Steckt er selbst im Sumpf? – Macron warnt vor Verschwörungstheorien zu Epstein-Skandal

Emmanuel Macron warnt vor Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit Epstein. Dabei gibt es bislang keine Belege, dass Frankreichs Präsident in den Skandal verwickelt ist. Warum also verspürt er den Drang zu einer solchen Warnung? Vielleicht, weil der pädophile Sumpf schon lange in den Élysée-Palast hineingeschwappt ist?

Von Achim Detjen

Laut Frankreichs Präsident Emmanuel Macron betreffe der Fall des verstorbenen US-Sexualstraftäters Jeffrey Epstein – an dessen Tod es mittlerweile jedoch Zweifel gibt – "in erster Linie die USA". Aufklärung im Fall Epstein sei jedoch nötig: "Das System war sehr verzweigt, deswegen muss die Justiz ihre Arbeit unabhängig und in Ruhe machen", sagte Macron.

"Das System war sehr verzweigt, deswegen muss die Justiz ihre Arbeit unabhängig und in Ruhe machen."

Der französische Präsident, der zurzeit von allen Staats- und Regierungschefs weltweit die geringsten Zustimmungswerte innerhalb der Bevölkerung hat, warnte zugleich vor "Verschwörungstheorien" im Zusammenhang mit dem Epstein-Skandal. 

Den Rücktritt des ehemaligen Kulturministers Jack Lang als Direktor eines bedeutenden Kulturinstituts wegen seiner Epstein-Kontakte habe er "zur Kenntnis genommen", sagte Macron bei dieser Gelegenheit. Lang habe damit "eine verantwortungsvolle Entscheidung getroffen".

Während die Veröffentlichung der Epstein-Akten die britische Regierung unter Premier Keir Starmer in eine tiefe Krise gestürzt hat, blieb der Élysée-Palast bislang von den damit verbundenen Erschütterungen verschont. Dabei reichten die "Tentakel des verstorbenen Sexualstraftäters weit in die französische Politik, das Bankwesen und die Kunstwelt" hinein, fasste The Times jüngst zusammen

"Ich bin in der Louvre-Pyramide. Mit der gesamten Regierung", schrieb Epstein an den ehemaligen Trump-Berater Steve Bannon. "Die Macron-Regierung?", fragte Bannon zurück. Daraufhin Epstein: "Ja. Die Eliteminister."

Allerdings scheinen laut The Times "nur wenige von Epsteins Gesprächen mit seinen französischen Kontakten Sex oder junge Frauen zu betreffen", und auch sonst gebe es keinerlei Hinweise auf illegale Aktivitäten. 

Behauptungen, in den Epstein-E-Mails werde insinuiert, dass Macron homosexuell sei oder sich gerne von seiner Frau schlagen lasse, haben sich als Fake News herausgestellt, die auf eine Desinformationskampagne des prorussischen Netzwerks "Storm-1516" zurückgehen soll

Vielleicht hatte Macron ja an solche Fake News gedacht, als er vor Verschwörungstheorien warnte. Im Zusammenhang mit seiner Person gibt es davon so einige. Die wohl bekannteste Verschwörungstheorie wird von der prominenten US-Podcasterin Candace Owens verbreitet. In ihrer Doku-Reihe Becoming Brigitte behauptet Owens, dass Frankreichs First Lady einst keine Lady war. 

"Du wurdest als Mann geboren, und du wirst als Mann sterben"sagte Owens an Brigitte Macron gerichtet. Die Macrons verklagten die US-Amerikanerin daraufhin wegen Verleumdung. 

Mag Owens Behauptung auf den ersten Blick auch absurd erscheinen, so stellt sich unabhängig von deren Wahrheitsgehalt doch die Frage, ob das nicht ohnehin eine Privatangelegenheit des Ehepaars wäre. Wie Emmanuel und Brigitte zusammenkamen, würde jedoch in vielen Ländern der Welt unter das Strafrecht fallen: Er war 15 Jahre alt, sie war 39; er war Schüler und sie seine Lehrerin, die bereits drei Kinder hatte.  

Päderasten und Pädophile: Eine "Schwarze Sonne" scheint im Präsidentenbüro

Viele Franzosen irritierte nicht nur diese "außergewöhnliche" Beziehung, sondern auch das offizielle Präsidenten-Porträt, das Macron nach seinem Einzug in den Élysée-Palast im Mai 2017 anfertigen ließ. Le Monde schrieb dazu:

"Jedes Detail des Bildes trägt wesentlich zur Erzählung bei und lässt sich mehr oder weniger leicht interpretieren: die Pose, sitzend an seinem Schreibtisch; die ihn umgebenden französischen und europäischen Flaggen; die auf dem Schreibtisch arrangierten Bücher – General de Gaulles 'Kriegserinnerungen', aufgeschlagen, Stendhals 'Rot und Schwarz' und Gides 'Früchte der Erde', geschlossen – als Hinweis auf seine literarischen Wurzeln; zwei deutlich sichtbare iPhones, als Symbol für seine Start-up-Vergangenheit."

Was daran irritiert? Dass Macron Die Früchte der Erde (Les Nourritures terrestres, 1897) von André Gide als eine "literarische Wurzel" betrachtet. Gide ist ein bekennender Päderast, der in seinem Buch beschreibt, wie er in die damalige französische Kolonie Algerien reist und dort Jungs missbraucht.

Äußerst fragwürdig fiel auch die Wahl Macrons aus, wenn es um die Ausgestaltung seines Amtssitzes ging. Oder besser gesagt seiner Frau Brigitte, die laut Le Monde seit ihrer Ankunft im Mai 2017 daran arbeitete, "die Dekoration des Palastes zu verändern und zu verfeinern".

So schmückte ein Wollteppich des Künstlers Claude Lévêque den Boden des Büros ihres Gatten, der den Namen Schwarze Sonne trägt. Im Frühjahr 2019 wurden erste Vorwürfe gegen Lévêque wegen der Vergewaltigung Minderjähriger öffentlich.

Zwei Jahre später kündigte Kulturministerin Roselyne Bachelot an, dass die Kunstwerke von Lévêque "sehr wahrscheinlich" bald aus dem Élysée-Palast entfernt werden würden. Doch zwei Jahre später lag der Teppich immer noch in Macrons Büro aus. 

Im Sommer 2023 wurde bekannt, dass sich Lévêque wegen der Vergewaltigung Minderjähriger vor Gericht verantworten muss – der Prozess läuft noch.

Kinder und Jugendliche hatten im Leben und in den Werken des Künstlers eine zentrale Rolle gespielt.

"Claude Lévêque präsentiert die Jugendlichen in seinem Umfeld als seine Patenkinder, Neffen, Assistenten, ja sogar als seine 'Söhne'. Die Kuscheltiere und Teddybären, die er auf seinen Reisen um die Welt mit sich führt, die er zu den Mahlzeiten hervorholt und in jeder Ecke seiner beiden Häuser ausstellt, seien, so der Künstler in Interviews, 'Geschenke von Freunden, Erinnerungsstücke, die zu intim sind, um darüber zu sprechen'", berichtete Le Monde Anfang 2021. 

Im April 2025 enthüllte Libération, dass einige Werke des Künstlers aus Texten von Kindern bestanden, die später Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs gegen ihn erstatteten. Die Enthüllungen der Zeitung hätten "wie eine Bombe in der zeitgenössischen Kunstwelt einschlagen sollen", schrieb daraufhin das Queer-Magazin GAY45,und weiter:

"Stattdessen landeten sie in einer vertrauten Stille – einem sanften, kultivierten Schweigen, als hätte ein Kurator einen Samtvorhang über die Szene gezogen." 

Die Recherchen von Libération legten demnach "nicht nur das jahrzehntelange Muster des mutmaßlichen sexuellen Kindesmissbrauchs" durch den Künstler Lévêque offen, "sondern auch die Komplizenschaft eines ganzen Systems, das ihn mit Geld, Prestige und institutionellem Schutz versorgte". "Dies ist nicht die Geschichte vom Fall eines Einzelnen – es ist die Enthüllung eines Systems", so das Fazit von GAY45.

"Jeder wusste es"titelte Le Monde 2021. 

Dasselbe gilt auch für den französischen Schriftsteller Gabriel Matzneff, der sich in einem Kreis "einflussreicher Freunde" befand, "darunter der Modedesigner Yves Saint Laurent und der ehemalige Präsident François Mitterrand", wie die Los Angeles Times im Jahr 2020 berichtete

"Er schrieb jahrelang über seine Neigung zu Sex mit Kindern. Er sprach offen im Fernsehen darüber. Er wurde vor Jahrzehnten wegen sexuellen Missbrauchs bei der Polizei angezeigt, aber es wurde nie ermittelt", heißt es dort.

"Jahrzehntelang schrieb Gabriel Matzneff offen über seine Pädophilie, geschützt von einflussreichen Persönlichkeiten aus Verlagswesen, Journalismus, Politik und Wirtschaft. Nun, da er geächtet ist, prangert er in einem seltenen Interview deren 'Feigheit' an"schrieb die New York Times im selben Jahr unter dem Titel "Ein pädophiler Schriftsteller steht vor Gericht. Und die französische Elite auch".

Das Sommerhaus der Stars: Wo Eltern ihre Kinder feilbieten

Ein Jahr später wurde Frankreich von der Duhamel-Affäre erschüttert. Der politische Strippenzieher Olivier Duhamel – von den Medien als ein Mann "mit weitreichenden Netzwerken und großem Einfluss" beschrieben – hatte seinen minderjährigen Stiefsohn Antoine jahrelang vergewaltigt und sexuell missbraucht. Bekannt wurde dies, nachdem Antoines Zwillingsschwester Camille Kouchner die Vorwürfe in ihrem Buch La Familia Grande publik machte. Duhamel, der für die Sozialistische Partei von 1997 bis 2004 im Europäischen Parlament saß, gestand die Vorwürfe ein. Strafrechtliche Konsequenzen hatte dies jedoch nicht, da die Straftaten verjährt waren. 

"Die Inzestvorwürfe gegen Olivier Duhamel enthüllen den Schweigekodex innerhalb einer bestimmten Elite"kommentierte Le Nouvel Obs.

Duhamel nutzte sein Sommerhaus in Sanary am Mittelmeer, "um seine Macht zu festigen und seine Netzwerke zu pflegen". Was ein Teil der politischen, künstlerischen und medialen Elite mitsamt ihren Kindern dort so trieb, beschrieb Camille Kouchner in ihrem Buch und wurde von Le Nouvel Obs an anderer Stelle zusammengefasst

So sagte die inzwischen verstorbene Schriftstellerin und Politologin Évelyne Pisier laut Kouchners Erinnerungen zu ihrer zwölfjährigen Tochter: "Weißt du, ich hatte Sex, als ich zwölf war. Liebemachen bedeutet Freiheit. Und du, worauf wartest du noch?"

Abends mussten die Kinder manchmal Sexszenen für ihre oftmals alkoholisierten Eltern nachspielen. Oder die Jugendlichen wurden gebeten, von ihrem "ersten Mal" zu erzählen. Oder Mütter kleiden ihre zwölfjährigen Töchter in aufreizende Outfits, beschmieren sie mit Lippenstift und schicken sie mit dreißig Jahre älteren Männern zum Tanzen.

"In Sanary küssen sich manche Eltern und Kinder auf den Mund. Mein Stiefvater verführt die Frauen seiner Freunde. Die Freunde flirten mit den Kindermädchen. Die Jugendlichen werden älteren Frauen angeboten", schreibt Camille Kouchner.

Wo Personalien entschieden werden: Brigittes geheimnisvolles Mittagessen

Als Emmanuel Macron bei den Präsidentschaftswahlen 2017 in der ersten Wahlrunde die meisten Stimmen erhielt, war der inzwischen in Ungnade gefallene Olivier Duhamel auf seiner Sieges-Party als Gast anwesend. Bemerkenswerter ist allerdings, dass sich Duhamel vor der zweiten Wahlrunde mit Brigitte Macron zu einem, wie die Gala formulierte, "geheimnisvollen Mittagessen" traf.

Ausgehend von einem Sieg Macrons in der zweiten Wahlrunde diskutierten sie darüber, wer der "ideale Premierminister" wäre. Duhamel schlug laut Medienberichten Bruno Le Maire bzw. Jean-Yves Le Drian vor. Der ebenfalls anwesende Frédéric Mion schlug seinen Freund Édouard Philippe vor, der schließlich Premierminister unter Macron wurde, während Le Maire das Amt des Verteidigungsministers bekleidete und Le Drian das Amt des Außenministers. 

Mion saß damals übrigens im Vorstand des einflussreichen, elitären "Instituts für politische Studien Paris", gewöhnlich als "Sciences Po" bekannt, dessen Finanzierung Duhamel als Präsident der "Fondation nationale des sciences politiques" (FSNP) beaufsichtigte. Infolge des Pädophilie-Skandals seines Weggefährten Duhamel trat Premierminister-Macher Mion vom Vorstand von Sciences Po zurück. 

"Transatlantischer Aufruhr": Welches Geheimnis hütet Macron?

Das Bekanntwerden des "geheimnisvollen Mittagessens" war natürlich Wasser auf die Mühlen derer, die glauben, dass es tatsächlich Brigitte ist, die im Élysée-Palast die Hosen anhat. 

Es hätte vor dem Hintergrund besagter Berichte nicht der Veröffentlichung der Epstein-Akten bedurft, um zu wissen, dass einflussreiche Teile der westlichen Eliten moralisch verkommen sind und einen Sumpf bilden, in dem sich Pädophile nur so tummeln – oftmals einhergehend mit okkulten und satanistischen Bezügen.

Oder wie es Tarik Cyril Amar jüngst auf RT DE formulierte: "Der Westen ist ein Sumpf. Und jeder weiß es." Ungewiss ist noch, wie tief die Macrons in diesem Sumpf stecken. 

Vielleicht könnte ja der US-Präsident diese Wissenslücke schließen? Bei einer Durchsuchung von Donald Trumps Anwesen Mar-a-Lago im August 2022 wurde ein Dokument mit dem Titel "Informationen zum französischen Präsidenten" beschlagnahmt. Demnach soll Trump gegenüber engen Vertrauten behauptet haben, dass er Geheimdienstinformationen über Emmanuel Macrons "unartige" sexuelle Angewohnheiten kenne, von denen "nur sehr wenige Leute wissen".

Wie das Magazin Rolling Stone berichtete, habe die bloße Erwähnung des Dokuments in der offiziellen Liste der in Mar-a-Lago beschlagnahmten Gegenstände zu einem "transatlantischen Aufruhr" zwischen Paris und Washington geführt.

Welches Geheimnis Emmanuel Macron wohl hütet, das einen solchen Aufruhr verursacht?

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