der tatsächliche operative Kampfradius dürfte weit darunter liegen). Es ist allerdings ungewiss, ob ihre neuartige Tarnkappentechnologie die Tiefflugübungen unnötig machen wird.
Selbstverständlich lässt sich durch Betankung in der Luft die Reichweite dieser Kampfbomber erweitern. Oder durch eine Stationierung weiter im Osten. Bisher hat die Bundeswehr lediglich Eurofighter in Polen stationiert. Sie dienen dort der Luftraumüberwachung. Die Eurofighter sind prinzipiell auch in der Lage, Atomwaffen zu transportieren und abzuwerfen, allerdings fehlt ihnen dafür die NATO-Zertifizierung und die entsprechende Umrüstung.
Immerhin nahmen im vergangenen Herbst zusätzlich zu den Tornados vier Eurofighter der Luftwaffe an der NATO-Übung "Steadfast Noon" teil, die über der Nordsee den Atomwaffeneinsatz trainierte. Die genaue Einsatzverwendung ist unklar. Jedoch dürfte die Möglichkeit einer Stationierung atomwaffenfähiger Kampfjets im Falle eines NATO-Beitritts der Ukraine die russische Entscheidung im Jahr 2022, die Militärische Sonderoperation einzuleiten, mitbeeinflusst haben.
Bereits 2015 hatte Russland vor der Stationierung neuer US-Atombomben vom Typ B 61-12 in Büchel gewarnt. Im Jahr 2024 war dann in Kalifornien ein deutscher Tornado im Trainingsflug zu sehen, mutmaßlich mit einer Attrappe einer derartigen Atombombe am Bauch des Kampfjets. Wenn jetzt Tornados der Bundeswehr in Deutschland Flugmanöver zum Abwurf einer Atombombe üben, stehen die Zeichen weiterhin auf Eskalation.
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