Die Ukrainer sind bereit zu kämpfen – gegen den Kriegseinsatz

Während Wladimir Selenskij so tut, als ob er nicht verlieren würde, regt sich in seinen Bürgern zunehmend Widerstand gegen die Wehrpflicht, die mit brutaler Gewalt von den Militärrekrutierern durchgesetzt wird.

Von Tarik Cyril Amar

Der selbsternannte ukrainische Präsident Wladimir Selenskij, der sich selbst über die Wahlen stellt, hat sich die Zeit genommen, seine Fantasien öffentlich mit dem einzigen Publikum zu teilen, das ihm wichtig ist: dem Westen, insbesondere den USA und ganz konkret deren Präsident Donald Trump. Da es für Selenskij heutzutage in Washington wohl schwer sein dürfte, Gehör zu finden – wer mag schon einen Schmarotzer, der zum x-ten Mal zurückkehrt, nachdem er rausgeworfen wurde? – musste er es öffentlich tun. Zum Glück war The Atlantic bereit zu helfen (mehr oder weniger, aber dazu später mehr). Und ja, es handelt sich um denselben Atlantic, der die Epstein-Gräueltaten verharmlost hat.

Wieder einmal wurde Selenskij von den westlichen Mainstream-Medien übermäßig in den Vordergrund gerückt und nutzte ein Gespräch mit dem amerikanischen Journalisten Simon Schuster, um seinen unnachgiebigen Willen zu bekräftigen, bis zum letzten Ukrainer zu kämpfen, oder besser gesagt, bis zum letzten Ukrainer, der nicht reich und gut vernetzt ist. Denn in Selenskijs gemütlichem Kiewer Büro – hübsch dekoriert mit einigen dieser ukrainischen Einheitsabzeichen, die Nazi-Abzeichen zum Verwechseln ähnlich sehen – verliert die Ukraine den Krieg nicht wirklich. Genau wie damals in Deutschland, nehme ich an.

Und da die Ukraine in Selenskijs Welt den Krieg ja nicht wirklich verliert, versucht Selenskij Trump davon zu überzeugen, dass Russland zu einem Frieden gezwungen werden kann – was völlig der Tatsache widerspricht, dass Russland in Wirklichkeit den Krieg gewinnt. Sie verstehen? Es ist ja auch ganz einfach! Wenn Donald das doch nur endlich auch begreifen würde.

Doch Selenskij ist so sehr darauf fixiert, sich wieder in Washingtons Gunst – und Geldbeutel – einzuschmeicheln, dass er übersieht, dass die einfachen Ukrainer genug haben. Oder es ist ihm schlichtweg egal. Fakt ist jedoch: Die Ukrainer sind nicht nur nicht bereit, an die Front zu gehen und in einem völlig vermeidbaren und absolut aussichtslosen Stellvertreterkrieg für den Westen zu sterben, verletzt oder gefangen genommen zu werden, sie rebellieren auch zunehmend.

Tatsächlich haben sie lange genug gezögert, um extrem hohe Raten an unerlaubter Abwesenheit und Desertion zu verursachen: Seit Februar 2022 hat die Gesamtzahl der Strafverfolgungen wegen beider – leicht unterschiedlicher – Arten der Flucht aus dem Militär etwa 300.000 erreicht. Da die Behörden nicht einmal die Kapazitäten haben, alle Fälle zu verfolgen, ist dies mit Sicherheit eine Untererfassung.

Ein weiteres Zeichen für die Weigerung der Ukrainer, für das Selenskij-Regime, seine Sturheit und seine wahnwitzige Außenpolitik zu sterben, ist natürlich die sogenannte "Busifizierung". Dieser relativ neue – und bereits äußerst populäre – Begriff bezeichnet die oft brutalen Menschenjagden von Militärbeamten, die zwangsrekrutieren und ihre Opfer häufig in Kleinbusse zerren. Die Busifizierung ist ein nie endender Skandal in der Ukraine. Sie dauert nun schon seit Jahren an, verschlimmert sich stetig und stößt auf immer breiteren und entschlosseneren Widerstand.

Man betrachte nur einige aktuelle Fakten: Wie die ukrainische Nachrichtenseite Strana.ua berichtet, musste ein hochrangiger ukrainischer Beamter gerade einräumen, dass sich die Zahl der offiziellen Beschwerden gegen die Zwangsrekrutierer, die bei den sogenannten Territorialen Zentren für Rekrutierung (TZK, vergleichbar mit den deutschen Wehrämtern) eingegangen sind, zwischen 2024 und 2025 verdoppelt hat. Doch die offiziellen Beschwerden sind nur die Spitze des Eisbergs. Was viel wichtiger ist, ist der wachsende Widerstand an der Basis. Sowohl die von den TZK-Schergen ins Visier genommenen Männer als auch Umstehende – Familie, Freunde, Kollegen, völlig Fremde, die zufällig anwesend sind – leisten Widerstand.

Auch dies ist nicht beispiellos: Fälle von offenem Aufstand gegen die Zwangsmobilisierung gibt es seit mindestens zwei Jahren. Im vergangenen Herbst wurde beispielsweise ein TZK-Büro in einer Provinzstadt im sonst hypernationalistisch geprägten Westen der Ukraine angegriffen.

Offenbar ist es selbst dort nicht mehr populär, für Selenskijs Krieg und für die NATO zu sterben. Vor drei Monaten griff in der Hafenstadt Odessa eine Menschenmenge ein TZK-Fahrzeug an, um die Gefangenen zu befreien.

Es ist leicht zu verstehen, warum sich die Menschen gegen die Zwangseinweisung in einen hoffnungslosen und sinnlosen Krieg wehren. Doch es gibt noch weitere Gründe: Die Jagdkommandos der TZK sind für ihre exzessive Gewalt berüchtigt und haben sich ihren schlechten Ruf redlich verdient. Selbst der westliche Nachrichtensender Radio Swoboda musste dies schon lange einräumen: Einige ihrer Opfer starben, wurden also von TZK-Angehörigen getötet, bevor sie überhaupt die Front erreichten oder eine Grundausbildung absolvierten (die in der Ukraine kaum als solche zu bezeichnen ist).

Die TZK-Jäger verüben zudem brutale Kleinkriminalität wie Entführungen gegen Lösegeld und Diebstahl. Selbstverständlich ist das ganze System von Grund auf von skrupelloser, blutrünstiger Korruption durchdrungen. Schließlich handelt es sich um die Ukraine.

Diese Misshandlungen und der dadurch hervorgerufene Widerstand haben nicht nachgelassen. Im Gegenteil, alles verschärft sich: Schläge, darunter auch solche mit Todesfolge, dauern an. Anwälten, die den Opfern helfen wollen, werden Gliedmaßen gebrochen. Ein Staatsbeamter, der ein Büro der TZK inspizieren wollte, wurde einfach festgenommen. Man versteht, worauf ich hinauswill: Die TZK-Gangs agieren im Alleingang und sind kaum noch zu kontrollieren.

Dennoch kann man ihnen Widerstand leisten. Wie Strana.ua berichtet, ähneln die eskalierenden Auseinandersetzungen zwischen den Militär-Schlägern und ihren Opfern immer mehr einem "stillen Krieg, diesmal aber innerhalb der Ukraine". Die Ukrainer, und insbesondere die oft hypernationalistische Bevölkerung im Westen des Landes mit der regionalen Metropole Lwow, verstärken ihren Widerstand gegen die unerbittliche Mordlust ihrer eigenen Machthaber. Allein im letzten Monat griffen Männer in Dnjepropetrowsk und Lwow zu Messern, um sich gegen die TZK-Schergen zu wehren. Auch in der Region Lwow haben andere unfreiwillige Rekruten mindestens eine Handgranate und Schusswaffen eingesetzt, um ihre Flucht zu decken. Und so weiter.

Selenskij mag realitätsfremd und, wie der Artikel im Atlantic einräumt, "trotzig" sein. Er mag auch nicht bereit sein, selbst auf seine eigenen Berater zu hören, von denen zumindest einige, wie wir lesen, endlich verstanden haben, dass bald Frieden geschlossen werden muss, sonst wird sich die Lage für die Ukraine nur noch verschlimmern. Doch die Ukrainer im Allgemeinen verweigern sich nicht nur – ungeachtet der massiven Manipulationen durch ihre Medien und der autoritären Unterdrückung durch das Selenskyj-Regime –, sondern handeln demgemäß, und das zu Recht. Sie wurden von ihren "Freunden" aus der Hölle im Westen und ihrem eigenen Regime als Kanonenfutter missbraucht. Ironischerweise brauchen sie eigentlich einen weiteren ihrer berühmten "Maidan"-Aufstände. Aber diesmal ohne westliche Einmischung.

Übersetzt aus dem Englischen.

Tarik Cyril Amar ist Historiker an der Koç-Universität in Istanbul. Er befasst sich mit Russland, der Ukraine und Osteuropa, der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, dem kulturellen Kalten Krieg und der Erinnerungspolitik.

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